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Aus: Ausgabe vom 15.07.2019, Seite 8 / Ansichten

Entschädigungskandidat des Tages: Familie Hohenzollern

Von Kristian Stemmler
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Gerade mit Staatsknete saniert und bezugsfertig: Schloss Cecilienhof in Potsdam

Mit dem deutschen Hochadel verhält es sich wie mit Graf Dracula, für den das Aussaugen anderer irgendwann zur schlechten Gewohnheit wurde. Das Haus Hohenzollern etwa kann einfach nicht aufhören, Reichtümer auf Kosten des Pöbels zusammenzuraffen. Wie der Tagesspiegel am Wochenende ans Licht brachte, fordert die Familie, der das Land Geistesgrößen wie Kaiser Wilhelm II. verdankt, Tausende Kunstwerke aus Museen in Berlin und Brandenburg zurück: Gemälde, Antiquitäten, Porzellan, dazu Archivalien der früheren Preußenkönige.

Seit mindestens fünf Jahren wird demnach schon geheim mit staatlichen Stellen verhandelt, doch jetzt sei Georg Friedrich Prinz von Preußen, Ururenkel des letzten Kaisers, zu weit gegangen. In einem Brief erhebe er »umfangreiche Eigentumsansprüche«, verlange unter anderem ein »dauerhaftes, unentgeltliches und grundbuchlich zu sicherndes Wohnungsrecht« im Schloss Cecilienhof oder in zwei anderen Immobilien in Potsdam, in denen seine Vorfahren residierten.

Das muss man sich mal vorstellen. Wie der Prinz seinen Tee in dem Eckzimmer nimmt, in dem einst kurzzeitig Josef Stalin wohnte. Nämlich im Juli und August 1945 bei der Potsdamer Konferenz, bei der über den Umgang mit dem besiegten Deutschland beraten wurde. Keine gute Zeit für die Hohenzollern, denn die bösen Russen enteigneten sie später entschädigungslos.

Aber mit dem Schloss verbinden sich noch andere Großereignisse. Anfang 1932 empfing Wilhelm Prinz von Preußen, Sohn von Wilhelm Zwo und Urgroßvater von Georg Friedrich, in dem Schloss Adolf Hitler, dem er herzlich zugetan war. Die Zeit schrieb im August 2015 über Wilhelms Nähe zum Regime: »Die öffentliche Solidarisierung des Hohenzollern mit den Schläger- und Mordmethoden der NS-Bewegung darf bemerkenswert genannt werden.« Die Schamlosigkeit der Nachfahren auch.

Debatte

  • Beitrag von Herbert S. aus Eschborn/Ts. (15. Juli 2019 um 15:03 Uhr)
    Das kommt dabei heraus, wenn »man« bei einer Revolution die Schreckensgestalten des alten Regimes nicht an die Wand stellt und alles so lässt, wie es gerade ist: Machtverhältnisse, Eigentum, Vermögen, Rechtssystem, das ganze Führungspersonal. Und dann, 100 Jahre später, muss man dann verhandeln mit den unverschämten Nachfahren des alten Packs. Armes Deutschland.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Teuren Leerstand beseitigen Die Sippe derer von und zu Hohenzollern dürfte somit noch über stattliche Kapazitäten leerstehenden Wohnraumes verfügen. Also, auf geht`s und konfiszieren, statt diesen teuren Leerstand auch noch mit ...
  • Ralf Cüppers: Schädlinge Wenn Familie Hohenzollern jetzt das Erbe von Wilhelm II. antreten will, dann gehören da auch die Schulden dazu. Dann muss die Familie aus ihrem Privatvermögen auch die Entschädigungen zahlen für alle ...

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