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»Amerikanische Lebensart«

Zwei Seiten des 4. Juli: Während Millionen den Nationalfeiertag begingen, waren Tausende Flüchtlinge in Lagern inhaftiert
Von Mumia Abu-Jamal
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Wenn der »Unabhängigkeitstag«, der Nationalfeiertag der USA, am 4. Juli gefeiert wird, dann läuten überall die Glocken, und Politiker werfen sich wortreich in die Brust. Zusammen mit den ihnen verbundenen Konzernmedien bejubeln sie den Tag als ein »Fest der universellen Freiheit«, jenes Mythos, der die Vereinigten Staaten von Amerika erst zu dem mache, was sie seien – ein Hort der Freiheit, Gerechtigkeit und, natürlich, des »American way of life«, der »amerikanischen Lebensart«.

Aber wir sollten diesem Gedanken nicht weiter folgen, denn die »amerikanische Lebensart« ist weit mehr als ein Mythos. Sie ist eine Propagandalüge von ungeheuren Ausmaßen. Während in diesem Jahr Millionen US-Bürger den Nationalfeiertag auf ihre traditionelle Weise begingen und es sich bei Picknicks mit Hamburgern und Hot Dogs gutgehen ließen oder die Staffage für patriotische Paraden mit einem rot-weiß-blauen Flaggenmeer bildeten, mussten gleichzeitig Tausende und Abertausende von Geflüchteten auf nacktem Boden sitzen oder schlafen. Und wenn sie durstig waren, sagte man ihnen, sie sollten aus Toilettenbecken trinken – wie Hunde. Als sich zum Ausklang des Tages Millionen US-Bürger an bunten Feuerwerken erfreuten, versuchten Tausende, wenn nicht Zehntausende Geflüchtete, wenigstens etwas Schlaf zu finden – in schmutzigen Kleidern, die sie seit Wochen am Leib tragen und die sie genausowenig waschen dürfen wie sich selbst.

Das ist die »amerikanische Art«, wie geflüchtete Migranten aus Latein- und Zentralamerika – Frauen, Männer und Kinder – in den USA, dem »Land der Freiheit«, willkommen geheißen werden! Man pfercht sie in »Camps« zusammen, die im Auftrag der Regierung von privaten Gefängnisfirmen betrieben werden und die man zu Recht »Lager« nennt. In ihnen sind sogar kleine Kinder in Drahtverhauen eingesperrt. Das ist die perfide Art, mit der die Enkel und Urenkel der einst in die »Neue Welt« emigrierten Auswanderer aus Europa heute die Migrantinnen und Migranten aus Süd- und Zentralamerika behandeln.

Die reichste Nation der modernen Welt sperrt Tausende Menschen, die vor Gewalt und Unterdrückung in ihren Ländern geflohen sind, in Lagern ein und hofft, sie durch diese Politik der Abschreckung wieder loszuwerden. Das war der legendäre 4. Juli: Während die einen sich im Jubelgeschrei des US-amerikanischen Triumphalismus ergingen, seufzten und stöhnten die anderen und mussten ausharren in stiller Wut und wachsendem Groll.

Übersetzung: Jürgen Heiser

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