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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Pierogi Ruskie

Von Maxi Wunder

Zirka 985.000 polnische Einwanderer leben in Großbritannien, zwei davon lerne ich in einem Vorort von Manchester kennen. Sie sind ein Paar. Milena*, 50, Polin mit litauischen Wurzeln, arbeitet in einer Großbäckerei für umgerechnet 335 Euro die Woche. Ihre Hände sind vom häufigen Desinfizieren angegriffen, ihre Füße brennen in den Spezialschuhen, die sie in der Fabrik tragen muss, acht bis zwölf Stunden täglich. In Polen war sie Grundschullehrerin, verdiente aber so wenig, dass sie nach Großbritannien auswanderte.

Franciszek (43) stellt Schaltkreise her. Das Unternehmen beliefert Polizei und Militär, die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Jeden Morgen vor Arbeitsantritt muss er sich einer biometrischen Personenidentifizierung unterziehen, Gesicht und Hand werden gescannt und sein Atem wird gecheckt: »Ich hauche meinen Namen in das Gerät und wenn ich eine Fahne vom letzten Abend habe, bekomme ich direkt einen Anruf von meinem Vorgesetzten. Normalerweise müsste er mich nach Hause schicken, aber er braucht mich.« Franciszek erhält Mindestlohn, umgerechnet knapp neun Euro pro Stunde. Eine letztens erfolgreich absolvierte Weiterbildung zum Mikroelektroniker könnte ihn bald in eine höhere Gehaltsklasse befördern. Aber Milena winkt ab. »Man hat hier einfach keine Zeit, vernünftig englisch zu lernen, ich spreche immer noch wie in den ersten Wochen. Sofort musst du arbeiten gehen, um zu überleben, beim Englischabendkurs bist du todmüde – und am Wochenende lernen? Vergiss es. Wir sparen für ein Haus in Litauen, auch wegen der Unsicherheit mit dem ›Brexit‹.« Mein wiederholtes Nachfragen, wovon sie in Litauen leben wollen, können sie nicht beantworten. Sie verstehen die Frage nicht.

Sie könnten ein Restaurant eröffnen, finde ich, denn Franciszek ist ein leidenschaftlicher Hobbykoch. Am Wochenende kocht er für 100 Personen im »Catholic polish center« anlässlich des 60. Ordensjubliläums einer Nonne von den »Sisters of mercy for polish immigrants in the United Kingdom«. Wieviel er dafür bekommt, möchte ich wissen. »Nothing«, ist die Antwort. Ihm sei ein gutes Honorar angeboten worden, aber er wolle kein Geld, er tue es aus Liebe. Die Ordensschwestern aus Krakau sind bei den Polen überaus beliebt wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für Hilfebedürftige, angefangen von den ersten Sprachkursen und Behördengängen bis hin zur Sterbebegleitung für alte Landsleute, die schon nach dem Zweiten Weltkrieg nach Großbritannien ausgewandert sind.

Ich darf auch teilnehmen an der Feier, habe aber Bedenken, ob ich als Vegetarierin außer Mohnkuchen etwas essen kann, denn die traditionelle polnische Küche ist sehr fleischbetont. Franciszek macht mir zuliebe eine Schüssel »Pierogi Ruskie«, das sind Teigtaschen mit einer Kartoffel-Zwiebel-Schichtkäse-Füllung:

Die in Plastik eingeschweißten fertigen Teigtaschen aus dem polnischen Supermarkt in kochendes gesalzenes Wasser oder Gemüsebrühe schütten, ein paar Minuten ziehen lassen, herausnehmen und mit etwas Sauerrahm und Petersilie servieren. Auch ohne Zähne angenehm zu lutschen.

* Namen von der Redaktion geändert

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