Gegründet 1947 Donnerstag, 18. Juli 2019, Nr. 164
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Rudolstadt-Festival

In allen Ecken Musik

130 Bands aus 55 Ländern und mehr als 100.000 begeisterte Besucher beim 29. Rudolstadt-Festival. Länderschwerpunkt: Iran (Text) sowie Dietmar Koschmieder und Jens Schulze (Fotos)
Von Thomas Behlert
8P5A0883_Dietmar Koschmieder.JPG
Die Rock 'n' Roller Gankino Circus lieferten halsbrecherische Akrobatik und Bohrmaschinen-Sirtaki

Wo ansonsten die Bürgersteige nach 19 Uhr hochgeklappt werden und die AfD bei der EU-Wahl den Sieg davontrug, versammelten sich am vergangenen Wochenende mehr als 100.000 Besucher, um Musik zu genießen, die ansonsten ganz weit weg ist und im Radio keine Chance hat. Was gab es beim Rudolstadt-Festival nicht alles zu bewundern: zum Auftakt die Frauenband Singing The Truth, die bekannte Songs von Nina Simone bis hin zu Aretha Franklin in ihren ganz eigenen Versionen interpretierten. In allen Ecken spielten Musiker, in offenen Höfen, im Heinepark, auf der Heidecksburg und vor allem in den Straßen der Kleinstadt. Von Donnerstag an schaute Rudolstadt in die weite Welt, die leise und laut, tanzbar und immer hörbar die 30 Bühnen bespielte. 130 Bands aus 55 Ländern waren zu bewundern, hinzu kamen Straßenmusiker, die immer irgendwo aufspielten.

Der Leipziger Erik Manouz, der sich selbst »weltmusikalischer Troubadour« nennt, schaffte es mit seiner internationalen Band die Pendler zwischen den Bühnen zum Tanzen und Verweilen einzuladen. Oder die fünf griechischen Sänger und acht Instrumentalisten, die ihrem musikalischen Helden Markos Vamvakaris (1905–1972) Tribut zollten und die Zuschauer Sirtaki tanzen ließen, auch wenn dies ein für »Alexis Sorbas« erfundener Tanz ist. Herrlich, was es sonst noch im weiten und staubigen Rund zu hören gab. Entscheidungen fielen schwer, denn es klang in der Ferne schön, aber auch auf der nahen Bühne. Auf der Heidecksburg spielte Otto Lechner aus Wien sein Akkordeon mit solcher Inbrunst, dass die Bezeichnung »Ray Charles des Akkordeons«, die ein Tanzender am Bühnenrand äußerte, vollkommen zutraf. Neben Reggae, Blues, Folk, HipHop, Klezmer und abgefahrenem Swing erklang auch das Hackbrettspiel von Rudi Zapf aus Oberbayern, der den diesjährigen deutschen Weltmusikpreis »Ruth« erhalten hat. Mit seinem Instrument stellt er Verbindungen zwischen verschiedenen Kulturen her: Er spielte andalusische Stücke, »Levanta Poeira« aus Brasilien und erzeugte mit Ensemble kubanische Klangbilder.

Mit dem Schwerpunkt Iran wollten die Veranstalter einen Eindruck von der lebendigen Kulturszene des Landes vermitteln, die alte Melodien in die heutige Zeit überträgt. Zehn bejubelte Ensembles zeigten, wie das funktioniert. Der Auftritt von Mahdieh Mohammad-khani war dabei ein besonderer, denn weiblicher Sologesang ist im Iran verboten. Gemeinsam mit iranischen Musikern und den Thüringer Symphonikern unter dem Dirigenten Oliver Weder führte sie im Schlosshof das sechsteilige Werk »Pardis« (Paradies) vom Komponisten und Tar-Spieler Hamid Motebassem auf. Es verbindet Orient und Okzident und vermittelte dem begeisterten Publikum damit eine ganz neue Hörerfahrung.

Die Bigband der finnischen Sibelius-Akademie, die traditionelle Folk-, Walzer- und Polka-Stücke spielte, ließ das Auftrittszelt beben. »Hasenscheisse« aus Berlin und Potsdam sorgten mit frechen Texten für Heiterkeit und bewarben gleichzeitig die Aktion »Eine Million gegen rechts«, mit der Geld für soziokulturelle Zentren und selbstverwaltete Jugendhäuser gesammelt wird. Politisch relevant auch die Auftritte der Musiker aus Taiwan, Rapa Nui, Borneo und Madagaskar. Deren Inseln droht durch die Klimakrise der baldige Untergang, gemeinsam mit der Filmproduzentin BaoBao Chen stellten sie ihr Musikprojekt »Small Island Big Song« vor.

Mit ruhigen Blues- und Folksongs von den kanadischen Cowboy Junkies wurde das Festival am Sonntag beendet. Mögen die Internationalität, die Solidarität und der musikalische Kampf für eine bessere Welt in Thüringen nachwirken. Mindestens bis zum 2. Juli 2020, wenn die 30. Auflage des Rudolstadt-Festivals beginnt.

    8P5A0907_Dietmar Koschmieder.JPG
    Auf rund 30 Bühnen traten Bands und Solisten vor ein begeistertes Publikum
    8P5A0566_Dietmar Koschmieder.JPG
    Weltmusik zum Tanzen und Träumen
    8P5A0527_Dietmar Koschmieder.JPG
    »Small Island Big Song«: Erhebende Musik, Plädoyer für Klimaschutz und Hymne aufs Leben in Gemeinschaft
    8P5A0967_Dietmar Koschmieder.JPG
    Beim Kinderfest im Heinepark haben auch die kleinen Gäste Spaß
    8P5A0947_Dietmar Koschmieder.JPG
    Quiana Parler, Sängerin von Ranky Tanky (USA), singt einen Mix aus Blues, Spirituals, Jazz und Funk
    20190705 TFF Querschnitt F Jens Schulze (138).jpg
    Die vielen Straßenmusikerinnen und -musiker, hier Lena Beyer, machen die besondere ­Atmosphäre des Festivals aus
    20190705 TFF Querschnitt F Jens Schulze (200).jpg
    Baran Mozafari (2. v. r.) aus dem südlichen Iran hält den traditionellen weiblichen Gesangsstil lebendig
    Monica Njava von der Band Toko Telo gehört zu den renommierteste
    Monika Njava von der Band Toko Telo gehört zu den renommiertesten Musikerinnen und Musikern Madagaskars
    Inspiriert durch die französischen Tambours lieferten Blechlawin
    Inspiriert durch die französischen Tambours lieferten Blechlawine eine spektakuläre Trommelperformance
    Auch das Musikmagazin für Gegenkultur, Melodie & Rhythmus, war w
    Auch das Musikmagazin für Gegenkultur, Melodie & Rhythmus, war wieder in Rudolstadt dabei
    Die Musiker von Jil Gnawa aus Marokko mit der traditionellen Met
    Die Musiker von Jil Gnawa aus Marokko mit der traditionellen Metallklapper Qarqaba
    Rotzfreche Asphaltkultur: RAK spielten wieder in Rudolstadt auf
    Rotzfreche Asphaltkultur: RAK spielten wieder in Rudolstadt auf

Ähnliche:

  • Bis die Sandalen glühen: Das Rudolstadt-Festival bietet alljährl...
    01.07.2019

    Offene Türen

    Ausblick aufs Rudolstadt-Festival Anfang Juli

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage