Gegründet 1947 Donnerstag, 18. Juli 2019, Nr. 164
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Keine Extremisten, sondern Helden

Zu jW vom 10.7.: »Geheimdienst warnt vor Abschiebegegnern«

»Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) werde zunächst fünf Mitarbeiter einstellen, die ›rechtsextremistische Aktivitäten‹ im Internet beobachten sollen.« – Heißt das nun, dass man die Strukturen beobachten will, welche man selber finanziert und aufgebaut hat?

Egal ob NSU oder der perverse Mord an Walter Lübcke, immer taucht der Verfassungsschutz, völlig unabhängig vom Bundesland, in den Strukturen der jeweiligen Organisation auf. Das muss doch zu denken geben, oder? Inwieweit der Verfassungsschutz in die Morde selber verstrickt ist, können wir nur erraten bzw. erahnen.

Die »neue bürgerliche Mitte«, selbsternannt, nachdem die Rassisten der AfD das rechtskonservative Spektrum besetzt hatten, gerät regelmäßig in Glückseligkeit, wenn sie die Möglichkeit bekommt, öffentlich links und rechts in einen Satz zu packen. Immer unter dem Begriff des Extremismus. Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken und mutige Menschen ihnen zu Hilfe eilen, lieber Herr Grote (Hamburgs Innensenator, jW), sind diese Menschen keine Extremisten, sondern Helden! Ich empfehle Ihnen, beim Thema Extremismus mal unter Ihren V-Leuten zu suchen, da werden Sie gewiss schnell fündig.

David Schwarzendahl, Stellvertretender Landesvorsitzender von Die Linke (Rheinland-Pfalz)

»Verschwörungstheoretiker« KKE?

Zu jW vom 6.7.: »Krisenmanager gesucht«

Der Autor des Artikels macht es sich genauso leicht wie jene antikommunistischen »Linken« der BRD, die 2014 erst Syriza, Tsipras und Varoufakis als Messiaserscheinungen feierten, um sie danach ab Mitte 2015 still und leise zu vergessen. Auch Ihr Autor wedelt zunächst mit dem antikommunistischen Entree-Billet, bevor er fallenlässt, mit den Positionen der KP Griechenlands zu Syriza müsse man sich gar nicht erst auseinandersetzen. Das ist schwach, aber typisch. Eine Linke der BRD, die auf diesem Level bleibt, hat keinerlei Chance, die Macht des deutschen Imperialismus erfolgreich herauszufordern. Genau das aber wäre die wirkliche internationalistische Hilfe für die griechische Arbeiterklasse und das griechische Volk, die dringend nötig wäre – für ihre und ­unsere Freiheit.

Hans Christoph Stoodt, per E-Mail

Begeisterte Herwegh-Forscherin

Zu jW vom 4.7.: »Mein ganzer Reichtum ist mein Lied«

Den Inhalt des nun erschienenen Bandes der Herwegh-Gesamtausgabe, seine von 1833 bis 1848 entstandene Prosa, tut der Rezensent mit einem Absatz ab (dem vorletzten). Die an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften seit 1961 existierende »Arbeitsstelle Herwegh« wurde schon 1965 wieder geschlossen, und von der dort geplanten Gesamtausgabe durfte lediglich der Band »Frühe Publizistik 1837–1841« erscheinen (1971), alles andere erst nach 1990. Das Hauptverdienst am Zustandekommen dieser Ausgabe kommt zweifellos Ingrid Pepperle zu, aber den Philosophiehistoriker Heinz Pepperle, mit dem sie seit Jahrzehnten verheiratet ist, als ihren »Mitarbeiter« zu bezeichnen, ist wohl etwas tiefgestapelt. Schade, dass diese Edition, die Zeugnis ablegt von der unverdrossenen, auch unter widrigsten Bedingungen fortgesetzten Arbeit einer begeisterten Herwegh-Forscherin, in der jungen Welt eine derart kenntnislose Rezension bekommen hat.

Thomas Kuczynski, Berlin

Katastrophale Flüchtlingspolitik

Zu jW vom 8.7.: »Gebt die Häfen frei!«

Wo stehen wir, die sogenannte europäische Gemeinschaft, wenn die Menschenrechte von Flüchtlingen bei Inanspruchnahme dieser universalen Wertsetzungen nicht eingehalten werden »können«? Wo stehen wir, wenn Lebensretter nach geltendem Recht kriminalisiert werden ­dürfen?

Steht die menschliche Selbstbehauptung nur jenen zu, die ohnehin das Glück hatten, in ein relativ sicheres (…) Leben hineingeboren worden zu sein? Ist deren genuiner Anspruch auf Würde und Teilhabe hiernach ohnehin ein ganz anderer? Nein, natürlich nicht. Und Seenotretter wie etwa Carola Rackete sind nicht allein deshalb Helden, weil wir als Gesellschaft durch Egoismus, fahrlässige Trägheit und Uneinigkeit scheitern und den Menschen in offensichtlicher Not nicht das Mindeste an Humanität zu zeigen. Carola Rackete wehrt sich eindrücklich gegen dieses Scheitern. Sie dringt darauf, dass die Setzung von rechtlichen Normen und verbindlichen Anordnungen, nicht zuletzt die Reform der untauglichen ­»Dublin-Regeln«, endlich den tatsächlichen Umständen und Erfordernissen unserer Zeit angepasst und somit die bislang katastrophale Flüchtlingspolitik der EU endlich entscheidend verbessert wird. Denn nach wie vor trifft allemal das zu, was bereits Mahatma Gandhi formulierte: »Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.«

Ira Bartsch, per E-Mail

Nicht das erste Mal

Zu jW vom 5.7.: »Zu Tode gekürzt«

Angesichts der Tatsache, dass fast 50.000 Unterschriften für mehr Personal in Krankenhäusern für ein Volksbegehren in Berlin gesammelt worden sind und dieses vom »rot-rot-grünen« Senat abgelehnt wurde, erinnere ich mich des ehemals ältesten Kinderkrankenhauses »Theodor Auerbach« in der einstigen Kniprodeallee zwischen Hohenschönhausen und Weißensee, das nun seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf als Ruine verkommen ist. Damals sammelten vor allem Hohenschönhausener Eltern für dessen Erhalt 10.000 Unterschriften, und ich bemühte mich um mündlichen wie schriftlichen Kontakt zu dem im Wahlkreis zuständigen PDS-Bundestagsabgeordneten. Ein leeres Versprechen in einem einzigen Brief trotz mehrfacher Nachfrage war das Resultat. (…)

E. Rasmus, per E-Mail

Die »neue bürgerliche Mitte« gerät regelmäßig in Glückseligkeit, wenn sie die Möglichkeit bekommt, öffentlich links und rechts in einen Satz zu packen. Immer unter dem Begriff des Extremismus.