Gegründet 1947 Freitag, 19. Juli 2019, Nr. 165
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Tradition verpflichtet

»Kein Kläger«: Eine Theaterperformance in München über die deutsche Justiz und ihre Nazis
Von Sebastian Lipp
Kein Kläger, Chr. Mudra, © Verena Kathrein_B8A980362.jpg
Allein, allein: Bayrische Gerichte lassen die Netzwerke hinter Rechtsterroristen lieber im dunkeln (Performance »Kein Kläger«)

Applaus von johlenden Neonazis: Das war der Schlussakkord eines der wichtigsten Nachkriegsprozesse der BRD-Geschichte, in den sich das Schluchzen der Hinterbliebenen der Opfer des »Nationalsozialistischen Untergrunds« mischte. Justizwachtmeister blieben untätig, einer der von Richter Manfred Götzl verurteilten Neonazis verließ den Saal als freier Mann, ein anderer würde kurz darauf ebenfalls freikommen. Wenig später bekam Bayern sein 2006 aufgelöstes Oberstes Landesgericht zurück, Götzl wurde zu dessen Vizepräsidenten befördert. Ausgerechnet bei den beiden aktiven Neonazis unter den Angeklagten blieb das Gericht weit unter der Strafmaßforderung der Bundesanwaltschaft und sendete damit ein fatales Signal an die faschistische Szene. Am vergangenen Donnerstag konnte man sich diese Situation am Strafjustizzentrum vergegenwärtigen, genau ein Jahr nachdem am 11. Juli 2018 das Urteil gesprochen war.

Es ist nur eine der Szenen, die am Donnerstag abend im Rahmen der Erstaufführung der Performance »Kein Kläger« an verschiedenen Orten im Münchner Stadtraum nachgespielt wurden. Sie ist der letzte Teil einer Trilogie von Christiane Mudra, die aufräumen will mit dem »Mythos der Entnazifizierung«. Nach »Wir waren nie weg – die Blaupause« (2015, Exekutive) und »Off the record – die Mauer des Schweigens« (2016, Legislative) beleuchtet »Kein Kläger« die Kontinuitäten zwischen dem deutschen Faschismus und der BRD-Judikative. An historischen Orten begegnet das Publikum Schauspielern und kann sich mittels einer eigens entwickelten App etwa Zeitzeugeninterviews ansehen.

Schauspieler und Zuschauer bleiben vor dem Strafjustizzentrum – und treten eine Zeitreise in das Jahr 1924 an, als sich Adolf Hitler wenige hundert Meter entfernt im Hauptlesesaal der Zentralen Infanterieschule für seinen Putsch vom 8./9. November 1923 wegen Hochverrats verantworten sollte. Das Urteil fiel am 1. April. Der vorsitzende Richter Georg Neithardt verhängte die Mindesstrafe und verwies auf den »rein vaterländischen Geist und edelsten Willen« der Putschisten. Im Gerichtssaal erschollen »Bravo, Bravo!«- und »Heil! Heil!«-Rufe. Hitler wurde bereits im Dezember wieder aus der Festungshaft entlassen, Richter Neithardt später von den Nazis zum Präsidenten des Oberlandesgerichts München ernannt. »Wie beim NSU!« So die Rufe der Schauspieler in den Rollen der Hinterbliebenen der Terroropfer.

Die Zeitreise der Performance führt in die dunkelsten Kapitel der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Mudras Werk zeigt in bedrückender Unmittelbarkeit: Gerade in der BRD-Justiz blieben viele frühere NS-Täter in Amt und Würden. Sie behinderten und verhinderten die juristische Aufarbeitung der faschistischen Terrorherrschaft. Noch 1962 waren 80 Prozent der Richter in den Strafsenaten des Bundesgerichtshofs bereits in der NS-Justiz tätig gewesen.

Mit Originalzitaten aus Gerichtsprotokollen, Gutachten, Behördenschreiben und anderen zeitgeschichtlichen Dokumenten werden den Zuschauern weitere Kontinuitäten verdeutlicht: Auch im Umgang mit faschistischen Attentätern zeigt gerade die Münchner Justiz eine deutliche Tendenz zur Verharmlosung und Entpolitisierung. Vom Oktoberfest-Attentat 1980 über den NSU bis zum Anschlag Olympia-Einkaufszentrum 2016 – immer wieder werden »Einzeltäter« verantwortlich gemacht, Netzwerke, in die sie eingebunden waren, bleiben dagegen weitgehend unangetastet. Treibende Kraft der Aufklärung sind mutige Einzelkämpfer, Opfervertreter, Journalisten und eine kleine kritische Öffentlichkeit. Im »Land der Richter und Henker« (Karl Kraus) hat auch das Tradition.

Weitere Vorstellungen: 13./14., 17.–19. sowie 21. Juli, jeweils 19.30 Uhr

christianemudra.de

investigativetheater.com

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Ayse Yozgat (links) und Beate Zschäpe (Gerichtszeichnung von 201...
    09.08.2018

    Brüder, die schweigen

    Neonaziterror und Staatsräson, zweierlei dubiose Zeugen und die »Dramaturgie einer großen Zicke«. – Ein Rückblick auf fünf Jahre NSU-Prozess
  • Der Angeklagte Ralf Wohlleben im Gerichtssaal (2015)
    08.02.2018

    Nebenklage wieder am Zug

    NSU-Prozess: Befangenheitsantrag abgelehnt, Schlussvorträge gehen weiter
  • Der Angeklagte Andre E. am 16.12.2014 im Gerichtssaal in München
    15.09.2017

    Emingers letztes Aufgebot

    NSU-Prozess: Mitangeklagter Neonazi stellt nach Haftbefehl Befangenheitsantrag

Regio:

Mehr aus: Feuilleton