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Aus: Ausgabe vom 13.07.2019, Seite 5 / Inland
Automobilkrise

Abzocke statt Zukunft

Belegschaft des Autozulieferers Mahle wehrt sich gegen Stellenkahlschlag. Demonstration vor Konzernzentrale. Aufgerufen hatte IG Metall
Von Tilman Baur
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Smart mit Elektromotor neben Jörg Stratmann, dem Geschäftsführer der Mahle GmbH (Stuttgart, 13.5.2019)

Unter dem Motto »Zukunft statt Abzocke 2.0« haben Beschäftigte des Stuttgarter Mahle-Konzerns am Freitag vormittag gegen den geplanten Stellenabbau demonstriert. Die Gewerkschaft IG Metall hatte zu der Kundgebung aufgerufen, die zeitgleich zu einer Sitzung des Aufsichtsrats stattfand. Mehrere hundert Teilnehmer folgten dem Aufruf und versammelten sich trotz Nieselregens vor der Konzernzentrale in Stuttgart-Feuerbach.
Der Automobilzulieferer, der zuletzt einen Jahresumsatz von 12,6 Milliarden Euro verbucht hat und weltweit knapp 80.000 Menschen beschäftigt, kündigte im Frühjahr einen Sparkurs an, der einen drastischen Stellenabbau beinhaltet. Besonders davon betroffen sind verschiedene Standorte in Stuttgart selbst, wo Mahle bis Ende 2020 von den 4.300 Stellen 387 abbauen will. Die Belegschaft hatte von den Plänen aus der Zeitung erfahren. Darüber hinaus will die Geschäftsführung bis 2020 den Standort in Öhringen schließen, einer Kleinstadt im Nordosten des Landes. 240 Angestellte wären dort betroffen, sollte Mahle die Pläne umsetzen.

Mahle-Geschäftsführer Jörg Stratmann hatte im Mai angekündigt, den Konzern verschlanken und alle Standorte auf den Prüfstand stellen zu wollen. In Deutschland gibt es 26 Standorte, weltweit 160. Vor allem in Öhringen ist die Wut auf die Verantwortlichen groß. Das Sparprogramm empfinde man als »Psychoterror«, sagte Sonja Hanselmann, die Betriebsratsvorsitzende des Standorts, am Freitag. Sie kritisierte den Stil des Unternehmens, dessen Vertreter im Juni in einer nur neunminütigen Ansprache der Belegschaft die anstehende Schließung des seit 56 Jahren bestehenden Betriebs verkündet habe. »Unter aller Sau« sei das gewesen, so Hanselmann. Mahle habe den Schritt damit begründet, dass das Werk in Öhringen nicht das erforderliche Umsatzniveau erreicht habe, keine zukunftsfähigen Produkte herstelle und deshalb wirtschaftlich nicht mehr tragbar sei.

Verantwortlich für diese Verfehlungen sei aber die Geschäftsführung selbst, sagte Hanselmann. Diese habe gründlich dabei versagt, eine Zukunftsstrategie für den Standort zu entwickeln. Die Streichung Öhringens von der Mahle-Landkarte sei falsch und unmoralisch und widerspreche dem Stiftungsgedanken der Mahle-Brüder, die dem Erhalt von Arbeitsplätzen stets Vorrang vor Umsatz- und Gewinnmaximierung eingeräumt hätten, sagte die Betriebsratsvorsitzende. Obwohl der Konzern genug Geld für weitere Investitionen in Deutschland hätte, investiere er in Werke wie jenes im rumänischen Timisoara, so Hanselmann. »Dabei macht das rumänische Werk Minus, und es werden Löhne gezahlt, die nicht zum Leben reichen.« Nötig seien statt dessen Investitionen hierzulande, zum Beispiel in die Weiterbildung von Mitarbeitern. In Öhringen gebe es ein großes Entwicklungspotential.

Aufsichtsratsmitglied und Gewerkschafter Uwe Meinhardt sagte, Mahle nehme den Transformationsprozess hin zur Digitalwirtschaft als Vorwand für einen massiven Stellenabbau. Diesen hätte der Konzern am liebsten bereits vor zehn Jahren im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise vollzogen, so Meinhardt, doch habe man das damals verhindern können. Diese aus Unternehmersicht »verpasste Chance« wolle Mahle nun nutzen. Das gelte es nun abermals zu verhindern, so der Gewerkschafter. Es sei zwar richtig, dass der Wandel in der Metallindustrie tiefgreifend sei und nichts so bleiben werde, wie es ist. Arbeitsplätze zu opfern sei indes keine Option. Das Motto laute statt dessen »Mit allen durch die Krise«. Meinhardt warb außerdem für die Einführung des Transformationskurzarbeitergeldes. Die IG Metall will damit Beschäftigte in Betrieben unterstützen, die vom technologischen Strukturwandel besonders betroffen sind. In Phasen von Umbaumaßnahmen soll das Geld dabei helfen, Entlassungen zu verhindern, Einkommensverluste während eines Arbeitsausfalls zu minimieren und Weiterbildungsmaßnahmen zu finanzieren. »Die Arbeitgeberverbände blockieren den Vorschlag, obwohl sie selbst etwas davon haben könnten«, kritisierte Meinhardt.

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