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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Jede Stimme eine Frau

Lusophones bei der »Wassermusik 2019« im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit der Brasilianierin Virgínia Rodrigues
Von Markus von Schwerin
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Sinn für kuriose Kontraste: Virgínia Rodrigues

Wenn Virgínia Rodrigues am Samstag mit ihrer dreiköpfigen Akustikband die Bühne auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) vor den Amazones d’Afrique bespielen wird, könnte sie das Motto des diesjährigen »Wassermusik«-Festivals (»Black Atlantic Revisited«) direkt auf sich beziehen. Trat die Sängerin aus Salvador de Bahia doch schon vor fünfzehn Jahren bei der ersten »Black Atlantic«-Konzertreihe auf. Und 1998, zu Beginn ihrer internationalen Karriere, war sie im Rahmen des damaligen »Encontros«-Festivals das erste Mal in der »Schwangeren Auster« zu sehen.

Über die märchenhafte Geschichte der afrobrasilianischen Köchin, die im Kirchenchor von einem Theaterintendanten entdeckt, in einem Stück prominent besetzt und von Caetano Veloso gehört, gesehen und gefördert wird, berichtete seinerzeit auch die deutsche Jazzfachpresse. Nicht zuletzt, da sich auf dem Debüt »Sol Negro« dank Velosos künstlerischer Leitung mit Gilberto Gil, Djavan und Milton Nascimento das männliche Who’s who der Música Popular Brasileira einfand. Doch war es vor allem die Kombination aus Rodrigues’ klassisch anmutender Altstimme und der meist nur auf Konzertgitarre und Minimalperkussion basierenden Instrumentierung ihres damaligen Produzenten Celso Fonseca, welche die Mixtur aus halb so schnell gespielten Sambastandards und eigens für sie geschriebenen Liedern so besonders machte.

Mit Auftritten in der Londoner Royal Albert Hall oder im Pariser Bataclan waren für Virgínia Rodrigues gute Voraussetzungen gegeben, auch in Europa eine Karriere zu etablieren, wie es etwa Cesária Évora gelang. Doch im Unterschied zur kapverdischen Lebefrau machte Rodrigues auf hiesigen Bühnen einen eher kapriziösen Eindruck. Was möglicherweise auch am etwas statischen Programm lag. Zwar ging die »Slow Samba«-Formel bei der Folgeplatte »Nós«, wo sich Rodrigues dem Repertoire berühmter Karnevalsgruppen annahm, nochmal auf. Doch die Konzerte hätten mehr Spannungsbögen vertragen können.

2004 präsentierte sie dann im HKW ihr drittes Album »Mares Profundos«, welches die »Afro-Sambas« enthielt, die der Bossa-Nova-Gitarrist Baden Powell Mitte der 60er Jahre mit dem dichtenden Diplomaten Vinícius de Moraes geschrieben hatte. Klassiker wie »Tristeza e solidão« oder »Canto de Ossanha« von einer gebürtigen Bahianerin interpretiert – einige Kritiker sahen darin die mustergültige Aufnahme dieses Liederzyklus. Doch die Resonanz auf die üppig arrangierte Hommage blieb hinter den Erwartungen zurück und das als »Neubeginn« (»Recomeço«) titulierte Album von 2008, auf dem sie u. a. Jobim-Balladen zu Klavierbegleitung interpretierte, wurde nur noch in Brasilien veröffentlicht.

Aber selbst dort wurde es ruhig um Virgínia Rodrigues, bis sie Mitte dieses Jahrzehnts Tiganá Santana begegnete und in ihm einen so verständigen Förderer fand wie einst in Caetano Veloso: Der 36jährige mit der angenehmen Baritonstimme (die man 2017 im HKW auf dem »No! Music«-Festival mit Milton-Nascimento-Melodien hören konnte) hat nicht nur ihre letzten zwei Werke produziert, sondern bezieht sie verlässlich in besondere Konzertprojekte mit ein wie zu Jahresanfang bei der Hommage an den bahianischen Liedautoren Dorival Caymmi.

Während Santana ihr für »Mama Kalunga« (2015) vergessene Perlen afrobrasilianischer Musik nahelegte und fünf eigene Stücke beisteuerte, bestärkte er sie bei »Cada Voz é uma Mulher« (»Jede Stimme ist eine Frau«) im Vorhaben, ausschließlich Lieder lusophoner Komponistinnen auszuwählen. Dazu zählen Landsfrauen wie Aliza E, Lara Rennó, Mathilda Kovak und Luedji Luna (die vergangenen Freitag die »Wassermusik« eröffnete) ebenso wie Aline Frazão aus Angola, Lenna Bahule aus Mosambik und die aus den Kapverden stammende, jedoch in Paris lebende Mayra Andrade und die Lissabonnerin Sara Tavares.

Bei der Wahl der Songs, sei es Aline Frazãos unverhüllt homoerotische Liebeserklärung an den Tropenbaum Sumaúma, sei es Sara Tavares Stoßgebet für etwas mehr Luft zum Atmen (»Ter Peito e Espaço«) oder Lenna Bahule experimentell-narratives »Yimbelelani«, hat Virgínia Rodrigues wieder Geschmack bewiesen. Nur ob ihre stets getragene (live oft von einem Violoncello untermalte) Vortragsart dem Charakter der Stücke mehr Tiefe verleiht, muss zumindest im Fall von Mayra Andrades im Original unübertroffen leichtfüßigem »Stória, Stória« bezweifelt werden – selbst wenn die Verfasserin hier als Duettpartnerin mitwirkt.

Doch dass darauf ein Lied von Carolina Maria de Jesus folgt, zeigt immerhin Sinn für kuriose Kontraste: Die 1960 durch ihren Erfahrungsbericht »Quarto de despejo« (als »Tagebuch der Armut« in der BRD und der DDR erschienen) zur Bestsellerautorin aufgestiegene Favelabewohnerin nahm im selben Jahr eine LP mit Tanzorchester auf und zeigte sich als Sängerin von ihrer unerschrocken-heiteren Seite. Und davon ist auch in Virgína Rodrigues’ Version noch etwas spürbar.

Virgínia Rodrigues (sowie Les Amazones d’Afrique und Filmprogramm): 13. Juli, Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 19 Uhr

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