Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. Juli 2019, Nr. 166
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Die blutige Nacht

»Die Hugenotten« von Giacomo Meyerbeer an der Dresdener Semperoper
Von Stefan Amzoll
S 11.jpg
»Arien und Duette größter Empfindsamkeit und innerer Erregung« (Szene aus »Die Hugenotten«)

Der Konflikt ist von Anfang an virulent, obwohl Kräfte der Versöhnung nicht fehlen. Historischer Hintergrund sind die Hugenottenkriege während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Giacomo Meyerbeer hat, was in der Oper an Liebe, Zerwürfnis und Krieg vorgeht, alles erfunden, außer der Bartholomäusnacht (1572). Trotzdem ist sein Werk, an dem der Theaterkomponist zahlreiche Korrekturen noch während der Proben zur Uraufführung an der Grand Opéra Paris 1836 vornahm, in sich stimmig. Drei Librettisten nahm er (neben sich selbst) in Anspruch: Eugène Scribe, Gaetano Rossi und Émile Deschamps. Vier Jahre arbeitete der bei Berlin geborene Jude Meyerbeer an seiner Oper. Ein kolossales Werk. Genügend Skizzen, Entwürfe, Fassungen liegen vor, so dass die Regisseure aus dem vollen schöpfen können. Das tat Peter Konwitschny und brachte das grandiose Werk nun auf die Bühne der Semperoper Dresden.

Eingriffe der höfischen Politik in die Vorgänge um die Bartholomäusnacht (der Stärkere siegt, und der Papst feiert das Ereignis) seien nicht belegt, heißt es bisweilen unter Historikern. Das ist falsch. Meyerbeer spiegelt solche Ereignisse, und die Regie arbeitet sie besonders heraus. Was der Komponist aufgrund der Zensur seinerzeit streichen musste, nämlich den Auftritt der Befehlsgeberin des Massakers, führt Konwitschny in Gestalt der Königsmutter Catherine de Médicis (Sabine Brohm), eine Karikatur von Theresa May, wieder ein. Und er verschärft jene Stufe um Stufe eskalierenden Konflikte.

Schon die Intrada zu Beginn klingt wie ein Choral aus der Feder Luthers oder Bachs, obwohl doch zu einem Umtrunk im Hause des Grafen Nevers geladen ist (erster Akt). Junge katholische Adlige feiern ein wildes Fest. Eingeladen ist auch der Hugenotte Raoul (John Osborn), der zuvor eine Frau, ohne sie zu kennen, vor zudringlichen Herren geschützt hat. In ihm erwacht eine große Liebe zu ihr, die im fünften Akt in der »Bartholomäusnacht«, dem Blutbad an der Seine, ihren tragischen Ausdruck findet. Mit Luthers Kampflied »Ein feste Burg ist unser Gott« auf den Lippen (es führt leitmotivisch durch die Akte) bringt der Diener Raouls, Marcel (John Relyea), das Fest zum Kippen. Marcel ist der große Plebejer in den »Hugenotten«, glühender Protestant, voller Hass wider die Katholiken, so intolerant und kampfentschlossen wie diese. Aus anderem Teig geknetet als Brechts Plebejertypen.

Die Parteien schenken sich nichts. Klar geschieden sind sie auch in dem, was sie anhaben, die einen Tiefschwarz (Hugenotten), die anderen Samtrot – so gehen sie aufeinander los (Kostüme: Johannes Leiacker). Wichtig zu wissen für das Verständnis der Oper: dass auf der geschichtlichen Bühne die gegnerischen Seiten gleichermaßen intolerant und gewalttätig auftraten. Die Gegenreformation, extrem gespiegelt in der »Bartholomäusnacht«, ist der eine relevante Reflexpunkt der Oper. Der andere, verdrängte, was die europäische Reformation anrichtete. Viele katholische Klöster und Gotteshäuser wurden zerstört oder umgewidmet, katholische Glaubenskinder, Priester, Beamte, Handwerker, Dichter, Musiker, Komponisten durch den Extremismus der Reformatoren malträtiert, eingesperrt, gevierteilt, gehenkt, verbrannt, außer Landes gejagt. An Kenntnissen mangelt es bis heute. Meyerbeer legte die Oper so an, dass die Parteiungen spiegelbildlich handeln, der eine sieht den anderen mit dem Messer in der Hand und umgekehrt.

Konwitschny teilt die Zuschauer, erteilt ihnen Denkzettel. Ein Beispiel von vor zehn Jahren: Luigi Nonos Revolutionsoper »Al gran sole carico d’amore« (Leipzig, Oktober 2009) stellte der Sohn des einstigen Gewandhauskapellmeisters Franz Konwitschny hammerartig in die unsäglichen Einheitsfeiern der »Heldenstadt«. Meyerbeers »Hugenotten« ist kein Revolutionsstück, wohl aber ein Drama, das vorführt, wie Kriege und Genozide zustande kommen. Und vor allem diesen Punkt arbeitet die Inszenierung heraus. Den Vorhang ziert Leonardo da Vincis großes Bildwerk »Das letzte Abendmahl«, Christus in der Mitte und die Apostel, darunter Judas, an einer langen Tafel friedlich vereinigt, zum letzten Mal. Die Tafel erscheint dann in jedem Akt real auf der Bühne (Bühnenbild: Johannes Leiacker). Augenfällig: Das Format des Bildes wird von Akt zu Akt kleiner, es verschwindet am Ende ganz. Symbolisierend die Parallelität der Pariser Ereignisse zum Canossagang des Jesus vom letzten Abendmahl bis zur Auslöschung am Kreuz. Nach Leonardo ist auch der Raum gestaltet, durch dessen Öffnungen wechselnde Berglandschaften, sie könnten von Dürer stammen, zu sehen sind. Im Schlussakt reckt sich der Raum in die Breite und legt das Terrain frei für die Untat an Unschuldigen. Rauch und Fackelschein im Hintergrund.

Das Unglaublichste an der »Hugenotten«-Oper aber ist ihre Musik. Sie sicher und hochmotiviert umgesetzt zu haben, dafür gebührt der Sächsischen Staatskapelle mit ihrem Dirigenten Stefan Soltész, den Sängerinnen und Sängern wie den Chören (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) höchste Anerkennung. Wer diese Musik zum ersten Mal hört, bekommt in etwa einen Begriff davon, warum sich markante Zunftgenossen Meyerbeers, zuallererst Wagner, Verdi, Weber, Bizet, Offenbach (der Meyerbeer vor lauter Neid verhöhnt hat), sich seiner Erfindungen so kräftig bedient haben. Das Komponierte entspricht nicht nur den gegensätzlichen Kräften, indem es die Kollisionen formuliert, sondern es konterkariert, ironisiert, parodiert Vorgänge auch (zweiter Akt, Szene im Badezimmer). Es schafft Arien und Duette größter Empfindsamkeit und innerer Erregung. Die Chöre und Ensembles in der Schwurszene der Katholiken, wo der heillosen Masse schreckliche Macht unterm Schirm von Kreuz und Klerus zugesprochen wird, ein symmetrisch strukturiertes, grandioses Arrangement, bot die romantische Literatur in dieser Höhe und Originalität nicht mehr auf. Sie sind wie alles übrige einzigartig komponiert, einfach großartig. Die blutige Pariser Nacht endet nicht, bevor die Bassklarinette auf der Bühne ihre einsame Melodie vor rauchender Grabesstille singt.

Letzte Vorstellung vor der Sommerpause am 13. Juli

Ähnliche:

  • 09.03.2000

    »Nicht hier in Dresden!«

    Publikum diskutierte mit Staatsopernvertretern und Joachim Herz über die »Csárdásfürstin«

Regio:

Mehr aus: Feuilleton