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Aus: Ausgabe vom 12.07.2019, Seite 5 / Inland
Mittelstand entzaubert

Reiche zur Kasse bitten

IWF kritisiert Vermögensunterschiede in BRD. Vom Exportboom profitieren nur wenige
Von Dieter Schubert
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Proteste 2017 in Hamburg: Kritik an sozialer Ungleichheit hat Tradition und ist leider nur selten erfolgreich

Am Mittwoch verkündete das Handelsunternehmen Tengelmann schlechte Nachrichten für die bisherigen Mitarbeiter der Unternehmenszentrale (jW berichtete). Letztere werde nicht mehr benötigt. 250 Beschäftigte dürfen gehen, für sie sei ein Sozialplan vereinbart worden. Und tschüs.

Die Mülheimer Firma, deren verbliebene tragende Säulen die Baumarktkette Obi und der Textildiscounter Kik sind, gilt als ein klassisches Familienunternehmen. Diese werden gern dem »Mittelstand« zugerechnet. Und der gilt in Deutschland seit dem CDU-Wirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler (1949 bis 1963 bzw. 1963 bis 1966) Ludwig Erhard (»Wohlstand für alle«) als die Verkörperung des sanften, sozial verantwortungsbewussten, also »besseren« Kapitalismus. Nicht die Großkonzerne, sondern Tausende mittelgroße Unternehmen seien das wirtschaftliche und soziale Rückgrat des Landes, so die von Lobbyisten und Medien gern verbreitete Legende. Falsch, sagt nun ausgerechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) – und er bezieht sich damit explizit nicht auf die »Episode« Tengelmann, sondern auf die zunehmende Schieflage zwischen Außen- und Binnenwirtschaft.

»Deutschland ist eines der Länder mit der höchsten Vermögens- und Einkommensungleichheit der Welt«, heißt es in einem am Mittwoch vorgestellten Bericht der Finanzorganisation. Und die Ungleichheit verstärke sich permanent weiter. Als Hauptursache sehen die IWF-Analytiker die extrem hohen Überschüsse der Handels- und der ihr übergeordneten Leistungsbilanz aus. Das Plus letzterer hat die Rekordhöhe von 260 Milliarden Euro erreicht. Übersetzt heißt das vor allem: Das von Deutschland aus operierende Kapital der Exportwirtschaft produziert ständig höhere Verbindlichkeiten seiner ausländischen Abnehmer, zugleich profitierten nur wenige im Lande selbst vom Ausfuhrboom. Untere und mittlere Einkommen stagnierten, schreiben die IWF-Ökonomen, während die Spitzenverdienste in die Höhe schnellten.

Einen maßgeblichen Anteil am Exportboom und den damit einhergehenden bilanziellen und materiellen Ungleichgewichten, haben mittelständische Unternehmen, die oft auch als Familienfirmen operieren. Die Auswirkungen seien drastisch: Inzwischen liege der Löwenanteil der angesammelten bzw. angeeigneten Vermögen in der Bundesrepublik bei wenigen äußerst wohlhabenden Personen. Den wohlhabendsten zehn Prozent gehörten 60 Prozent des Nettovermögens, heißt es im IWF-Bericht. Das sei die höchste Quote in der EU. Fast ein Viertel des angehäuften Reichtums (24 Prozent) entfalle gar auf nur ein Prozent der Bevölkerung. Da ist es wieder, das oft – und ohne weitere Konsequenzen – angeprangerte »eine Prozent«.

Als Indikator für das Ausmaß der sozialen Ungleichheit nennt der IWF-Bericht das Medianvermögen von 61.000 Euro. Der Median (Mittelwert) sei in Deutschland niedriger als in Griechenland und erheblich niedriger als im Durchschnitt der Euro-Länder. Letzterer liege bei 100.000 Euro, was die verbreitete Mär von den »reichen Deutschen« in einem deutlich weniger hellen Licht strahlen lässt.

Das will auch der Bericht ausdrücken: Die in großem Umfang anfallenden Gewinne seien verstärkt in Firmen angespart worden, die den ohnehin reichsten Personen des Landes gehören – was wiederum die Familienunternehmen ins Spiel bringt. Hinzu komme eine niedrige Immobilieneigentumsquote in Deutschland.

Und so beißt sich die Katze weiter selbst in den Schwanz: Normal- wie Geringverdiener gäben fast alles von ihrem Einkommen aus, die Reichen akkumulierten hingegen, also die Extremform von »sparen«. So profitierten diese unter anderem vom Immobilien- und Börsenboom der vergangenen Jahre, der ihr Vermögen deutlich anschwellen ließ. Die wachsende Einkommensungleichheit verstärke wiederum die Vermögensungleichheit. Beides sei eng miteinander verbunden.

Was der IWF-Bericht als Medizin empfiehlt, klingt fast nach »kommunistischen Umtrieben«: Damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter auseinanderklaffe, schlägt der Bericht nicht nur ein höheres Lohnwachstum vor, sondern auch niedrigere Steuern für Gering- und Normalverdiener. Gleichzeitig müssten die Steuern auf Vermögen, die sogenannte Substanzbesteuerung und insbesondere die Erbschafts- und Schenkungssteuer erhöht werden. Das wäre in der Tat eine Revolution – und wahrscheinlich in diesem Land nicht durchsetzbar.

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