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Aus: Ausgabe vom 11.07.2019, Seite 8 / Inland
Verkehrswende

»Die Autoindustrie heizt die Klimakrise an«

Statussymbol statt Umweltschutz: Immer mehr Geländewagen fahren auf deutschen Straßen. Ein Gespräch mit Eberhard Linckh
Interview: Gitta Düperthal
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Mitglieder der Umwelt- und Naturschutzorganisation »Robin Wood« demonstrieren an der B 14 am Stuttgarter Neckartor (11.1.2018)

Die Nachfrage nach Geländewagen und SUVs (englisch für Sport Utility Vehicle, jW) in Deutschland ist weiterhin ungebremst. Fast jede dritte Neuzulassung entfällt auf diese Wagentypen, im Jahr 2018 waren es 27,1 Prozent. Inwiefern ist das ein Problem für die Umwelt?

SUVs verbrauchen mehr Energie als kleinere Fahrzeuge. Nicht nur der hohe Schadstoffausstoß dieser Benzinfresser ist ein Problem. Weil viele bereits SUV fahren, zieht dies Nachahmer an. Meiner Erfahrung nach lenken oft eher unsichere Fahrer so große Autos, weil sie meinen, sich so selbst im Verkehr besser schützen zu können. Dazu verbraucht dieser Wagentyp mehr Platz, macht durch seine Größe Verkehrssituationen unübersichtlicher und verleitet – weil höher motorisiert – zu gefährlicher Fahrweise. Insbesondere sind Fußgänger und Radfahrer davon bedroht.

Ihre Organisation »Robin Wood« hat in der Vergangenheit dagegen protestiert. Wie sah das aus?

Einer unserer Schwerpunkte ist der Verkehr. Am 8. September 2018 etwa haben Aktivisten von »Robin Wood« in München mit dem Slogan »Ende Geländewagen« für eine ökologische Verkehrswende demonstriert. Wir haben die Straße mit aufblasbaren Riesenwürfeln blockiert und uns dadurch Platz verschafft.

Dazu muss man wissen: Knapp ein Fünftel der deutschen Treibhausgasemissionen stammen aus dem Verkehrssektor. Wir fordern, den zunehmenden Individualverkehr insgesamt einzuschränken sowie den öffentlichen Nahverkehr auszubauen und zu fördern. Das ist notwendig für Klima, Umwelt und Gesundheit. Im Vergleich zu 1990 sind die Emissionen in diesem Sektor hierzulande nicht zurückgegangen, sondern weiter angestiegen. Schuld daran sind unter anderem die immer größeren und schwereren Autos, die BMW, Mercedes, Volkswagen und Co. auf den Markt bringen. Die Autoindustrie heizt die Klimakrise an.

Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von den Grünen betont gegenüber der Presse, »niemandem vorschreiben« zu wollen, »welches Auto er kaufen solle«. Wie sehen Sie das?

Nicht nur die Hessen sind enttäuscht von der Autofreundlichkeit der Grünen, wir in Stuttgart und Baden-Württemberg sind es ebenso. Wo Grüne regieren, handeln sie meist nur, wenn Gerichte dies erzwingen. Dabei braucht es ein generelles Verbot von SUVs und Geländewagen. Wieso sollte es nicht gesetzlich geregelt werden, wenn die Autoindustrie Gewinne auf Kosten von Umwelt, Gesundheit und Menschenleben macht? Dass einige wenige zu Lasten schwächerer Verkehrsteilnehmer ein unnötig großes Auto fahren, ist nicht nachvollziehbar.

Ein flächendeckendes Verbot scheint in weiter Ferne zu sein. Gibt es davor Schritte, die gegangen werden können?

Es hätte regulierende Wirkung, Verbotsschilder aufzustellen, die Fahrern großer Autos untersagen, enge Straßen zu befahren. In der Straßenverkehrsordnung gibt es ein geeignetes rundes Schild mit roter Umrandung und der Aufschrift »2 m« sowie zwei schwarzen Pfeilen, welche die Breite symbolisieren. SUVs sind häufig breiter! Verstöße müssen kontrolliert und mit hohen Bußgeldern belegt werden. Dann würde dieser Fahrzeugtyp schnell an Beliebtheit verlieren. Es gibt weder einen Rechtsanspruch auf eine überbreite Straße, noch auf entsprechende Parkplätze.

Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt am Main wird am 14. September wieder Proteste hervorrufen. Umweltverbände kritisieren die »Parade dicker SUVs und Spritschlucker« als in Zeiten der Klimakrise völlig überholt. Was fordern Sie?

Umweltverbände werden gegen die IAA mehrere Protestzüge organisieren, vor allem mit Radfahrerinnen und Fußgängern. Mit dem Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor muss sofort begonnen werden. Spätestens bis 2035 muss der Verkehr CO2-neutral werden, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken. Dazu noch eine Zahl: Autos sind jährlich für mehr als 3.000 Verkehrstote verantwortlich, darunter auch viele Fahrradfahrerinnen und Fußgänger.

Eberhard Linckh ist Aktivist in der Stuttgarter Regionalgruppe der Naturschutzorganisation »Robin Wood«

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (11. Juli 2019 um 07:43 Uhr)
    Aerodynamische, leichte, schwach motorisierte, spritsparende Autos müßten die Hersteller produzieren, wenn man ihnen die Mär vom „grünen Auto“ wenigstens einigermaßen abnehmen könnte. Aber sie wissen, die hehren „abendländischen Werte“ definieren sich bei vielen nicht unbeträchtlich über das Statussymbol auf 4 Rädern. Und so stellt man massenhaft aufgeblasene, bullige, häßliche, teure Blechmonster her, mit möglichst vielen unmotivierten Falten, Beulen und Dellen und wegen der kapitalistischen Vielfalt meist in den hübschen Farben schwarz, weiß oder silbern. Kurz, alle bauen eigentlich das gleiche Auto ohne jeglichen individuellen Wiedererkennungswert. Selbst ehemalige Kleinwagen nähern sich in Gewicht, Form, Größe und Preis dem Trend an. Beim früher wirklich flott daherkommenden Mini-Cooper z.B. weiß ich nicht, ist das nun ein Zwerg-Riese oder ein Riesen-Zwerg?

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