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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 16 / Sport

Bester Mann

Von André Dahlmeyer
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Gerardo Daniel »Tata« Martino ist da, die nächste WM kann kommen

Einen wunderschönen guten Morgen! Mexiko-Trainer und Goldcup-Sieger Gerardo Daniel »Tata« Martino steckt der Fußball im Blut. Schon sein Onkel, Rinaldo Fioramonte »Mamucho« Martino, war ein überaus torgefährlicher Mittelfeldspieler und einer der besten Kicker der 40er Jahre. Mamucho wurde Meister mit Juventus Turin, in Argentinien mit San Lorenzo und in Uruguay mit Nacional. Mit der Nationalmannschaft gewann er zweimal die Copa América. Später bestritt er auch noch ein Länderspiel für Italien. Nach dem Karriereende eröffnete er in den 60ern in Buenos Aires das wohl legendärste Tangonachtlokal aller Zeiten, »Caño 14«.

Auch »El Tata« spielte im Mittelfeld, ein klassischer »Achter«, war aber nicht so torgefährlich wie sein Onkel. In drei Etappen kickte er für die Newell’s Old Boys seines Geburtsorts Rosario, über 500 Spiele, niemand trug dieses Leibchen öfter. Ausklingen ließ er seine Karriere bei Klubs in Chile und Ecuador. Bei »Ñuls«, auch »die Leprösen« oder kurz »La Lepra« genannt, zeigte er seine beste Version. Intelligent im Spielaufbau, fein und ballgeschmeidig beim Kurzpass, Panoramablick und also technisch überdotiert – wenn auch ein bisschen lauffaul. Zwischen 1987 und 1992 gewann er dreimal die argentinische Meisterschaft mit den Leprösen und erreichte zweimal die Finals der Copa Libertadores. Die WM 1986 verpasste er. Carlos Bilardo musterte ihn kurz zuvor aus.

Unvergessen ist die Meisterschaft 1990/91, die »Ñuls« nach Elfertreten in der »Bombonera« der Boca Juniors gewann, eine Schlammschlacht sondergleichen. Martino musste bei der Ehrenrunde passen, weil Boca-Spieler Carlos Moya ihn schwer verletzt hatte. Sein Trainer, Marcelo Bielsa, knurrte nur: »Ñuls, carajo!«

Bielsa hatte Martino zu einem kompletteren Spieler gemacht. Der lief jetzt sogar. Mit seiner Seriösität, Ethik und Ehrlichkeit wies er ihm den Weg und zeichnete damit Martinos Trainerlaufbahn vor. Mit Libertad (3) und Cerro Porteño (1) gewann er vier Meisterschaften in Paraguay. Immer waren seine Teams Protagonisten, frei von Spekulationen, so wie der Lehrer es ihm beigebracht hatte. Fußball, der Spaß machte.

2006 wurde Martino dafür die »Albirroja«, die Auswahl Paraguays, anvertraut. Er qualifizierte sie für die WM der Kapholländer, wo die Guaraníes erst im Viertelfinale vom späteren Weltmeister Spanien gestoppt werden konnten. Bei der kommenden Copa América in Argentinien eliminierte die Albirroja Brasilien und wurde erst im Finale von Uruguay besiegt. Zeit zu gehen.

Es kamen nämlich Hilfesignale aus Rosario. Die »Lepra« stand kurz vor dem Abstieg. Martino machte sie zum Meister und erreichte sogar die Halbfinals der Copa Libertadores. Ein Wahnsinn. Der FC Barcelona rief an. Das Original kriegte man nie, jetzt wollten die Katalanen wenigstens den fortgeschrittensten Bielsa-Schüler verpflichten. Klappte. Nach einer Supercopa (gegen Atlético Madrid) rief die Calle Viamonte aus Buenos Aires an – Martino ersetzte den schwer erkrankten Alejandro Sabella als Nationaltrainer Argentiniens und erreichte zweimal hintereinander, 2015 und 2016, die Finals der Copa América, beide endeten gegen Chile 0:0 und wurden vom Punkt verloren.

Martino sagte dem völlig geisteskranken argentinischen Fußballverband AFA adé, brauchte dringend Luftveränderung, wechselte in die Major League Soccer. Dort wurde er 2018 Meister mit Atlanta United.

Seit Januar ist der 56jährige Trainer Mexikos. Den »Tri« führte er auf Anhieb ins Finale der 25. Copa de Oro (Meisterschaft Nord- und Zentralamerikas sowie der Karibik), sein viertes hintereinander als Nationaltrainer. Da es sich bei dem Gegner um die USA handelte, hoffte man, dass nicht am Ende Trump den Pott für die Stars & Stripes entgegennehmen würde, so wie es im Copa-América-Finale in Río Bolsonaro machte, doch der »Tri« gewann das Match im Soldier Field von Chicago nach einem Treffer von Jonathan Dos Santos (73.) mit 1:0 und anschließend riefen Tormann Guillermo Ochoa und Kapitän Andrés Guardado ihren Trainer und ließen den Boss den Pokal hochstemmen, so gehen Gesten. Tata, tätä, Tata! Martino erreichte in sechs Monaten mit Mexiko, was er in sieben Jahren mit Paraguay und Argentinien nicht geschafft hat: einen Titel. In zehn Spielen ist er noch unbesiegt (nur ein Remis). Die WM kann kommen.

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