Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Zeitgeschichte

Mach das Beste draus

»Wolfszeit«: War da was vor ’45? Harald Jähner hört lieber nicht so genau hin
Von Dirk Braunstein
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Im Schatten ganz glücklich: Trümmerbeseitigungstrupp in Leipzig 1949

Am Anfang war Verwirrung. Im Vorwort von Harald Jähners deutschlandeinigvaterlandweit hochgelobter »Mentalitätsgeschichte« »Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955« heißt es: »Über die Hälfte der Menschen in Deutschland waren nach dem Krieg nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten« – und fünfzig Seiten später schreibt der Autor schamlos redundant: »Im Sommer 1945 lebten in den vier Besatzungszonen ungefähr 75 Millionen Menschen. Von ihnen waren weit mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten.« Der Honorarprofessor für Kulturjournalismus weiß, wo die Menschen hingehören, auch von der »gigantischen Zahl von vierzig Millionen entwurzelten Menschen«, denn, siehe die nächste Seite: »Insgesamt vierzig Millionen auf die eine oder andere Art Entwurzelte in den vier Besatzungszonen!« Das muss man sich mal vorstellen. Samt Ausrufezeichen. Wie konnte es bloß dazu kommen? »Die Vertreibung der Deutschen war ein gigantisches Enteignungsprogramm, mit dem sich die von Deutschland überfallenen und ausgeplünderten Völker für die erlittenen Kriegsverbrechen ein Stück weit entschädigt hatten.«

Ist aber der Deutsche entwurzelt, dann kennt er ein Stück weit keine Gründe mehr: »Der Überlebenstrieb schaltet Schuldgefühle ab – ein kollektives Phänomen, das in den Jahren nach 1945 zu studieren ist und das Vertrauen in den Menschen, auch in die Grundlagen des eigenen Ichs, tief irritieren muss.« Der Überlebenstrieb der Deutschen, der sich dann bemerkbar macht, wenn sie, anders als ihre Opfer, überlebt haben, schaltet Gefühle ab, die sie gar nicht erst hatten. Dies wiederum führt zu einer schlecht formulierten, dafür aber tiefen Irritation des Vertrauens in den Menschen – und nicht etwa die »NS-Verbrechen«, die über die »halbwegs anständig Gebliebenen« hereinbrachen. »Dass auch Gutwillige sich weigerten, darüber nachzudenken, was mit ihren deportierten Nachbarn geschehen würde, hat das Vertrauen in die menschliche Spezies bis heute erschüttert.« Merke: Gutwillig ist, wer nicht deportiert, sondern deportieren lässt. Wenn trotzdem einer ankommt und rummeckert, war’s halt die menschliche Spezies. »Wie auf der Basis von Verdrängung und Verdrehung dennoch zwei auf ihre Weise antifaschistische, vertrauenserweckende Gesellschaften entstehen konnten, stellt ein Rätsel dar, dem dieses Buch näherkommen möchte, indem es sich in die extremen Herausforderungen und eigentümlichen Lebensstile der Nachkriegszeit versenkt.« Dass man Rätseln nicht näherkommt, sondern sie löst, und sich in Herausforderungen nicht versenkt, sondern sie annimmt, mag ein Autor, der die Deutschen besser versteht als deren Sprache, nicht wissen. Verdrängung und Verdrehung aber waren Voraussetzungen dafür, dass beide Nachfolgestaaten des »Dritten Reichs« eben nur »auf ihre Weise« antifaschistisch waren – das sollte allerdings kein Rätsel bleiben bei einem Buch, das davon zu handeln vorgibt, »wie aus Volksgenossen allmählich wieder Bürger wurden«. Wenngleich das »wieder« einen gewissen Hinweis darauf gibt, dass hier nun wirklich keinesfalls weiter zurückgeschaut wird als bis 1945. Irgendwas war zwar gewesen, sonst hätte es nicht plötzlich »so viel Anfang« gegeben, wo aber das Grauen ist, wächst das Verständnis auch. »Heute wissen wir viel über den Holocaust. Was wir weniger genau wissen, ist, wie sich in dessen Schatten weiterleben ließ.«

Um Licht in dieses Dunkel zu bringen, werden sogenannte Einzelschicksale zum Lob des »einfachen Mannes«, der »einfachen Frau« herbeigezogen: »Hitler war tot, es wurde Sommer, und sie wollte endlich etwas machen aus ihrem Leben.« Logisch, dass sie erst einmal einen »wilden Schrei nach Neuanfang« ausstößt. – Mit einem, wohlwollend formuliert, Panorama des, leider nur allzu, Alltäglichen ersetzt hier das gemütvolle Sachbuch das wissenschaftliche. In der Plauderhistorie von »Wolfszeit« findet nicht nur keine Klassengesellschaft statt: Gesellschaft per se wird behaglich ausgeblendet. Wie im Mythos wird Geschichte nur mehr als Schicksal erlitten; als Gleichmacherin, die ihren Befehlsempfängern nur noch aufgibt, das jeweils Beste draus zu machen.

»Im Verlauf des Buches verschieben sich die Schwerpunkte von den zivilisatorischen Seiten des Alltags, vom Aufräumen, Lieben, Klauen und Einkaufen, zu den kulturellen, zum Geistesleben und zum Design.« Bündiger ward selten dargetan, dass hierzulande Aufräumen, Klauen und Einkaufen als Ausweis von Zivilisiertheit gilt; weshalb aber nun ausgerechnet Design? Darum: »Indem die Deutschen ihre Umwelt umgestalteten, veränderten sie sich selbst.« In den Jahren zuvor hatten sie bloß Europa umgestaltet, konnten dabei aber immerhin ganz sie selbst bleiben. Nun aber lernten sie mit Hilfe von Nierentischchen und Ikebana »wieder Bürger« zu werden: »Ankunft auf einem neuen Stern« wird das dann geheißen, während Helmut Schelsky jene Bastler als »skeptische Generation« »mit großer Resonanz in all ihrer mentalen Ambivalenz aus der Taufe holen sollte«. Heb’s der Teufel, aber kam die Resonanz nicht erst nach der Taufe? In all ihrer mentalen Ambivalenz?

»Hört man genauer hin, vernimmt man das Lachen.« Hört man noch genauer hin, das Schweigen der Opfer. Darüber aber rumpeln Sätze wie: »Den Text muss man mehrmals lesen, will man alle Facetten der geistigen Flora auskosten, die das Trümmerfeld in der Phantasie der Autorin wuchern lässt.« Facetten gewucherter Flora auskosten, tja. Hm.

Was soll man zu derlei sagen? Oder dem Betrieb, der mit solcher Literatur keinen anderen Umgang weiß, als sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse zu krönen? Nichts.

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955. Rowohlt Berlin, Berlin 2019, 480 Seiten, 26 Euro

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