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Aus: Ausgabe vom 09.07.2019, Seite 1 / Titel
Finanzhaie

Zahltag für Zocker

Deutsche Bank setzt weltweit 18.000 Mitarbeiter vor die Tür. Investmentbanking soll zurückgefahren werden. Gewerkschaft begrüßt den Kurs
Von Simon Zeise
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Achtung, Rutschgefahr! Der Aktienkurs der Deutschen Bank geht tief in den Keller

Die Deutsche Bank geht »short«. Am Sonntag abend hatte der Aufsichtsrat den Schrumpfkurs beschlossen, am Montag morgen mussten die ersten Investmentbanker bereits ihre Büros räumen. »Die Hälfte des Stockwerks ist schon weg«, zitierte Reuters einen Finanzhai aus Hongkong. Insgesamt müssen 18.000 Mitarbeiter das Haus verlassen. Bis zum Ende des Jahres 2022 soll die Zahl der Jobs von zuletzt knapp 91.500 auf etwa 74.000 sinken. Jeder fünfte Mitarbeiter muss sein Büroinventar in Pappkartons auf die Straße tragen.

Denn bei der Deutschen Bank wird die Reißleine gezogen. Der Abwärtstrend des Geldhauses ist ungebrochen. Die Aktie, die am Vorabend der Finanzkrise 2007 noch mit mehr als hundert Euro pro Stück dotiert war, dümpelt mittlerweile bei weniger als sechs Euro. Der Grund ist simpel: Die Spekulanten haben sich verzockt. In dem Geschäftsbericht 2018 wird der Bestand hochriskanter Finanzwetten, sogenannter Derivate, auf 43,5 Billionen Euro beziffert. Eine Zahl, mehr als zehnmal so hoch wie das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik. Diesen Berg »finanzieller Massenvernichtungswaffen«, wie sie Multimilliardär Warren Buffett einst bezeichnete, müssen Vorstand und Aufsichtsrat abtragen. Trotz niedrigem Aktienkurs halten sich die Investoren zurück. Die Bilanz des Geldhauses ist eine Blackbox. Niemand weiß am Ende des Tages, welche Kredite bedient werden können. In einer hausinternen »Bad Bank« sollen faule Kredite im Wert von bis zu 50 Milliarden Euro geparkt werden.

Vorstandschef Christian Sewing betonte am Montag, die Bank solle stärker auf das »Firmenkundengeschäft« ausgerichtet werden. Künftig werde auf eine »verkleinerte, sehr stark fokussierte Investmentbank« gesetzt, sagte er dem Sender N-TV. Er sehe »keine andere Möglichkeit«. Die Bank müsse sich auf ihre Stärken konzentrieren, fügte er hinzu. »Das machen wir jetzt, und das bedeutet, dass wir Dinge schließen und das heißt auch Jobs abbauen.«

Der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, spendete Beifall. Verdi begrüße den »radikalen Schritt«, um damit »die Arbeitsplätze in Deutschland langfristig zu stabilisieren«. Die Gewerkschaft gehe davon aus, dass der geplante Personalabbau vor allem im Investmentbanking stattfinde. Inwiefern dies Auswirkungen auch auf die Geschäftsbereiche in Deutschland habe, sei noch unklar. Bsirske sagte, er habe die »klare Erwartung, dass die Deutsche Bank bei ihrer Neuaufstellung wie bisher auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet und der Personalabbau der Beschäftigten sozialverträglich erfolgt«.

Ob die geplanten Maßnahmen noch etwas bringen? Die Konkurrenz ist skeptisch. Goldman-Sachs-Analyst Jernej Omahen hob am Montag in einer Studie hervor, die strukturellen Herausforderungen seien nicht vom Tisch. Und es fehle der Bank weiterhin an sehr renditeträchtigen Geschäftsfeldern. Die Ratingagentur Moody’s wertete den Umbau als »positiven Schritt in Richtung eines ausbalancierteren und nachhaltigeren Geschäftsmodells«. Ihren negativen Ausblick für die Deutsche Bank behielt die Agentur wegen »signi­fikanter Herausforderungen« aber vorerst bei.

Ähnlich fiel auch die Reaktion an der Deutschen Börse aus: Die Aktie zuckte kurz, legte zum Handelsbeginn am Montag zu. Doch im Tagesverlauf verlor das Papier um mehr als 4,5 Prozent. Wie hatte der langjährige Vorstandschef Hilmar Kopper einst gesagt? »Wenn es den Banken schlecht geht, kann es dem Land nicht gutgehen« – Zeiten ändern sich.

Debatte

  • Beitrag von Jens B. aus B. ( 9. Juli 2019 um 11:13 Uhr)
    Auch wenn ich die Überschriften zu den meisten Artikeln oft für sehr gelungen und positiv-provokant empfinde, ist diese Überschrift und der nachfolgende Artikel zum Thema doch etwas zu undifferenziert. Die eigentlichen Zocker sind ja wohl eher im Vorstand und in den oberen Etagen des Geldhauses zu verorten. Es gibt sicher viele Mitarbeiter/-innen, die letztlich nicht im Investmentbanking der Bank tätig waren und sind. Schließlich kann auch nicht jeder/jede Beschäftigte z.B. in der Automobilindustrie für den Betrug ihrer Chefs verantwortlich gemacht werden. Ich bin der Meinung, dass gerade der Jungen Welt hier etwas mehr Unterschied gut tun würde zwischen denen, die tatsächlich verdient "abgestraft" werden und denen, die wohl unverschuldet mit für die Misere werden büßen müssen. Wenn man die mit in den großen Häme-Topf wirft, klappt das auch nicht mit der Werbung um mehr Interessenten für diese Zeitung. Und die albernen Äußerungen der Gewerkschaften zu ihren Erwartungen bezüglich einer "Sozialverträglichkeit" des Personalabbaus müssen wohl überhaupt nicht erst unkommentiert abgedruckt werden. Angesichts des immer wieder Einknickens der "Arbeitnehmervertreter" muss sich Herr Bsirske schon fragen lassen, aus welchem Mustopf er denn gerade gekrabbelt ist. Gerade in der Vergangenheit haben die Gewerkschaften ja bewiesen, wie ernst es ihnen mit dem Durchsetzen ihrer Erwartungen ist.

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