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Nutzholz

Von Helmut Höge
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Scharfer Kritiker von Jägern und Förstern: Exförster und Bestsellerautor Peter Wohlleben

Der Bestsellerautor Peter Wohlleben hat als ehemaliger Förster in Hümmel in der Eifel einige Teile seines damaligen Reviers dem steigenden Verwertungsdruck entziehen können. Er konnte einen von der Industrie gesponserten Rehabilitationswald und einen »Ruhewald« für Bestattungen durchsetzen (jedes Baumgrab ersetzt rein rechnerisch den Verkaufswert einer über 250 Jahre alten Buche). Vor seinem Engagement in der Gemeinde Hümmel war Wohlleben in der staatlichen Forstbürokratie aufgestiegen, hatte aber gekündigt. In seinem Buch »Der Wald« kritisiert er Förster, vor allem aber Jäger scharf. Er kämpft gewissermaßen für einen Bruch mit der herkömmlichen Forstwirtschaft bei laufenden Erntemaschinen.

Ihm kam der »Zeitgeist« zu Hilfe, sein Buch »Das geheime Leben der Bäume« stand jahrelang auf der Bestsellerliste, fand und findet reißenden Absatz, flankiert inzwischen von weiteren Bestsellern des Autors über den »Superorganismus« Wald und seine Sicht auf das Neben- und Miteinander der Pflanzen und Tiere dort. Hinzu kommen Hörbücher, Bildbände und TV-Auftritte.

Der anhaltende Publikumserfolg verdankt sich auch einer genetikmüden Biologie, welche kurz davor ist, sich algorithmisch in Chemie und Physik aufzulösen, schon allein, indem laufend Institute der organismischen Biologie aufgelöst werden zugunsten molekulargenetischer Studiengänge. Die Unis wollen sogar ihre Botanischen Gärten abstoßen. Als die Uni Saarbrücken das tat, buddelten darob empörte Bürger quasi über Nacht sämtliche Pflanzen aus, um sie privat zu retten.

Dem Zeitgeist entspricht ein Gedanke des Regierungsberaters für Meeressäuger, Karsten Brensing: »Um Tiere besser zu verstehen, ist es notwendig, sie zu vermenschlichen«. Der Erfurter Meeres- und Verhaltensbiologe war selbst erschrocken, als er ihn das erste Mal öffentlich äußerte. Wohlleben könnte zustimmen, er argumentiert dabei vor allem aus der Praxis als Förster heraus, soziologisiert und popularisiert dabei. Man hat ihm deshalb eine »romantische« Sicht auf Tiere und Pflanzen vorgeworfen. Seine Gegner, allen voran die deutschen Jäger und die postpreußischen Forstbehörden, werden parallel zu seinen Buchauflagen auch immer zahlreicher. Seine Sicht auf den Wald ist auf furchtlose Weise antidarwinistisch bzw. lamarckistisch. Oder mit den Worten eines transatlantischen »Netzwerks« von Tierphilosophen: Er will auf »Companion Species« hinaus. Das heißt für »sein« Revier: »Urwald«.

Wohllebens »Romantik« erinnerte mich an einen Dreizeiler von Nazim Hikmet: »Leben einzeln und frei wie ein Baum / Und dabei brüderlich wie ein Wald / Diese Sehnsucht ist alt.« Diese »Utopie« wiederum berührt forstwissenschaftliche Ansichten sowjetischer Biologen, die sich weniger auf Konkurrenzkämpfe konzentrierten, eher auf (symbiotisches) Zusammenwirken. »Es klingt paradox, aber der Wald braucht den Wald«, sagte einer von ihnen, ein Dendrologe (Baumforscher). Er fügte hinzu: »Sonst stünden viel mehr Bäume einzeln, wo sie sich doch angeblich besser entfalten können.« Der in den 30er und 40er Jahren führende Agrarbiologe der UdSSR, Trofim Lyssenko, empfahl bei der Wiederaufforstung die Anpflanzung von Bäumen in »Nestern«. Er begründete dies gewissermaßen revolutionsromantisch: »Erst schützen sie sich gegenseitig und dann opfern sich einige für die Gemeinschaft.« Der Forstwissenschaftler Georgi Wysozki ging nicht ganz so weit, aber auch er unterschied zwischen vegetativem Freund und Feind: Damit etwa die Eiche gut wachse, dürfe man sie nicht zusammen mit Eschen und Birken anpflanzen, sie sollte vielmehr »von Freunden umgeben« sein: Weißdorn, gelbe Akazie und Geißblatt zum Beispiel.

Der Wissenschaftsjournalist M. Iljin (1896–1953) schrieb, uns habe bereits der Gärtner Iwan Mitschurin gelehrt, »dass sich im Wald nur die verschiedenen Baumarten bekämpfen, aber nie die gleichen«. So lehrt Wohlleben uns das jetzt anhand von Buchen. Im Gegensatz zu unseren Wäldern werden die russischen von der Steppe bedroht, deswegen riet Lyssenko, aus Eiche (Wald) und Weizen (Feld) Verbündete gegen Versteppung zu machen. Den Vorschlag begründete er quasi partisanisch: »Wenn einer zwei andere stört, dann lassen sich diese beiden stets, mindestens für einige Zeit, gegen ihren gemeinsamen Feind verbünden.« Auch für Wohlleben ist der Wald eine »Gesellschaft« – mit Feinden zuhauf. Gute Ansätze, aber ich befürchte, dass Ökologie und Ökonomie noch lange einen »unversöhnlichen gesellschaftlichen Gegensatz« bilden werden.

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