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Aus: Ausgabe vom 10.07.2019, Seite 12 / Thema
Literaturgeschichte

Auf den ersten Blick

Die DDR-Literatur in neueren Nachschlagewerken
Von Kai Köhler
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Was bleibt? Vor allem Politik. Die Einschätzung von DDR-Autorinnen und Autoren in aktuellen Lexika und Literaturgeschichten orientiert sich überwiegend an deren Haltung zum Sozialismus. Ein großer Romancier und Erzähler wie Hermann Kant (hier bei einer Signierstunde 1986 in Berlin) gilt dann in erster Linie als Stasi-Mann

Bei dem folgenden Text handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Beitrags, der in der kommenden Woche in den Marxistischen Blättern mit dem Schwerpunkt »Kulturstaat DDR« erscheint. Er basiert auf einem Vortrag, den der Literaturwissenschaftler Kai Köhler am 22. Juni bei der Konferenz »Leseland ist abgebrannt? Zum Umgang mit der DDR-Literatur nach 1990« in Leipzig gehalten hat. (jW)

Warum geht es hier ausgerechnet um Handbücher und Literaturgeschichten? Der aktuelle Stand der Forschung lässt sich aus ihnen nicht erschließen. Meistens dauert es einige Zeit, bis die Ergebnisse von Spezialuntersuchungen Eingang in solche Überblicksdarstellungen finden. Allerdings sind Nachschlagewerke um so wirksamer. Das gilt insbesondere seit den Studienreformen kurz nach dem Jahr 2000. Mit ihnen hat sich die Arbeitsweise der Studierenden verändert: In einer begrenzten Zeit müssen sie eine Vielzahl von Seminaren und Prüfungen absolvieren.

Das führt zu einer Konzentration auf abfragbares Wissen. Es ist nun – im Sinne der Institution – unzweckmäßig, sich eingehend mit Forschungsfragen zu befassen. Vielmehr geht es um einen raschen Zugang zu gesicherten Informationen; und als gesicherte Informationen gelten solche, die bei Prüfern keinen Anstoß erregen. Handbücher, Literaturgeschichten sind hochideologisch, gerade weil sie sich objektiv geben. Eine lexikalische Ordnung verführt zu der Annahme, die Darstellung gebe die wesentlichen Tatsachen wieder.

Kenner universitärer Verhältnisse werden mich allerdings kopfschüttelnd unterbrechen und darauf hinweisen, dass für einen großen Teil, wenn nicht sogar die Mehrheit der angehenden Germanisten und Deutschlehrer längst Wikipedia die Rolle übernommen hat, die einst die Fachbibliothek spielte. Dieser Einwand stimmt. Freilich lässt sich das, was ich untersuchen will, anhand von Wikipedia nicht klären. Die Gewichtung einzelner Autoren ist in dem Onlinelexikon vom Zufall und einzelnen engagierten Beiträgern abhängig. In den literaturwissenschaftlichen Textgattungen dagegen, die ich untersuchen möchte, ist die Gewichtung geplant. Es gibt einen Autor bzw. einen oder mehrere Herausgeber, die entscheiden, was aufgenommen wird und in welchem Umfang. Der Normalitätsdruck der Wissenschaft ist groß, und kaum jemand will Karriere und Akzeptanz durch ungewöhnliche Entscheidungen gefährden. Was ich im Hauptteil dieses Beitrags darlege, dürfte also ungefähr dem Common sense des Fachs entsprechen.

Ausschlüsse und Zugänge

Eine einfache Möglichkeit, sich über Werke der Weltliteratur zu informieren, bietet »Kindlers Literaturlexikon«. 1992 erschien eine völlig umgearbeitete Ausgabe, »Kindlers Neues Literaturlexikon«. Die immerhin 20 Bände neu zu konzipieren, dürfte erhebliche Vorarbeit bedeutet haben. Es ist also davon auszugehen, dass die Auswahl der Werke und der Beiträger bereits vor dem Ende der DDR erfolgte. Diese Ausgabe vergleiche ich mit der seit 2004 erarbeiteten und 2009 publizierten dritten Version des Nachschlagewerks, die wiederum einschneidende Veränderungen bringt. Die Auswahl ist nun strenger: Von den gut 19.000 Einträgen der 2. Ausgabe bleiben noch 13.000. Die Zahl der Streichungen übersteigt sogar die Differenz, da auch einige erst nach 1992 entstandene Werke berücksichtigt werden.

Was ist gleich geblieben, was hat sich geändert? Gleich geblieben ist weitgehend, wer nicht erwähnt ist. So fehlen etwa Kuba (Kurt Barthel) oder Dieter Noll. Andererseits erfährt man auch nichts über Schriftsteller, die ihre Karriere weitgehend auf Opposition gegen die DDR aufgebaut haben – Lutz Rathenow oder Siegmar Faust sucht man vergebens. Des weiteren sind erfolgreiche Ostautoren wie Rudi Strahl und Harry Thürk nicht vertreten. Das mag daran liegen, dass das Lexikon insgesamt an einer Trennung von Hoch- und Trivialliteratur festhält. Doch ist andererseits, was das Theater betrifft, der West-Komödienschreiber Curt Goetz 1992 und 2009 mit jeweils zwei Stücken vertreten; der politische Unterhaltungsroman ist für den Westen durch Johannes Mario Simmel 1992 mit drei, später noch mit zwei Werken repräsentiert. Die Auswahl ist, wie wir sehen werden, eine Westauswahl. Man liest, was die DDR angeht, fast ausschließlich über Autoren, die vor 1989 auch im Westen rezipiert wurden.

Dazu passt, dass unter den von mir nachgeschlagenen Schriftstellern nur zwei Neuzugänge sind. Einer davon ist Hans Joachim Schädlich, der auch vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1977 nur im Westen veröffentlichte. 2009 finden sich Einträge zu sogar fünf Werken. Der Grund dafür – und hier wird der Inhalt wichtig – ist sicherlich auch politisch. Es genügt, den Inhalt des Romans »Tallhover« zu referieren, um die DDR totalitarismustheoretisch zu diffamieren: »Die SED-Herrschaft steht daher nahtlos in der Tradition gewaltsamer Unterdrückung durch solche Regierungen, die zuvor Sozialisten und Kommunisten verfolgten. Mit dem bruchlosen Wechsel zeigt der Autor, dass sich bei der Machtübernahme weder die Staatsauffassung noch die Methoden geändert haben, sondern nur das Personal und dessen Bezeichnung. Diese Darstellung widersprach auf subtile Weise der üblichen moralischen Selbstrechtfertigung der SED und ihrer Volksbeglückungsideologie.«

Der andere Neuzugang ist Erik Neutsch mit seinem Roman »Spur der Steine«. Das überrascht zunächst, zumal es heißt: »Die Konflikte des Romans wirken aus heutiger Sicht konstruiert, seine dürftige Gesellschaftskritik verlässt nie die loyale Partei- und Staatsbasis.« Es handele sich um »systemkonforme Literatur par excellence«. Der Schlusssatz bringt dann die Erklärung, weshalb »Spur der Steine« dennoch aufgenommen wurde. Dass Frank Beyers Verfilmung des Romans nicht in die DDR-Kinos gekommen sei, erlaube keine Rückschlüsse auf das Buch. Es ist also der inzwischen als oppositionell bekannte Film, der es notwendig machte, die Vorlage abzuurteilen.

Anpassungen

Dass Schädlich mehr berücksichtigt wird, ließe sich dadurch erklären, dass er nach 1992 weiter produziert, also neue Einträge ermöglicht. Ein Vergleich mit anderen Autoren, für die das ebenso gilt, liefert ein uneinheitliches Bild. Der als regimenah geltende Hermann Kant war 1992 mit drei Romanen vertreten – 2009 sind es noch »Die Aula« und »Das Impressum«; »Der Aufenthalt« ist gestrichen. Die Artikel sind negativ gehalten. Peter Hacks war 1992 noch mit vier distanziert geschriebenen Beiträgen vertreten. 2009 muss er sich mit einem Sammelartikel »Das dramatische Werk« begnügen, der von einer näheren Befassung eher abschreckt.

Allerdings zeigt die Neuauflage generell eine Tendenz zu Sammelartikeln, auch bei den Gewinnern der Literaturgeschichtsschreibung. Zu ihnen zählt Heiner Müller, der bereits 1992 mit acht Werkbeschreibungen prominent vertreten war. Nun wird mit ausführlichen Überblicken fast das gesamte Werk vorgestellt: »Die Produktionsstücke«, »Die Antikenstücke«, »Deutschland-Stücke«, »Interviews, Gespräche, Reden«, »Das lyrische Werk«; dazu Einzelartikel zu »Hamletmaschine«, »Der Auftrag« und »Quartett«.

Diese Neugliederung ist bemerkenswert, zumal Müller nach 1989 kaum mehr größere Texte vorgelegt hat, was der Anlage eines Werklexikons nicht entgegenkommt. Christa Wolf dagegen schrieb weiterhin Bücher, und auch sie gehört zu denjenigen, denen 2009 mehr Raum gegeben wird als zuvor. Zu Artikeln über »Der geteilte Himmel«, »Kassandra«, »Kein Ort. Nirgends«, »Kindheitsmuster« und »Nachdenken über Christa T.« kommen nun solche über die Nach-»Wende«-Bücher »Was bleibt«, »Medea«, »Ein Tag im Jahr«.

Schließlich gibt es den Fall, dass vorhandene Artikel zwar nicht gestrichen oder ersetzt, jedoch umformuliert und zuweilen gekürzt wurden. Bei dem Eintrag zu Johannes R. Bechers »Das lyrische Werk« sind nur einige Passagen übernommen und wesentliche Teile neu formuliert. Damit geht eine sprachlich-ideologische Verschärfung einher. 1992 hieß es noch, neutral formuliert, dass Becher »nach Kriegsende (gemeint ist der Erste Weltkrieg, K. K.) als Mitglied der KPD konkretere politische Positionen« bezogen habe. 2009 liest sich das so: »Unverkennbar tragen die Veröffentlichungen dieser Jahre jedoch v. a. Zeichen von Bechers wachsendem politischen Engagement (…) und seiner Verehrung Lenins, was ihm den Weg zum erfolgreichen Parteidichter bereitete.« Wo Lenin droht, ist Stalin nicht weit: Einem Gedicht Bechers zu Stalins Tod 1953 ist ein ganzer Absatz gewidmet, natürlich im Duktus des Aburteilens. Was noch 1992 über Politik hinaus zur Charakteristik von Bechers lyrischem Werk zu lesen war, fehlt hingegen zum großen Teil.

Eine erste Zwischenbilanz: Quantitativ sind DDR-Autoren und ihre Werke 2009 nicht schlechter vertreten als siebzehn Jahre zuvor. Allerdings ist bei staatsnahen Autoren die Wertung durch mehr oder minder große Eingriffe ins Negative verschoben. Weiterhin kaum vertreten sind Schriftsteller, die ihre literarische Existenz auf einer Rolle als Regimegegner aufgebaut haben. Auffällig sind jene Autoren, die vor 1989 als freiheitliche sozialistische Opposition vom Westen hofiert wurden und kurz nach dem Anschluss der DDR wegen Stasi-Kontakten (Christa Wolf, Heiner Müller) oder wegen literarischer Mängel (Christa Wolf, Debatte um »Was bleibt«) Angriffen ausgesetzt waren. Sie haben ihre Position sogar ausgebaut, und dies unabhängig davon, ob sie nach 1989 noch größere Werke schrieben (Wolf) oder nicht (Müller). Hier kann man sich fragen, ob Literaturwissenschaftler träge in ihren Wertungen sind oder ob noch Bedarf nach einer solchen politischen Stellungnahme besteht. Klar wird jedenfalls, dass Künstler, die einen Staat hinter sich wissen, eher akzeptiert sind als solche, deren Staat untergegangen ist und nun als Schreckgespenst für alle Veränderungswilligen dienen muss.

Aburteilungen

Was Literaturgeschichten angeht, so lassen sich sehr unterschiedliche Ansätze finden. Ein Extrem stellt die 2013 im renommierten Wilhelm-Fink-Verlag publizierte »Deutsche Literaturgeschichte« von Reiner Ruffing dar. Der Verfasser, kein Universitätsgermanist, scheint ein Spezialist des Vereinfachens: Die Literaturgeschichte ist in der Reihe »basics« erschienen, und kleine Kästchen heben für die ganz faulen Leser hervor, was von der auf knapp dreihundert Seiten zusammengedrängten Darstellung auch für den äußersten Notfall gewusst werden müsste. Der Literatur der DDR gönnt Ruffing sechs Seiten, die folgendermaßen anheben: »In der DDR herrschte nach ’45 eine besonders rigide Form des sozialistischen Realismus vor, wonach die Aufgabe der Literatur darin bestehe, den Sozialismus zu fördern. (…) Wie im alten Preußen nahm sich der SED-Staat heraus, die Werke inhaltlich und formal zu zensieren. Stefan (!) Hermlin (1915–1997), die aus Mexiko zurückgekehrte Anna Seghers und Johannes R. Becher, der von 1954 bis 58 erster Kulturminister der DDR war, huldigten der Parteilinie einer marxistischen Ästhetik, wonach die Literatur danach bewertet wird, welchen Beitrag sie zum Antifaschismus und zum Fortschritt der Menschheit leistet.« (S. 257 f.)

Die Pointe dabei ist, dass Ruffing, der die Ausrichtung der DDR-Literatur an der Parteilinie behauptet und beklagt, dagegen nicht etwa ästhetische Wertungen aufbietet. Vielmehr klappert er ein paar wichtige Autoren ab und stellt sie anhand des Kriteriums dar, ob sie für oder gegen die Regierung der DDR, die er als »Regime« abwertet, aufgetreten sind. Günther (!) Kunert sei »einer der wichtigsten Lyriker der jüngeren deutschen Geschichte«, was aber Ruffing nicht dazu veranlasst, wenigstens dessen Namen richtig zu schreiben. Gleiches widerfährt Rainer (statt Reiner, mit Vornamen hat Ruffing kein Glück) Kunze, dessen Buch »Die wunderbaren Jahre« aufzeige, »wie in der DDR die jungen Menschen gegängelt und ihnen die Freiheit von Staats wegen genommen wurde« (S. 259 f.). Zwischendurch liest man überrascht, dass Hermann Kant »profiliertester Schriftsteller der DDR« gewesen sei – und lehnt sich beruhigt zurück, wenn zwei Sätze weiter von seinen Stasi-Kontakten die Rede ist. Unmittelbar im Anschluss heißt es: »Eine eindeutige Position gegen das SED-Regime bezogen Wolf Biermann, Wolfgang Harich, Erich Loest und Christoph Hein.« (S. 261) Diese und andere Autoren werden auf den weiteren gut zwei Seiten skizzenhaft vorgestellt, wobei ein Hauptkriterium ist, ob sie 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben haben. Der Abschnitt endet mit Rückblicken auf die DDR: Thomas Brussigs »Helden wie wir« und, als Zielpunkt der DDR-Literatur überhaupt, Uwe Tellkamps »Der Turm«.

Bei Ruffing sind die Schriftsteller der DDR nur politisch interessant; nicht zufällig ist der folgende Abschnitt »Die Literatur der 70er Jahre bis heute« überschrieben, und mit dieser Verallgemeinerung ist Westliteratur gemeint. Von einer solchen Vereinseitigung scheint Wolfgang Emmerich weit entfernt. Schon vor 1989 galt seine »Kleine Literaturgeschichte der DDR« im Westen als Standardwerk. 1995 erschien, verbunden mit einem Verlagswechsel von Luchterhand zu Aufbau, eine weitgehend umgearbeitete Neuausgabe (ich zitiere aus der 4. Auflage 2009). In einer Vorbemerkung legt Emmerich darüber Rechenschaft ab. Sein Blick auf die DDR habe sich »nicht unbeträchtlich verändert«. Seinen Fehler sieht er darin, »dem Staat DDR und seinen offiziellen kulturellen Hervorbringungen immerhin einigen Kredit eingeräumt« zu haben. Ursache dafür seien die »Loyalitätsfalle Antifaschismus und die Sehnsucht nach einem ›wahren Sozialismus‹« gewesen. Analog zu Sigmund Freuds Prozess der Psychoanalyse habe er einen Dreischritt von »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten« vollziehen müssen, ein »so quälender wie befreiender« Prozess mit »Mühen und Schmerzen« (S. 9).

Resultat dieser Plage, die Emmerich sich besser erspart hätte, ist ein gründlich verändertes Buch. Aus einem Sympathisanten der von ihm als »Reformsozialisten« bezeichneten Autoren wie Christa Wolf oder Volker Braun ist ein Verteidiger westlicher Staatlichkeit geworden. In der Einleitung zur 5. Auflage von 1989 hatte Emmerich noch als Hauptproblem der DDR die »Missachtung basisdemokratischer Initiativen in den Industriebetrieben« benannt. Damit seien ökonomische und politische Verfassung zunehmend in Widerspruch zueinander geraten. (S. 12) 1995 sieht Emmerich einen Mangel an bürgerlicher Rechtsstaatlichkeit: dass es weder ein »wirkliches Mehrparteiensystem« gab noch unabhängige Gerichte; und gleich ist er auch bei der Floskel von den »furchtbaren Juristen«, die man sonst mit dem Naziregime verbindet und die hier dazu dient, das geforderte Maß an Totalitarismusideologie abzuliefern. (S. 33)

Ein Hauptthema der Neuorientierung ist der »verordnete DDR-Antifaschismus als Staatsdoktrin und Lebenslüge zugleich« (S. 37). Dieser bilde einen Mythos und sei allein als solcher von Belang: indem er nämlich der Sinnstiftung gedient und der DDR eine wenn auch skeptische Anhängerschaft gesichert habe.

Die Absicht, der DDR im nachhinein jede Legitimität abzusprechen, durchzieht nun das Buch; immer wieder betont Emmerich, dass sie völlig zu Recht untergegangen sei. Entsprechend sind auf der Ebene der Werkbeschreibungen unzählige Einzelheiten geändert. Ich nehme als Beispiel nur den Abschnitt zu Bruno Apitz’ Buchenwald-Roman »Nackt unter Wölfen«. Vor 1989 wurden Autor und Buch sachlich-wohlwollend vorgestellt. Mehr noch: Emmerich nannte Beispiele bösartiger Westkritik, die eine angemessene Rezeption des Werkes in der Bundesrepublik verzögert habe. (S. 114 ff.) Dieser Teil ist 1995 nur wenig geändert. Nun aber heißt es, dass sich die antikommunistische Kritik als »nicht unberechtigt erwiesen« habe (S. 135). Unter den Toten von Buchenwald habe es nur 72 deutsche Kommunisten gegeben; mithin habe eine »(selbsternannte) kommunistische Häftlingselite« als die »roten Kapos« über Jahre hinweg mit der SS kollaboriert und dabei ein »verdächtig erfolgreiches ›Überlebenskollektiv‹« (S. 136) gebildet.

Politisierung

Neben allem, was gegen diese als Wissenschaft getarnte Hetze sachlich gesagt werden müsste, interessiert mich hier die durchgehende Politisierung von Emmerichs Urteilen. Nun ist gegen politische Beurteilungen politischer Literatur grundsätzlich nichts zu sagen. Der Witz aber besteht darin, dass in der Einleitung Emmerich gerade das durchgehend Politische der früheren (West-)Literaturwissenschaft, soweit sie es mit der DDR zu tun hatte, als deren Manko benennt. Seine Kritik, dass literarische Texte zu selten als Texte, sondern »weit häufiger als Widerspiegelung gesellschaftlich-politischer Verhältnisse« untersucht worden seien (S. 18), schließt zwar ausdrücklich eine Selbstkritik ein. Gleichzeitig gilt das für die Neubearbeitung seiner Literaturgeschichte weit mehr als für die frühere Fassung.

Diese Politisierung des Urteils bei Ausgrenzung jedes Ästhetischen kennzeichnet insgesamt den Umgang mit der Literatur der DDR in diesem Bereich der Literaturwissenschaft. Politisierung meint in diesem Zusammenhang keineswegs, dass es um eine Analyse von Interessen und Handlungsmöglichkeiten ginge. Vielmehr wird das Politische durchgehend moralisiert, und zwar im Gestus des Abwertens.

Gerade von einer Eigenständigkeit des Ästhetischen, die die Wissenschaftler in der besiegten DDR vermissen, kann in ihren Beiträgen keine Rede sein. In ihren Urteilen zeigt sich vielfach gerade jene Hörigkeit gegenüber Macht, die sie vielen DDR-Schriftstellern ankreiden. Nichts von dem, was sie anführen, war vor 1989 unbekannt. Wo aber ein Fassungsvergleich vor und nach dem Ende der DDR möglich ist, zeigt sich eine Verschärfung oder sogar Umkehrung des Urteils. Ästhetisch respektiert wird also, wer eine Staatsmacht hinter sich hat. Wer sie verliert, bekommt den Hohn obendrein.

Das gilt nur bedingt für die von Emmerich so bezeichneten »Reformsozialisten«. Obwohl in der Hochphase des Abrechnens auch manche von ihnen mit Stasi-Vorwürfen konfrontiert waren, haben sie in der Literaturgeschichtsschreibung ihre Position bewahrt. Dies kann, je nach Einzelfall, verschieden erklärt werden. Zum Teil gibt es sicher ein wirkliches Bedürfnis nach einer gesellschaftlichen Möglichkeit jenseits des Bestehenden, verbunden mit einem ästhetischen Interesse an den Werken, aber gegen die Realpolitik der SED gerichtet. Zum anderen Teil mag das Lob für einen reinen, utopischen Sozialismus immer noch dazu dienen, die unvermeidbaren Widrigkeiten tatsächlicher sozialistischer Politik zu kritisieren. Der positive Bezug auf einen sozialistischen Staat stellt das Kriterium dar, ob ein Autor und seine Werke verdammt werden.

Was hier gesagt wurde, betrifft nicht die gesamte Literaturwissenschaft. In vielen Beiträgen deutet sich, nach einer Phase der Abrechnung mit der DDR besonders in den 1990er Jahren, eine Milderung nicht nur des Tons, sondern auch des Inhalts an. In der neueren Forschung sind zur Literatur der DDR, aber auch zu ihrem Nachleben seit 1989/90, durchaus respektable Beiträge erschienen. Abzuwarten bleibt, ob diese Ergebnisse mit der üblichen Zeitverzögerung auch in die breitenwirksamen Wissenschaftsgenres Eingang finden oder ob dort eine ideologische Kontrolle Bestand hat.

Heute kann man folgendes tun. Im Internet präsent zu sein, auch unabhängig von der etablierten Wissenschaft, bedeutet Einfluss auf Studierende zu nehmen, unter ihnen die künftigen Lehrer. Diese rezipieren, wie eingangs erwähnt, Wikipedia, aber auch Websites zu einzelnen Personen oder Themen. Hier kann jeder mitschreiben. Wichtig ist es dabei, die Regeln des Genres zu beachten: nicht gegen die versteckte Ideologie offen die eigene Politik zu vertreten, sondern mittels Auswahl und Darstellung des Faktischen ein zutreffenderes Bild der DDR und ihrer Literatur zu geben. Eine sachliche Beschreibung des in der DDR Geleisteten ist das wirksamste Mittel gegen Geschichtsverfälschungen wie die hier beschriebenen.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 29./30. Juni 2019 über Paul Dessau.

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