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Aus: Ausgabe vom 08.07.2019, Seite 12 / Thema
Literatur

Inhalt und Form

Die Gegenwartsliteratur bestätigt das falsche Ganze. Überlegungen zu einem kritischen Realismus im Anschluss an Adorno und Gramsci
Von Enno Stahl
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Literatur? Waren! Allmacht der Kulturindustrie – Leipziger Buchmesse (15.3.2019)

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die bearbeitete und gekürzte Fassung eines Vortrags, den Enno Stahl am 22. Juni 2019 bei der Tagung »Ästhetik nach Adorno. Autonomie, Kritik, Versöhnung« in Berlin gehalten hat. (jW)

Literatur, die einst ein zentrales Instrument zur Übermittlung von Erfahrungen, Weltwissen, Deutungsmustern und nicht zuletzt auch Kritik an den bestehenden Verhältnissen gewesen ist, hat diesen Status heute weitgehend eingebüßt. Das liegt nicht nur daran, dass sie insgesamt dabei ist, ihren herausgehobenen Charakter als erkenntnisbildende Leitwährung zu verlieren. Bekanntlich sind neue digitale oder audiovisuelle Erzählformen hinzugekommen, die ihr – vielleicht weniger in Sachen Kompetenz als vielmehr hinsichtlich der Verbreitung und Rezeptionsintensität – den Rang abzulaufen drohen. Nein, gerade die deutschsprachige Literatur trägt auch selbst Schuld an diesem Dilemma – sie und der literarische Betrieb, der nicht nur ihre Distribution, sondern in steigendem Maße auch ihre Produktion nach rein kommerziellen Erwägungen steuert.

Ohne Inhalt

Obwohl das vielgeschmähte Kapitel »Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug« in Theodor W. Adornos und Max Horkheimers »Dialektik der Aufklärung« für viele heute als historisch gilt, erscheint ein Rückgriff darauf und auf andere Schriften Adornos, durchaus lohnenswert. Die vermeintliche Historisierung der Kritik an der Kulturindustrie steht in direktem Zusammenhang mit dem, was wir heute als Status quo anerkennen müssen. Denn dass die Postmoderne als theoretischer Sidekick der neoliberalen Entwicklung die Kritische Theorie ablöste und entsorgte, hatte entscheidende Konsequenzen auch für das deutsche Literaturwesen. Analog zu dessen kompromissloser Marktorientierung in Folge der ökonomischen Deregulierung entwickelte sich eine Literatur mit gesellschaftlich unbedenklichen Inhalten und Formen. Nicht umsonst tauchte die – genuin deutsche – Popliteratur just in dieser Phase auf und mit ihr eine Form ganz oder wenigstens semiautographischen Erzählens, oft oder fast ausschließlich in der »Ich«-Perspektive, mit amüsiert-ironischem Unterton, der sich besonders gerne gegen die Residuen kritischen Denkens wandte. Diese Entwicklung blieb nicht auf die sogenannte Popliteratur beschränkt, sondern zog weite Kreise. Heute ist eine unübersehbare Tendenz zum autobiographisch basierten Zeitgeist- und Identifikationsroman festzustellen. Doch nicht nur diese Spielart pflegt die gesellschaftlichen Bedingtheiten geflissentlich auszublenden, das tut das Gros der konventionell operierenden Lieferanten sogenannter Hochliteratur ebenso. Man hat verstanden, dass – anders als in den 1960er bis 1980er Jahren – politisches Engagement in der Literatur inzwischen ein echtes Verkaufshindernis geworden ist – wenn denn überhaupt ein Verlag bereit ist, sich dafür einzusetzen und derartiges geistiges Sperrgut zu veröffentlichen. Die Literatur wurde so zum willfährigen Erfüllungsgehilfen der Tilgung von Systemkritik aus den öffentlichen Diskursen und, was vielleicht noch schwerer wiegt, der Diskreditierung alternativ-gesellschaftlicher Narrative.

Die Mechanismen der Selbstreproduktion dieser Gesellschaft, auch die Monopolisierungstendenzen der Kulturkonzerne, die im Kulturindustrie-Kapitel der »Dialektik der Aufklärung« angesprochen werden, sind daher gerade heute durchaus virulent: »Unweigerlich reproduziert jede einzelne Manifestation der Kulturindustrie die Menschen als das, wozu die ganze sie gemacht hat.« Unzweifelhaft hängen viele Menschen in einem Geflecht unbewusster Abhängigkeiten fest, die unter anderem auch durch bestimmte Fernsehformate, Kulturgroßveranstaltungen, Youtube oder Computergaming programmiert werden. Sich diesem Zyklus zu entziehen ist schwer: »Was widersteht, darf überleben nur, indem es sich eingliedert. Einmal in seiner Differenz von der Kulturindustrie registriert, gehört es schon dazu wie der Bodenreformer zum Kapitalismus.« Die Integrationsfähigkeit des Marktes, die gegenüber jener Zeit, in der die »Dialektik der Aufklärung« erschien, noch erheblich zugenommen hat, wird in diesem Zitat illusionslos auf den Punkt gebracht. Dieses niederschmetternde Testat verschärfte Adorno später – in seinem Radioessay: »Résumé über Kulturindustrie« von 1963 – sogar noch dahingehend, dass er der Kulturindustrie eine totalitäre Macht zumaß: »Der kategorische Imperativ der Kulturindustrie hat (…) mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: Du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken.«

Hier sollten wir aber nicht stehenbleiben. Denn allen Produzentinnen und Produzenten kritischer Kulturerzeugnisse böte sich damit lediglich eine Perspektive der Ohnmacht und der Hoffnungslosigkeit. Statt dessen kann man diesen Befund Adornos mit Antonio Gramscis Hegemoniekonzept in eine produktive Verbindung bringen. Der sardische Kommunist unterteilte den Marxschen »Überbau« in zwei personell und organisatorisch miteinander verflochtene, dennoch getrennte Sphären, zum einen die bürgerliche Gesellschaft, darunter versteht Gramsci den Privatbereich der Individuen (Kultur, Lebensformen, Sozialverhalten, auch die Wirtschaft), zum anderen den Sektor des Staates und der Gesetzgebung. Letztere, die »direkte Herrschaft«, betreffe die unmittelbare Ausübung der Macht, während erstere, die »Hegemonie«, darum bemüht sei, einen sozialen Konsens herzustellen, also die freiwillige Zustimmung der Menschen zur herrschenden Gesellschaftsformation zu erlangen. Als Beschreibungsmodell für die heutige neoliberale Demokratie erscheint das sehr schlüssig.

Organische Intellektuelle

Eine tragende Rolle kommt in diesem Konzept den »Intellektuellen« zu. Gramsci meint damit sämtliche Sachwalter technischer, ökonomischer und kultureller Aufgaben in der Gesellschaft. »Intellektuelle« übernehmen für die herrschende Gruppe das Geschäft »der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Herrschaft«. Jegliche subversive Strömung müsse daher zum einen die bereits in das Herrschaftsgefüge involvierten, »traditionellen« Intellektuellen auf ihre Seite zu bringen suchen. Zum anderen gehe es »um die Herausbildung der eigenen organischen Intellektuellen«, die aus der jeweiligen Klasse hervorgehen, die neu zur Macht drängt. Die »Neue Rechte« hat sich momentan sehr erfolgreich dieses Konzepts bemächtigt – um so wichtiger also, es für die Linke zurückzuerobern. Es käme dann unter anderem darauf an, wieder vermehrt eigene, »organische« Intellektuelle zu positionieren, die alternative Konzepte und Praxisformen in Umlauf bringen, so wie das im Gefolge des 68er-Aufbruchs geschah. Diese Intellektuellen müssten über widerständige Kulturarbeit versuchen, neue Begriffe, Visionen und Zukunftsmodelle zu entwickeln, um die aktuelle Hegemonie zu untergraben. Hier läge demnach auch die Aufgabe für kritische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit ihren Werken und anderen politischen Äußerungsformen zu diesem Kampf beitragen könnten.

Einfach ist das, aufgrund der erwähnten äußeren Schwierigkeiten, nicht. Zudem sieht man sich auch innerliterarisch vor echte Herausforderungen gestellt, wenn es darum gehen soll, unbelastete Formen, Stile, Schreibweisen und Methoden zu erproben, um zu authentischen Figurenzeichnungen und sozial engagierten Aussagen zu gelangen. Die Komplikationen hat Adorno in seiner »Minima Moralia« klar aufgezeigt: »Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man sich kaum anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaft von ehedem behängen, und Personen, die nichts mehr sind als Bestandstücke der Maschinerie, handeln lassen, als ob sie überhaupt noch als Subjekte handeln könnten, und als ob von ihrem Handeln etwas abhinge.«

Diese Abhängigkeiten müsste eine analytische Literatur, die natürlich auch eine realistische Literatur sein muss, in ihrer Konzeption explizit mitbedenken und sie in ihrer Gestaltung, also Figurenzeichnung, Stil, Plot und letztlich auch Form, deutlich machen. Bernd Stegemann hat diese Relation in seinem »Lob des Realismus« so beschrieben: »Der Sozialismus begreift den einzelnen als durch tausend Fäden mit seiner Umwelt verbunden. Diese Fäden anschauen zu können, um nicht als Marionette darin zappeln zu müssen, ist die Aufgabe des Realismus.« Auch literarische Charaktere müssen in ihren gesellschaftlichen Bedingtheiten bedacht und gestaltet werden, alles, was sie tun, denken und fühlen, resultiert daraus ganz zwangsläufig, als seien sie von außen gesteuert. Literarisch praktisch beinhaltet dies, dass man gar nicht so viel Sorgfalt und Finesse in die Ausgestaltung der Figuren legen muss: Das soziale Darstellungsziel kann durchaus beschränkte, »funktionelle Charaktere« erfordern, die in ihrem Zusammenspiel eine gesellschaftliche Wahrheit vermitteln. Denn die eigentliche Aussageabsicht, nämlich das Herausstellen ihrer kollektiven Beispielhaftigkeit, könnte das eher noch verwischen und verstellen. Je weniger psychologisch ausgefeilt das Einzelschicksal, desto exemplarischer ist es für eine große Anzahl von Personen in derselben Lage, mit demselben Beruf, aus demselben Milieu, mit derselben Sozialisation.

Der analytische Realismus kann aber nicht mit bloßen Abbildungsverfahren arbeiten, Deutung und auch Wertung müssen hinzukommen. Adorno beschreibt dies so: »Will der Roman seinem realistischen Erbe treu bleiben und sagen, wie es wirklich ist, so muss er auf einen Realismus verzichten, der, indem er die Fassade reproduziert, nur dieser bei ihrem Täuschungsgeschäft hilft.« Adorno selbst bleibt in seinen Hinweisen dazu, wie Romane in dieser Situation verfahren können, vage, exemplifiziert lediglich an einigen Autoren der klassischen Moderne (Thomas Mann, Robert Musil, Marcel Proust) Praktiken narrativer Hintergründigkeit, die die Texte nicht zuletzt als etwas Gemachtes ausweisen. Rein formal gesehen, gingen die Fragmentformen der historischen Avantgardebewegungen, insbesondere des Dadaismus und des Surrealismus, sogar noch weiter. Auch sie bieten ein Reservoir, aus dem man schöpfen kann, um der Uniformität heutiger literarischer Produkte zu entkommen.

Rehabilitierung des Autors

Hinreichend ist das aber noch nicht, zumal man sich um eine weitere Erkenntnis nicht herumlügen darf: Literarische Instrumente, die etwa intentionell gegen die Zuverlässigkeit des Erzählers, auch gegen die Authentifizierung durch den Autor arbeiten, sind gerade im Zenit der Postmoderne zu höchsten Ehren gelangt. Sie sind das Paradigma postmodernen Erzählens.

Roland Barthes verkündete schon 1960 den »Tod des Autors«, Texte seien »Gewebe von Zitaten«. Michel Foucault ging noch weiter, indem er den Text lediglich als Ausgangsimpuls für Diskursprozesse ansah. Bei beiden, Barthes und Foucault, kam es also auf den Autor, seine Haltung, seine Überzeugung, seine Motivationen und Ziele nicht mehr an, vielmehr darauf, was die Interpreten aus der literarischen Vorlage machen. Diesem Diktum aber wohnt eine ernüchternde These inne: Der Text sei ein frei ausdeutbares, beliebiges Konstrukt, politisch für alle und jeden instrumentalisierbar.

Dem gilt es zu widersprechen. Eine erneute Selbstermächtigung ist erforderlich. Es gilt, den Text als eigenen zu reklamieren, was nicht auf das Copyright zielt, sondern auf eine Autorisierung der Inhalte und eine künstlerisch-politische Integrität. Es ist eben nicht egal, wer ihn verfasst hat – nicht einmal, wer ihn liest und was daraus zu beziehen ist. Der Text muss seinen ideologiekritischen Gehalt unübersehbar mitliefern, er muss sich einer geschmäcklerischen, rein ästhetischen Lesart verweigern. Das kann entweder durch eine formal-stilistische Sperrigkeit geschehen im Sinne etwa von Wiktor Schklovskis Verfremdungsbegriff, als »erschwerte Form, ein Verfahren, das die Wahrnehmung erschwert und verlängert«. Oder der Text, ein Roman beispielsweise, wird aufgrund seiner Inhalte selbst unhintergehbar, weil er die skandalösen Verhältnisse rückhaltlos benennt und auch Gründe offenlegt. Ein solcher Roman muss dem allgemeinen Hauptstrom einer literaturbetrieblich formatierten Goutierbarkeit radikal entsagen, jenem »für Leser von …«. Vielmehr muss er auf seiner unnachahmlichen Originalität bestehen und zeigen, dass er das große Gesellschafts- und Kulturindustriespiel nicht mitspielt, nicht dazugehört, ohne sich herauszuhalten: »Ob ritualisiert oder nicht, enthält Kunst die Rationalität der Negation. In ihren fortgeschrittenen Positionen ist sie die Große Weigerung – der Protest gegen das, was ist.« Das meinte Herbert Marcuse, und warum sollte Kunst das nicht auch heute noch einlösen? Eine solche Kunst, eine solche Literatur darf das Bestehende, insbesondere den gesellschaftlichen Zustand, nicht akzeptieren. Wer akzeptiert, ist automatisch Teil des Problems. Literatur hat die Möglichkeit, unversöhnlich zu sein.

Literatur kann und muss darauf pochen, dass es anders wird, denn wie wir von Walter Benjamin wissen: »Dass ›es so weiter‹ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.« Literatur muss an der Veränderung arbeiten. Adorno bringt es lakonisch auf den Punkt: »Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.« Gerade in einer Gesellschaft, die sich durch fortgesetzte, freiwillige Selbstoptimierung der Beherrschten konstituiert, sind solche subversiven Praktiken nötiger denn je. Nicht umsonst hat Hermann Melvilles freundlich-anarchische Erzählung »Bartleby, the Scrivener« (»Bartleby der Schreiber«, 1853) heute Hochkonjunktur, sie liefert ein Musterbeispiel dessen, wie jemand sich durch passiven Protest der alles überwölbenden Rationalität widersetzt.

Der analytische Realismus ist weit offener zu verstehen, als es vielleicht scheint. Es geht weniger um einen Realismus der Darstellungsweise als vielmehr einen Realismus der Weltwahrnehmung, welcher der literarischen Gestaltung vorausgeht. Ein Autor, eine Autorin muss sich daher vorrangig um eine Analyse der Wirklichkeit bemühen, d. h. über Lektüre, Recherche und Theorieeinsatz die Strukturen und Herrschaftsverhältnisse der gegenwärtigen Gesellschaft verstehen lernen, um einen Einblick in die sozioökonomischen Wirkkräfte und ihren Einfluss auf das Verhalten der Einzelmenschen zu erlangen. Daraus entwickelt sich im Ergebnis seine oder ihre spezifische Haltung, die in seiner oder ihrer Literatur einen originären Ausdruck findet – wobei sich formal und inhaltlich das ganze grenzenlose Reich ästhetischer Freiheit auftut. Das, was literarisch konstruiert wird, muss vordergründig gar nichts mit unserer Realität zu tun haben. Es kann eine parabolische, anekdotische, metaphorische, utopische Version derselben sein. Es können Science-Fiction-Welten oder trickfilmartige Sprachanimationen sein, wenn sie nur einen prägnanten Rückschluss auf unsere Wirklichkeit gestatten – die Herrschafts- und Klassenverhältnisse, die sie prägen, sichtbar machen, und nicht zuletzt: den Kampf der Menschen um ein würdiges Leben zeigen, begleiten und damit auch unterstützen.

Klassenfragen

Selbst kritische Autorinnen und Autoren bleiben meist bei der »Tragödie des Leistungsträgers« stehen, indem sie zeigen, wie ein eigentlich verdientes Mitglied der Gesellschaft aus ihr herausfällt – durch widrige soziale oder ökonomische Umstände, durch Arbeitslosigkeit oder Schicksalsschläge. Damit werden zwar die Zwangsumstände namhaft gemacht, die eine derartige Abwärtsspirale in Gang setzen, oft genug aber, ohne die Verantwortlichkeit der aktuellen ökonomischen Produktionsweise aufzuzeigen. Im besten Fall können solche Fabeln Mittelstandskritik vermitteln – Literatur, deren Produzenten ja meist aus eben dieser Schicht stammen, wird so letztlich zur Klassenselbstkritik, eine Veränderungsdynamik geht von ihr aber kaum aus. Schon deshalb, weil diesen Mittelstandsgeschichten (und den Protagonisten, die sie bevölkern) fast immer die Vorstellung einer gesellschaftlichen Alternative fehlt. Sie sind in der Regel visions- und utopielos, deshalb geben sich die Heldinnen und Helden dieser Romane gegen Ende zumeist mit den geänderten Bedingungen zufrieden, ohne wirklich zu rebellieren, die Klassenfrage zu stellen – oder gar ein paar Gedanken darüber zu verlieren, ob und wie eine andere gerechtere Welt möglich wäre.

Literatur aber war immer in der Lage über das hinauszusehen, was im Bereich des Möglichen schien. Literatur kann, wenn sie denn will, konstruktiv mitwirken am Aufbau einer freien Gesellschaft. Autorinnen und Autoren dürfen sich dann nicht damit bescheiden, wie Günther Weisenborn es formulierte, »im Rahmen der Konvention zahlende Auftraggeber durch Visionen nach Maß zu befriedigen«. Sondern: »Dichter sein heißt die Menschen bewegen, ihr Leben zu ändern.«

Das ist ein hoher Anspruch. Mit ihm betritt man heute – nach den antisozialistischen Säuberungsaktionen der Postmoderne – wieder eine Terra incognita: Wir reden über verbranntes Gelände. Verbrannt ist es aufgrund der Erfahrungen etwa mit dem sozialistischen Realismus. Selbst ein großer Roman wie Pier Paolo Pasolinis »Una vita violenta« (1959) endet – mit Tod und sozialistischer Läuterung des Protagonisten – in rasendem Kitsch. Literarisch fraglich ist allein schon die Gestaltung des Positiven. Die genuine Stärke der Literatur liegt in der Negation. Dennoch muss sie sich jetzt auf diesen ihr eigentlich fremden Bereich verlegen, denn die heutige Welt ist bar jeder Illusion, jeder Hoffnung auf Besserung – und heißt das nicht eigentlich: bar jeder Zukunft?

Es gilt also mittels Literatur an dieser Zukunft zu bauen, einer Welt, die eben nicht – wie vom identitätspolitischen »progressiven Neoliberalismus« bis zum Erbrechen wiedergekäut –, »bunt und multikulturell« ist, sondern frei und gleichberechtigt; in der nicht mehr von Unterschieden und Opferhierarchien die Rede ist, sondern von Gemeinschaft und Solidarität. Eine solche Welt scheint heute schwer fassbar, um so mehr eine Literatur, die sich diesem Bild verschreibt. Wie könnte sie aussehen? Ihre Basis müsste weiterhin die Negation sein, die Kritik am Bestehenden, das in schonungsloser Klarheit gezeigt wird, darin, wie es die Protagonisten eines derartigen Romans in seinem Bann und in seinen Fesseln hält. Dann müsste der Kampf dieser Protagonisten gegen diese sie beherrschenden Strukturen nachgezeichnet werden, ein Kampf gegen eindeutig Übermächtiges.

Konkret und offen

Die Protagonisten tragen die Spuren dieses Konfliktes, seelische, vielleicht auch körperliche Verwundungen. Am Ende finden sie einen Weg für sich, der gangbar ist, ihr Überleben sichert und die Aufrechterhaltung des Kampfes – und damit eine echte Individualität, die sie über das rein funktionelle Sein erhebt. Und vielleicht entwickeln sie auch eine exemplarische Gemeinschaft, die ansatzweise zum Vorbild taugen kann für die Welt, die da kommen mag.

Damit so etwas literarisch funktioniert, darf die Gestaltung nie widerspruchslos sein, selbst das tendenziell harmonische Schlusstableau muss Sprünge besitzen, immerhin bewegt es sich als Mikrokeimzelle etwas vielleicht Richtigem im riesigen Meer des Falschen, und die Stigmata des Falschen bleiben allen Beteiligten eingepflanzt – darum können und müssen Konflikte entstehen. Literatur darf nie nur eine Lesart, eine Interpretation vorgeben, auch hier nicht, sie muss sich eine Deutungsoffenheit bewahren, die allerdings nicht so weit gehen darf, dass sie in ihren Grundprämissen missverstanden werden könnte – nämlich ihrer Negations- und Integrationskraft, das »Wie« wäre bei beidem diskutierbar, nicht aber das »Dass«. Auf diese Weise könnte Literatur wieder in eine verloren geglaubte Rolle schlüpfen, die der Anregerin, der Visionärin, der Künderin eines besseren Lebens aller.

Der Schriftsteller Enno Stahl schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2. April 2019 über Diskursstrategien der »Neuen Rechten«.

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