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Aus: Ausgabe vom 08.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Bildungspolitik

Harry Potter zieht nicht

Französische Regierung will 240 »Exzellenzinternate« eröffnen – Kosten spielen keine Rolle
Von Hansgeorg Hermann
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Forcieren ihre elitäre Bildungspolitik: Bildungsminister Jean-Michel Blanquer (l.) und Staatspräsident Emmanuel Macron

Die französische Regierung forciert ihre elitäre Bildungspolitik. Staatschef Emmanuel Macron und sein zuständiger Minister Jean-Michel Blanquer wollen bis zum Ende ihres politischen Mandats im Jahr 2022 mindestens 240 sogenannte Exezllenzinternate in Dienst nehmen. Das Internat als Bildungsangebot für schwierige Eleven aus betuchtem Elternhaus hatte seine beste Zeit vor hundert Jahren. Blanquer will nun den kasernierten Unterricht für »hoffnungsvolle« Kinder aus den im Politikerjargon »sensibel« genannten Armenvierteln der Großstädte einführen. Ein wichtiger Teil des für »normale« Schulen zur Verfügung stehenden Geldes, kritisieren Gewerkschaften, werde damit aus den Banlieues abgezogen und in auswärtige Erziehungsanstalten gesteckt. Das strukturelle Elend der hauptsächlich von Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien besiedelten Quartiere aber bleibe vor Ort.

Hintergrund der seltsamen ministeriellen Initiative ist die von Macron seit Beginn seines Mandats verfolgte »Erweiterung« des allgemeinen staatlichen Bildungsangebots hin zu einem mehr und mehr auf Selektion ausgerichteten System. Das mit seinen »Grands Eco les« – Kaderschmieden wie der ENA (Ecole Nationale d’Administration) – ohnehin schon reichlich elitäre französische Bildungssystem soll nun offenbar auf die universitäre Vorstufe, die Gymnasien (französisch Lycée) ausgedehnt werden. Welche Schüler profitieren sollen oder werden, ist bis dato reichlich unklar. Einen Anhaltspunkt gibt lediglich die Kostenfrage: Eltern müssten für den Internatsaufenthalt ihres Kindes mindestens 2.000 Euro im Jahr bezahlen, schätzen Blanquers streng rechtskonservative Bildungsingenieure. Für eine Familie aus den zum Tel bitterarmen Vorstädten der Metropole Paris ein kaum zu schulternder Betrag.

Groß in Mode war das Internat in den vergangenen Jahrzehnten sowieso nicht. Schon der 2007 zum Präsidenten gewählte politische Rechtsaußen Nicolas Sarkozy unternahm in seinen fünf Amtsjahren den eher kläglichen Versuch, diese Schulform in Frankreich wiederzubeleben. Geblieben ist die Anstalt in Sourdun, eine ehemalige Husarenkaserne rund 50 Kilometer südöstlich von Paris, die 2008 für rund 50 Millionen Euro hergerichtet und in die Académie de Créteil eingegliedert wurde. Blanquer, damals Dirketor der Akademie, ist nun verantwortlich für die Wiederaufnahme des Sarkozy-Plans. Auch Blanquers damaliger Chef ist noch lange nicht aufs Altenteil gewechselt. Als eine Art heimlicher, unheimlicher Berater des derzeitigen Herrschers im präsidialen Élysée-Palast hat Sarkozy vermutlich einigen Einfluss auf die aktuelle Gestaltung des Bildungstableaus.

Das Netz bereits bestehender Internate in Frankreich ist weit gespannt und bietet nach Angaben der Schulbehörden derzeit rund 222.400 Plätze an, vor allem in ländlichen Gebieten und Gebirgsregionen. Problem: Rund 40.000 Plätze blieben mangels Nachfrage unbesetzt, der von Minister Blanquer bemühte »Harry-Potter-Effekt« blieb bisher aus. Blanquer hofft, der weltberühmte Zauberlehrling aus dem phantasierten Hogwarts-Internat habe bei den »heutigen Jugendlichen den Appetit aufs Internat geweckt«, den es »auszunutzen« gelte. Und wie die zunächst chaotische Schar der Hogwarts-Schüler von speziellen Lehrern zu »exzellenten« Mitgliedern der zauberischen Gemeinde herangezogen werden, so sollen künftig offenbar auch die angeblich besonders problematischen Kinder aus »sensiblen« Pariser Vororten wie Saint-Denis zu karrierewilligen Staatsbürgern werden – formiert nach den Vorstellungen eines Präsidenten, dessen Weltbild in einer privaten Jesuitenschule entstand.

An Geld soll es nicht fehlen. Eine Milliarde Euro stehe zur Verfügung, meldete in dieser Woche die Pariser Tageszeitung Le Monde. Aber für wen und wofür genau? fragte gleichzeitig das für derlei Kredite zuständige staatliche Geldhaus Banque de Territoires. »Wir brauchen kein Geld für Schaufensterprojekte«, kritisierte die Schulgewerkschafterin Catherine Nave-Bekhti, »wir brauchen es, um dringend benötigte Lehrkräfte einzustellen.« In den sogenannten »normalen Schulen« also, wo es an eben jener »sozialen Gerechtigkeit« fehlt, die Staatschef Macron nun in den kasernierten Unterricht der Internate auslagern will. Ein Vorhaben, das in staatlichen Pariser Edelgymnasien wie Henri IV oder Louis-le-Grand weder er noch seine Vorgänger jemals zu erreichen suchten. Dort sollen die Kinder der alten Geld-, Adels- und Bildungseliten wohl auch künftig unter sich bleiben.

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