Gegründet 1947 Donnerstag, 18. Juli 2019, Nr. 164
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.07.2019, Seite 8 / Ansichten

Provokation zum Krieg

Britische Marine kapert Öltanker
Von Lucas Zeise
RTS2L7PU.jpg
Boris Johnson hatte das Iran-Abkommen mit ausgehandelt. Ob er zum Büttel Washingtons wird?

Bundespräsident Horst Köhler trat 2010 zurück, nachdem er die weitere Aufrüstung und Ausweitung des Aktionsgebiets der Bundeswehr damit begründet hatte, es gelte, die internationalen Handelswege offenzuhalten und für diese faire Darstellung der deutschen Rüstungspolitik getadelt worden war. Damals dachten die deutschen Kriegspolitiker an die Küste vor Somalia, wo ihre Kriegsschiffe sich am Schutz der Handelsschiffahrt vor gemeinen Piraten beteiligten.

Heute müssten die deutschen Streitkräfte die Offenheit der Seewege gegen die britische Marine verteidigen. Die hatte am vergangenen Donnerstag einen mit zwei Millionen Barrel Erdöl beladenen Öltanker aufgebracht und die Besatzung an Land entführt. Das Schiff war im iranischen Erdölhafen Kharg beladen worden und, weil der Suezkanal für derartige Supertanker mit voller Last nicht passierbar ist, um die Südspitze Afrikas herum und weiter durch die Straße von Gibraltar auf dem Weg zum syrischen Erdölhafen Banias unterwegs.

Die britische Regierung rechtfertigt die Aktion mit den Wirtschaftssanktionen der EU gegen Syrien. Ist es schon schlimm genug, dass diese Sanktionen existieren, so ist es eine unglaubliche Frechheit, damit den Warenaustausch zwischen Drittstaaten zu behindern. Dass der Iran seinerseits den Sanktionen der USA unterliegt, macht die Sache nicht besser. Als Boris Johnson, der sich gerade um die Führung der Tories und damit die des ganzen Landes bemüht, Außenminister unter Theresa May war, wurde er mit dem deutschen und französischen Außenminister zusammen in Washington vorstellig, um die Sanktionen gegen den Iran abzuwehren. Jetzt macht sich die britische Regierung wie einst unter Tony Blair zum willigen Büttel der US-amerikanischen.

Natürlich wird die deutsche Regierung nicht für die Freiheit der Handelswege eintreten. Im Gegenteil, sie hält bis heute an den Sanktionen gegen Syrien fest und unternimmt wenig, um den Schaden für die deutschen Kapitalisten durch die imperial ausgeweiteten US-Sanktionen gegen den Iran in Grenzen zu halten. Kurz, sie nimmt am Krieg (mäßiger Intensität) gegen Syrien teil. Die Zerstückelung Syriens konnte 2018 dank der Unterstützung Russlands und des Iran vorläufig abgewehrt werden. Jetzt gehen die Feinde des Landes wieder in die Offensive. Auf hoher See Schiffe zu kapern, um ein Land ökonomisch vollständig zu isolieren, ist die unmittelbare Vorstufe zum offenen Krieg. Der Iran wird zugleich dazu provoziert, ähnlich zu handeln und in der Straße von Hormuz vor der eigenen Küste unerwünschte Schiffe aufzubringen.

Die Offenheit der See- und Handelswege ist nicht nur nach Horst Köhler ein hohes Gut. Sie wird vom US-Imperium und seinen willigen Vollstreckern nach Belieben garantiert und in der Praxis akut gefährdet. Es wird immer dringender, dass sich die anderen Staaten der Welt dagegen zusammentun.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Die Idee sei, dem Land so viele wirtschaftliche Probleme zu bere...
    20.04.2019

    Kein Öl für Syrien

    Extremer US-Druck: Das Land und seine Unterstützer sollen »vom globalen Finanz- und Handelssystem abgetrennt« werden
  • Israelische Soldaten auf den annektierten Golanhöhen am Montag
    30.03.2019

    Griff nach dem Golan

    Widersprüchliche Berichte zu Angriffen auf Syrien. Streit im UN-Sicherheitsrat wegen Trumps Dekret
  • Drohende Katastrophe eines vergessenen Krieges. Millionen Kinder...
    25.04.2017

    Die Hungerblockade

    Saudische Kriegsallianz riegelt Jemen ab. Der US-geführte Westen liefert Waffen und schickt Drohnen. Millionen Menschen droht der Tod. In Genf tagt eine »Geberkonferenz«

Mehr aus: Ansichten