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Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Patacones

Von Maxi Wunder

Als ich letztens im Hamburger Bahnhofsviertel einen Mann nach dem Weg fragte, antwortete er überraschend: »Scheiß Deutschland!« Das half mir in der Sache zwar nicht weiter, regte mich aber zum Nachdenken an: Hat er nicht recht? Will ich hier wirklich alt werden?

Ich rief meine Freundinnen an. Unabhängig voneinander schwärmten drei von Costa Rica. »Costa Rica gehört zu den wenigen Staaten auf der Welt, die keine Armee haben. Ich habe mir da ein Grundstück gekauft und baue schon!« meinte die eine. »Die tun einfach alles für den Naturschutz, dort gibt es nur Ökotourismus! Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich sofort hinziehen«, erklärte die zweite. »Meine chronische Bronchitis war da nach wenigen Tagen weg«, so die dritte.

Ich erwarb also einen preiswerten Langstreckenflug ins Land der Artenvielfalt – Greta von »Fridays for future« würde mir eine runterhauen. Ein Programmpunkt der von mir gebuchten Gruppenreise »Highlights der Karibik« ist der Besuch einer ökologischen Kaffeefarm im Norden Costa Ricas. In tropischer Affenhitze lauschen wir Juan, der in einer Art Englisch einen ermüdenden Vortrag über den Anbau und die Herstellung von ungespritztem Kaffee hält. Da ich mich nicht die Bohne für Dinge interessiere, die einem dreckige Fingernägel machen, unterbreche ich den sympathischen Plantagenbetreiber mit nervigen Gewerkschaftsfragen nach Tariflöhnen und Kinderarbeit. Die Wände seiner Kaffebohnensortierhalle sind nämlich mit Fotos von Erntehelfern dekoriert, etwa ein Drittel der darauf abgelichteten Belegschaft ist minderjährig. Nein, es gebe keine Kinderarbeit auf der Farm, beruhigt mich Juan, die Eltern würden die Kinder nur mit zur Arbeit nehmen, damit die nicht die Schule schwänzen ... Das leuchtet ein, sage ich, und registriere giftige Blicke von unserem Reiseleiter, der mich schon die ganze Zeit für einen Spitzel von der UNESCO hält.

Natürlich ist der Zweck der Plantagentour, dass wir beim abschließenden Besuch im Souvenirshop möglichst viel Geld ausgeben. Vorher werden wir noch mit einem »Casado« bestochen, dem traditionellen costaricanischen Mittagessen. Auf dem Teller befinden sich in übersichtlicher Anordnung ein Häufchen Reis, eine Schale schwarze Bohnen, ein Häufchen Salat, ein Häufchen geschnetzeltes Rindfleisch und einige »Patacones«, das sind frittierte Kochbananenmedaillons. Letztere sind das einzig Schmackhafte an dem Gericht und wegen ihres hohen Magnesium- und Kaliumgehalts die optimale Nahrung bei schweißtreibendem Klima.

Grüne, unreife Kochbananen (die nicht roh verzehrt werden dürfen) schälen und in zwei bis fünf Zentimeter dicke Stücke schneiden. Die Stücke in Fett anfrittieren, bis sie leicht bräunlich sind. Herausnehmen und auf ein großes Brett legen. Mit einem harten Gegenstand, zum Beispiel einem kleinen Brett, die Bananenstücke platt drücken, eventuell Hammer zu Hilfe nehmen und dabei »Scheiß Deutschland!« rufen. Vorsichtig vom Brett lösen und nochmals frittieren, bis sie außen knusperbraun und innen noch leicht mehlig sind. Abtropfen lassen und mit etwas Salz bestreuen. Gut geeignet auch als Snack für den Badesee in der ungeliebten Heimat.

Regio:

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