Gegründet 1947 Donnerstag, 18. Juli 2019, Nr. 164
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kleine Völker Russlands

Die Paläosibirier

Niwchen, Ainu und Jukagiren sind kleine Völker im Osten Russlands. Mit viel Eigeninitiative bewahren sie ihre Kultur und geben sie weiter
Von Alexandre Sladkevich
12 Ocha.jpg
Die Stadt Ocha im Norden von Russlands größter Insel Sachalin. Viele der hier lebenden Niwchen sind ohne Arbeit, da ihnen keine Alternative zur traditionellen Lebensweise geboten wurde

Sachalin ist Russlands größte Insel und bildet im Pazifischen Ozean vor der südöstlichen Küste des Landes die Grenze zwischen Ochotskischem und Japanischem Meer. Im Norden der Insel siedeln 2.290 Niwchen – 0,46 Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung. »Niwchisch ist meine Muttersprache. Russisch habe ich damals in der Internatsschule erlernt. Niwchisch dagegen gab es an meiner Schule nicht. Diese Sprache wird heute nur als Proforma-Unterricht an der Grundschule in Nekrasowka und höchstens noch in Nogliki unterrichtet. Die Finanzmittel für die Lehrkräfte wurden nicht freigegeben«, berichtet die 67jährige in Ocha lebende Natalja Jalina.

Niwchisch ist mit keiner der bekannten Sprachen genetisch verwandt, es ist eine isolierte Sprache. Man zählt sie zu den paläosibirischen Sprachen, die Reste mehrerer alter Sprachfamilien Nord- und Ostsibiriens sind. Laut der UNESCO sind diese mehr oder minder in ihrer Existenz bedroht. Niwchisch bildet dabei keine Ausnahme. Von den etwa 4.652 Niwchen, die in Russland leben, beherrschten bei der Volkszählung von 2010 nur noch 198 diese Sprache.

Die »Nichtregierungsorganisation der zahlenmäßig kleinen indigenen Völker des Nordens in Ocha« (NRO) dient dem Erhalt des Traditionellen. »Man lernt bei uns, traditionelle Kleidung zu schneidern und zu stricken. Vor zwei Jahren wagten wir den Versuch, Niwchisch zu unterrichten, aber das scheiterte völlig. Zum einen besaßen die Schüler nicht einmal Grundkenntnisse, und zum anderen wollten nur sehr wenige die Sprache überhaupt lernen«, klagt Natalja. Ihre Kolleginnen Raissa Fadejewa (68) und Walentina Gechan (64) klagen über die begrenzten Möglichkeiten, ihre Muttersprache zu benutzen. »Ich spreche nur mit meinen Altersgenossen, die Jüngeren beherrschen die Sprache nicht«, sagt Walentina. Raissa fügt hinzu: »Seitdem ich hier dabei bin, fing ich an, anders zu denken. Seit der ersten Klasse habe ich fast nur noch Russisch gesprochen, weil ich stets von Russen umgeben war, hier aber ist meine Muttersprache präsent.

Systematische Verdrängung

Die einzige Möglichkeit, sich zu zeigen und zu behaupten, beschränkt sich auf die Nationaltracht, auf Bühnenauftritte und das traditionelle Handwerk. Neben anderen indigenen Völkern präsentieren sich die Niwchen bei der alljährlichen Ausstellung »Die Schätze des Nordens« in Moskau. Doch dies ist nur Folklore, die ursprüngliche Lebensweise wurde seit den 1960er systematisch verdrängt. »Wir wurden gezwungen, die Zahl unserer einzigartigen Schlittenhunde stark zu dezimieren. Es ist verboten mit Pilzen und Beeren zu handeln. Wir unterliegen einer Angelbeschränkung. Es gibt keine Schamanen mehr, nur noch stilisierte, zu erleben bei den Auftritten der Ensembles. Weder kann man hier unsere Gerichte kosten, noch gibt es ein Café«. Zu Hause kocht Natalja noch traditionell. In der Nationalküche wird viel Fisch verwendet. Es gibt Gerichte mit Trockenfischhaut samt Preiselbeeren oder Fischmilch mit Rauschbeeren.

Die größten Probleme sieht Natalja in der Korruption und im Unverständnis für die traditionelle Lebensart. Beim Erlass der Angelbeschränkung wurde nicht berücksichtigt, dass die Niwchen ihre Schlittenhunde mit Jukola, dem Dörrfisch, gefüttert haben. »Dass man mit den Hundeschlitten Holz transportiert hat, sich fortbewegte, Kinder zur Schule brachte, daran wurde nicht gedacht.« Es blieb kein Futter für diese hochgeschätzten Hunde, und die Niwchen wurden gezwungen, sie zu beseitigen. Davor wäre das undenkbar gewesen, sie galten als allerbestes Geschenk, als großes Ehrenzeichen. Man setzte die Hunde auch im Sommer ein. Sie zogen die Boote die Küste entlang und über das Wasser.

09 Nekrasowka.jpg
Schüler in Nekrasowka üben sich in der Nationalsportart Ringen

Seit der Perestroika, erzählt Natalja, eroberten Kriminelle die Macht. Sie wildern und bleiben verschont, dabei handelt es sich um Tonnen von Fisch. Außerdem interessieren sie sich nur für den Kaviar und werfen die Fische weg. Natalja sah Uferstreifen, die komplett mit ausgenommenen Tieren bedeckt waren. Aber sollte mal ein Niwche mit einem Fisch mehr als erlaubt erwischt werden, wird er hart bestraft. Obwohl sein Bestreben nur darin liegt, seine Kinder zu ernähren. »Um die Kinder für die Schule vorzubereiten, sie einzukleiden, benötigt man Geld. Aber bei dem Verbot, mit Fischen, Pilzen und Beeren zu handeln, wie soll man da Geld verdienen können?« fragt Natalja. Man dürfe aus der Natur nur für den Eigengebrauch schöpfen.

Zu ihrer traditionellen Lebensweise bot sich den Niwchen keine Alternative. Dies führte zu anhaltender Arbeitslosigkeit. »In Ocha und auch in Nekrasowka sind die meisten ohne Job. Zu arbeiten haben viele inzwischen verlernt, obwohl sie eine Anstellung suchen.« Die Rechte der Niwchen versucht Nataljas NRO zu schützen. »Wir kämpfen auch dafür, dass die vom Staat gewährten Privilegien nicht nur die Elite genießt, sondern allen zugute kommt.«

Die Feste gelten als wichtigstes Rudiment, das die Niwchen bewahren konnten. »Sie wurzeln im Animismus«, erzählt Natalja. Da der Fisch sehr wichtig ist, feiern sie im Juni das Fest der Meeresgeistfütterung. Damit sind Essensgaben gemeint. Gefeiert wird über drei Tage, und die meisten Männer treibt es auf das Ochotskische Meer. Aber auch andere Geister werden von den Niwchen besänftigt, sowohl bei den Festen als auch im Alltag. »Wenn wir in den Wald gehen, besonders die neuen Areale aufsuchen, bewirten wir die hiesigen Herrscher. Ein Teil des mitgebrachten Essens legt man dann ins Gebüsch und wendet sich auf Niwchisch an den Waldgeist, denn die Herrscher darf man niemals benachteiligen. Obschon es mitunter Getaufte gibt, zählt man die Niwchen nicht zu den Kirchgängern.«

Kultur bewahren

Auch im Zentrum für Erhalt und Entwicklung der traditionellen Kultur der Indigenen »Kychkych« (der Schwan) in der Siedlung Nekrasowka sind nur wenige Frauen anwesend. Darunter Mitbegründerin und Vorstandsmitglied Aleksandra Churjun (58). Sie ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Indigenen des Rajons Ocha und hält auch Kontakt zum Erdölunternehmen Exxon Neftegas Ltd., das bereits ein massenhaftes Fischsterben verursachte. Darüber hinaus ist Aleksandra Korrespondentin der niwchischen Zeitung »Niwch dif« (das niwchische Wort). »Das staatliche System, das die Finanzmittel für unsere Zeitung bereitstellt, ist so schrecklich verwirrend, dass nicht einmal ich da durchblicke. Dafür ist unsere Buchhalterin zuständig, aber manchmal warten wir monatelang auf das Geld, und unsere Arbeit stockt«, klagt sie. Zuerst wurde die Zeitung fast ausschließlich auf Niwchisch verlegt, später dann die Hälfte auf Russisch. »Wir haben anfangs nicht berücksichtigt, dass unser Volk die Schriftsprache nicht beherrscht. Die älteren Leute konnten es nicht lesen. Ihre Enkel schon, doch sie haben nichts davon verstanden.« Niwchisch wurde bis auf die Sonderlaute kyrillisiert. Die zur Sowjetzeit vollwertige Zeitung wurde nun auf 250 Exemplare reduziert. Das niwchische Radioprogramm, es war immerhin einmal pro Woche zu hören, wurde eingestellt.

Das Ziel von »Kychkych« ist das Bewahren der traditionellen Kultur und deren weitere Entwicklung. Die Mitglieder bemühen sich stets, miteinander auf Niwchisch zu kommunizieren, ab und an gibt es auch Sprachunterricht. »Der Staat unterstützt uns nicht. Die Regierung der Oblast wies uns mal Finanzen für die Renovierung zu, und das Mineralölunternehmen Rosneft gab uns Gelder für Linoleum. Einmal gewannen wir bei einer staatlichen Ausschreibung zwei Schränke.« Die hiesigen Mitglieder befassen sich ebenfalls mit dem Handwerk: Holzschnitzerei, Geschirr aus Birkenrinde, Puppen in Nationaltracht und diverse Bekleidung werden hergestellt. Diese Artikel versuchen sie auf Messen und Ausstellungen zu vermarkten, begleitend werden Nationalgerichte zubereitet. »Wir haben 24 Mitglieder. Unser rechtlicher Status setzt Beiträge voraus. Da der größte Teil unserer Bevölkerung ohne Arbeit und sozial gefährdet ist, zwingen wir sie nicht zur Mitgliedschaft und kooperieren einfach.«

05 Nekrasowka.jpg
Niwchisches Handwerk wird ausgestellt im Zentrum »Kychkych«, das sich dem Erhalt der indigenen Kultur verschrieben hat. Die rechte Puppe trägt ein Kleid aus Fischhaut

Den Raum betritt Albina Mygun (51), die halb Ainu und halb Niwchin ist. Heutzutage leben in Russland nur noch etwas mehr als 100 Ainu, deren Herkunft rätselhaft ist. Gelegentlich werden sie zu den Paläosibiriern gezählt, was umstritten ist. Die Europäer, die im 17. Jahrhundert auf die Ainu stießen, waren überrascht: Im Vergleich zu den anderen Völkern Sibiriens, besaßen die hellhäutigen Ainu eine stark ausgeprägte Kopfbehaarung und trugen wallende Bärte. Ihr historisches Siedlungsgebiet umfasste das heutige Hokkaido. Die Japaner vernichteten über Jahrhunderte systematisch die Ainu-Kultur, das Volk wurde versklavt und japanisiert. Viele verstarben dabei. Die Ainu der heute zu Russland gehörenden Kurilen wurden fast restlos von den Japanern ausgerottet. Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Ainu nach Japan umgesiedelt, weil sie den Japanern »gehörten«.

Bis 1995, als das Schulgebäude aufgekauft und in einen Laden umfunktioniert wurde, unterrichtete Albina das niwchische Handwerk an der Kinderkunstschule in Nekrasowka. Das stimmt sie bis heute traurig. Im »Kychkych« lehrt sie nun Holzschnitzerei, Strickerei und Schneiderei. »Dank der Ausstellungen konnten wir uns präsentieren: in Moskau, Sotschi, Chabarowsk. Denn uns Niwchen kennen nur die wenigsten. Ich studiere das Handwerk der Ainu. Die Sprache bleibt mir aber noch fremd.« Die beiden Dialekte der isolierten Ainu-Sprache sind von der UNESCO als ausgestorben eingestuft.

Bis auf die Museen gibt es kaum Orte, um die Kultur zu präsentieren. In Nogliki ist »Ari-la-mif« (das Land des Nordwindes), das bekannteste Nationalensemble, beheimatet. Dort steht auch ein Springbrunnen mit der Skulptur eines Meeressäugers. Die Jagd auf Seetiere war typisch für die Niwchen. Nur wenige können Tala, eines der traditionellen Gerichte aus rohem Kaluga-Hausen, kosten. Dieser Fisch aus der Familie der Störe ist vom Aussterben bedroht und wird inzwischen staatlich geschützt. Fängt und isst man ihn heimlich, wagt man nur den ersten Buchstaben flüsternd zu erwähnen: der Fisch »K«. Für die einfachen Leute ist der kostbare Kaluga-Hausen strikt verboten. Die Elite grillt ihn aber gern.

Wachsendes Selbstbewusstsein

Ein weiteres paläosibirisches Volk, die Jukagiren, sind ebenfalls durch den zahlenmäßigen Rückgang gefährdet. Die in Jakutsk lebende Jelida Atlasowa (39) ist seit über 15 Jahren in der »Assoziation der indigenen Völker« tätig. Sie unterrichtet Jukagirisch, ethnische Folklore und Literatur an der Universität. »Übrig geblieben sind nur ganz wenige, die meisten von uns leben hier.« Sie meint die Republik Sacha (Jakutien) in Sibirien. 1.267 Jukagiren siedeln hier von insgesamt 1.603 Menschen russlandweit. Bei der Volkszählung 2010 gaben 370 von ihnen an, Sprachträger zu sein. Doch Jelida sagt, dass laut den wissenschaftlichen Recherchen, an denen sie beteiligt war, nur 26 Menschen tatsächlich Jukagirisch beherrschten. »Mit der Sprache gehen unsere Legenden und Märchen verloren. Wir befürchten, dass sie nur noch eine Generation überleben wird, daher müssen wir alles tun, um sie zu bewahren. Vielleicht werden moderne Technologien entwickelt, die die Sprache revitalisieren können.«

Ansatzweise blieb auch der Schamanismus erhalten, obwohl sich das Christentum ab etwa Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat. »Früher gab es Schamanen, aber schon meine Großmutter besaß eine Ikone. Obwohl wir seit langem russisch-orthodox sind, füttern wir noch das Feuer«, sagt Swetlana Badi (70). Sie meint die Feuergeistbesänftigung. Swetlana Badi blieb dank ihrer Eltern von der Internatsschule verschont. Es sei vorgekommen, dass Kinder dort gequält wurden, weil sie ihre Muttersprache statt des Russischen benutzten. So wuchs sie in einer Jaranga auf, dem traditionellen Rundzelt, umgeben von den damals noch reichlichen Rentieren.

In Jelidas Auditorium gibt es mal zwei jukagirische Studenten, mal nur einen. Erst ab 15 Studenten steht einem Bezahlung zu, so dass Jelida regelmäßig für ihren Lohn kämpfen muss. »Nicht jeder möchte die Sprache lernen. Leider werden manche nur dann zu Jukagiren, wenn der Staat die Angel- und Jagdbeschränkung für die indigene Bevölkerung lockert. Man muss doch aber erst seine Muttersprache können!« Dank ihrer Arbeit wachse aber die Zahl der Jukagiren: »Nicht der Geburtenrate wegen, sondern dank des wachsenden Selbstbewusstseins. Viele, darunter auch Kinder, bezeichnen sich inzwischen stolz als Jukagiren!«

Ähnliche:

  • Donald Trump am 26. Juni auf dem Weg nach Osaka/Japan: Der US-Pr...
    29.06.2019

    Die Gefahr ist groß

    Beim G-20-Gipfel dominieren Hintergrundgespräche zwischen Regierungschefs. Diese Bilateralisierung kommt vor allem den USA zugute
  • Chinesische Soldaten haben am Donnerstag auf dem Übungsgelände »...
    15.09.2018

    Der Osten ist oliv

    Russland hält in Sibirien mit chinesischer Beteiligung größtes Manöver seit 1981 ab

Mehr aus: Wochenendbeilage