Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. Juli 2019, Nr. 166
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Rechtsnorm kein geeignetes Mittel

Zu jW vom 29./30.6.: »Es muss über BDS geredet werden können«

(…) Jegliche Überlegungen in die Richtung Rechtsnorm halte ich für verfehlt, da es sich nicht um ein juristisches, sondern um ein (macht)politisches Problem handelt, dem in erster Linie durch die Information der Öffentlichkeit begegnet werden muss. Im Sinne dieser Aufklärung war der Diskussionsabend ja auch sehr hilfreich. Überlegungen in die Richtung Rechtsnorm halte ich darüber hinaus für äußerst gefährlich. Dies müsste jedem klar sein, der den Beschluss des Bundestags von Mitte Mai zur Kenntnis genommen hat. Der Versuch, die Abwehr von haltlosen Antisemitismusvorwürfen damit zu beginnen, als Gegenmittel ein juristisches Instrument zu schaffen, wäre nicht sehr erfolgversprechend. (…)

Für die israelische Propaganda ist der Vorwurf des Antisemitismus geradezu unverzichtbar, um die BDS-Kampagne verunglimpfen und von den Beschlüssen der UNO ablenken zu können.

Klaus Ried, München

Problem der »Rentenökonomie«

Zu jW vom 21.6.: »›Trumps Politik ist ein Genozid‹«

Das Interview mit dem venezolanischen Außenminister war sehr interessant. Eine kleine Anmerkung dazu jedoch: Arreaza bezeichnet die Wirtschaft Venezuelas zutreffend als »Rentenökonomie«, die vom Außenhandel abhängig ist. Natürlich sind ökonomische Fragen nicht das Thema des Interviews, doch hätte ich mir trotzdem eine kritische Nachfrage gewünscht: Warum ist das nach 20 Jahren Bolivarischer Revolution immer noch so? Was hat die Regierung getan (und was nicht), um diesen Zustand zu ändern? Mit einer diversifizierten Ökonomie könnte sich das Land nämlich wesentlich besser selbst versorgen und Milliarden Dollar für Importe einsparen. Zudem wäre es wesentlich weniger anfällig für Hindernisse im Außenhandel, seien es nun der Ölpreisverfall oder die aktuellen Sanktionen. Dass man eine solche nicht einfach herbeizaubern kann, ist begreiflich; doch wäre es schon interessant gewesen, was die Regierung in dieser Richtung unternommen hat.

Ralph Petroff, per E-Mail

Wo bleibt die Empörung?

Zu jW vom 21.6.: »›Trumps Politik ist ein Genozid‹«

Venezuelas Außenminister Arreaza hat die Politik der führenden EU-Länder an der Seite bzw. im Fahrwasser von Blockade-Trump kritisiert, völlig zu Recht. Das wirklich Beschämende ist: Die Völker Westeuropas finden diese Blockade offenbar in Ordnung, von Finnland bis Portugal – es regt sich kaum etwas. Jedes kindische neue Verkehrsmittel scheint hierzulande mehr Aufmerksamkeit zu bekommen als diese Strangulierung eines ganzen Volkes! Ähnlich im Fall Iran. Bei Kuba wurde das 60 Jahre lang versucht, vergeblich! Aber welche Schäden und Leiden hat diese unmenschliche Politik verursacht?! Interessieren uns hier wirklich nur die bedrohte Natur, das Klima? Weil es uns selbst in absehbarer Zeit betrifft? Wo bleibt das Mitgefühl? Ähnlich wie im Mittelmeer sterben durch diese Politik Menschen – wo bleibt die Empörung?
Während der Mahnwachen »Hände weg von Venezuela« am Brandenburger Tor in Berlin (jeden Samstag von 14 bis 16 Uhr) wurden die großen Verluste verlesen, die dem Land u. a. bei diversen Banken entstanden sind (…).

Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Linkspartei klarmachen könnte, dass bei einer von manchen erträumten »grün-rosa-roten« Regierung »im Bund« mit einer solchen Washington komplett hörigen Außenpolitik Schluss sein müsste. Rücknahme der Anerkennung des »Präsidenten ohne Land und Volk«, des Putschisten Guaidó! Dann dürfte sich das Interesse an solchen Politspielereien sofort legen.

Volker Wirth, Berlin

Banalitäten und Ideologien

Zu jW vom 24.6.: »Zeit der Monster«

Die Artikel von Götz Eisenberg habe ich bislang mit großem Interessen und Erkenntnisgewinn gelesen. Um so mehr bin ich von diesem enttäuscht, weil er statt wissenschaftlicher Erkenntnisse Banalitäten und Ideologien verbreitet. Am Ende landet er gar in einer romantischen Verklärung der materiellen Bedürfnislosigkeit, dem Verzicht auf Smartphones, E-Mobilität, KI, als Voraussetzung für das wahre Glück.

Der gedankliche Fehler liegt m. E. in der Gleichsetzung von Entwicklung der Produktivkräfte mit deren kapitalistischen gesellschaftlichen Bedingungen. So zerstörerisch die kapitalistische Produktionsweise auf der einen Seite ist wegen ihrer inneren Triebfeder, der Gier nach Profit, so grundlegend ist sie an die Produktion von Gebrauchswerten und zur Entfaltung der Produktivkräfte gebunden. Wozu würde also eine »industrielle Abrüstung« führen? Zu noch brutaleren und zerstörerischen Ausbeutungsmethoden, wie sie in der Vergangenheit oder in den Ländern der neokolonialen Abhängigkeit zu beobachten waren bzw. heute noch sind.

Die Zukunft als katastrophale Folge der Gegenwart – das nennt man wohl Dystopie, und für viele Kritiker der Gegenwart stellt China die leibhaftige Höllengeburt und Realisierung der bürgerlichen Alpträume und Niedergangsphantasien dar.

Aber wie immer in diesen und ähnlichen Fällen gibt sich der westliche Intellektuelle nicht eine Sekunde damit ab, den Sachverhalt – in diesem Fall das Social-Credit-System – auch nur verstehen zu wollen, mit den chinesischen(…) Initiatoren auch nur ein Wort zu sprechen. Das Urteil ist schon fix und fertig, bevor das ganze Projekt auch nur den Status der ersten Versuche verlassen hat – das nennt man dann Vorurteil und ist meistens solider gezimmert als das dickste Brett vor dem Kopf. Könnte es nicht sein, dass Wissenschaft und Kenntnisse in der Datenverarbeitung nicht nur medizinisch bessere Diagnosen ermöglichen, sondern auch bei der Bewältigung sozialer Probleme ebenso gute Dienste leisten?

Josef Witte, Hefei/China (über die Onlinekommentarfunktion)

Die Zukunft als katastrophale Folge der Gegenwart – das nennt man wohl Dystopie, und für viele Kritiker der Gegenwart stellt China die leibhaftige Höllengeburt und Realisierung der bürgerlichen Alpträume und Niedergangsphantasien dar.