Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. Juli 2019, Nr. 166
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 12 / Thema
Kunst

Originale in Serie

Eine Tradition neu aufgelegt. Mit der Grafik von Marc Gröszer startet die junge Welt-Kunstedition
Von Andreas Wessel
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Marc Gröszer, o. T. (2019), dreifarbige Serigraphie auf Zerkall-Bütten Alt Bern (250 g/m²), gedruckt von Reiner Slotta (Berlin), Darstellung: 19 x 27,5 cm, Blatt: 20 x 29 cm, unten rechts signiert und datiert, unten links: Prägestempel der jW-Kunstedition, Auflage: 250 Exemplare, davon 50 Exemplare h. c.

Kunst ans Volk, Kunst für alle! Hybris? »Klar«, sagt Marc Gröszer, der Schöpfer unserer ersten Editionsgrafik ohne Zögern. »Aber is’ ja nich’ so schlimm, irgendwie ist alles Hybris.« Kann das funktionieren? Worauf lassen wir uns da ein? Die junge Welt wird dreimal im Jahr ein Originalkunstwerk auflegen – in einer der klassischen druckgrafischen Techniken (Hochdruck von der Holz- oder Linolplatte, Tiefdruck von der geätzten Metallplatte, Flachdruck von der präparierten Steinplatte oder der Offsetfolie, Durchdruck durch schabloniertes Gewebe) als Originalfotografie oder dreidimensionalen Reliefdruck. Begleitend werden die Künstler, ihre Werke und die Techniken vorgestellt. Wir wollen damit die gegenkulturelle Bewegung auf einem Gebiet unterstützen, das als vom Markt vollkommen dominiert erscheint, und unseren Leserinnen und Lesern große Kunst für kleines Geld anbieten. In Zukunft können Sie bei uns vom Künstler signierte Originaldruckgrafiken zum Preis von 28 Euro erwerben.

Kenner und Partner

Unser Unternehmen hat Wurzeln und Vorgänger im eigenen Haus, an die wir anknüpfen, aus deren Erfolgen und Fehlern wir lernen können. Die künstlerische Druckgrafik hatte in der DDR eine reiche Tradition, auf der die junge Welt aufbaute. Von 1971 bis 1985 bot sie ihren Leserinnen und Lesern preiswerte Druckgrafiken von bekannten wie auch jungen Künstlern zum Kauf an. Der Erwerb und das Sammeln von Originalgrafik sollte nicht der Vermögensanlage dienen, sondern den Lesern, den Jugendlichen, Schülern und Studenten, den Arbeitern und Bauern, Mittel an die Hand geben, um »die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen« zu können – eine Kernforderung des »Bitterfelder Weges«. Das bedeutete Auseinandersetzung mit und ein vertieftes Verständnis für die Tätigkeit des Arbeiters an der Leinwand. Weg von der passiven Haltung des zu belehrenden, unwissenden Kunstnutzers. Der Bildhauer und Grafiker Fritz Cremer (1906–1993) meinte diesbezüglich 1972: »Das wirklich Interessante ist für mich, was ich als einen Knochen bezeichnen könnte, an dem ich herumnage – vom Geistigen, vom Gedanklichen und auch vom Formalen her. Daher weiß ich dann, dass ich dem Betrachter etwas übergebe, an dem er auch nagen muss und sich festbeißen kann, wenn er die Voraussetzungen mitbringt. (…) Wir sind doch schon in dem Zustand, wo wir jetzt nicht von dem ›einfachen Menschen‹, von dem ›Mann auf der Straße‹, von dem ›Nicht-Kunstkenner‹ sprechen, sondern wir sprechen schon von dem Partner.«

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Farbauszug Rot, Tusche auf Transparentpapier

Über den Begriff Originaldruckgrafik gibt es viele Unklarheiten, die der Kunsthandel zum Teil bewusst fördert. Häufig werden von Werken bekannter Künstler Reproduktionen hergestellt, die, vom Künstler signiert, als Originaldruckgrafik zu hohen Preisen vertrieben werden. Gegen die Verbreitung von Kunst durch hochwertige Vervielfältigungen ist nichts einzuwenden. Aber die Bezeichnung »Original« ist irreführend und soll nur den hohen Preis rechtfertigen. Die Technik, mit der eine Grafik hergestellt wird, hat nämlich keine grundsätzliche Auswirkung auf den Charakter als Original. Der Kunsthistoriker Karl Graak formulierte 1974 eine weithin verwendete Definition der Originaldruckgrafik: »Bei einer Druckgraphik handelt es sich dann um ein Original, wenn sie die einzig verbindliche Realisierung einer auf die angewandte Technik gerichteten künstlerischen Konzeption ist, wenn das Werk also nicht noch einmal in einer anderen Technik existieren kann.« Es existiert also keine Vorlage, die mit einer druckgrafischen Technik einfach reproduziert wird.

Die erste Grafik unserer neuen Kunstedition liefert ein gutes Beispiel für das Verständnis des Originalcharakters. Das Werk von Marc Gröszer ist eine in drei Farben im Siebdruckverfahren hergestellte Serigraphie. Für diese Druckgrafik wurde vom Künstler nicht etwa eine farbige Zeichnung angefertigt, sondern der Drucker erhielt drei einzelne Zeichnungen, die in schwarzer Tusche auf Transparentpapier ausgeführt wurden (siehe die Abbildungen auf dieser Seite). Jede dieser Zeichnungen liefert die Vorlage zum Druck einer Farbe. Dazu werden die transparenten Blätter auf ein Sieb aus feinem Gewebe gelegt, das der Drucker mit einer lichtempfindlichen Schicht präpariert. Diese Beschichtung wird an den Stellen, an denen sie nicht durch die Tuschzeichnung geschützt wird, mit UV-Licht ausgehärtet. Die nichtgehärteten Partien werden dann ausgewaschen. Wenn nun unter dieses Sieb Papier gelegt und eine Farbe darüber gestrichen wird, dringt diese durch die offenen Maschen des Gewebes und bringt die Zeichnung in einem beliebigen Farbton hervor. Für unsere Grafik musste diese Prozedur also mit jeweils verschiedenen Sieben dreimal wiederholt werden. Durch das Überdrucken der transparenten Farben entstehen auch noch zusätzliche Farbtöne, etwa ein Braunton dort, wo Rot und Grün übereinander gedruckt werden. All diese Effekte muss der Künstler beim Herstellen der Vorlagen mitdenken.

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Farbauszug Grün, Laserkopie auf Transparentfolie mit Schabungen

Original und Qualität

Falls der Künstler nicht selbst druckt, entsteht die Grafik in enger Zusammenarbeit mit einem Drucker, in diesem Fall mit dem Berliner Siebdrucker Reiner Slotta. Der Drucker ist nicht nur für die technische Umsetzung verantwortlich, er ist Partner des Künstlers bei der Entwicklung seiner Vorstellungen. Er kann mit seiner technischen Erfahrung und seinem Gespür für das, was der Künstler kann und will, großen Einfluss auf die Entwicklung eines Werkes, ja überhaupt die Arbeit des Künstlers haben. Und einigen Druckern wird per Akklamation der Künstlergemeinschaft der informelle Titel des Meisterdruckers verliehen. Reiner Slotta ist einer von ihnen.

Nachdem Zeichner und Drucker die endgültige Farbigkeit der Grafik erarbeitet haben, ist es das Handwerk des Druckers, eine Auflage zu erstellen, in der jeder einzelne Druck den Vorstellungen des Künstlers entspricht, was dieser mit seiner Signatur bestätigt. Eine Limitierung der Auflage erfolgt aus praktischen Gründen, ist aber für den Originalcharakter nicht maßgeblich. Der Kunsthistoriker Lothar Lang: »Wenn es sich um eine qualifizierte Auflage handelt, (ist) ein Druck so gut wie der andere (…). Es geht in der Druckgrafik immer um die Qualität des einzelnen Abzugs! (…) Wird jedoch mit der Höherbewertung kleiner und kleinster Auflagen ein Kult getrieben, so geschieht das zumeist aus einer elitären Geisteshaltung – mit dem Wesen der Grafik hat das nichts zu tun.« Auch die Numerierung der einzelnen Blätter ist in erster Linie eine Strategie des Kunsthandels, den Originalcharakter der Drucke um die Aura des Unikats zu ergänzen.

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Farbauszug Blau, Tusche auf Transparentpapier

Für die Kunstedition der jungen Welt haben wir uns entschieden, jedes Editionsblatt in einer Auflage von 250 Stück herzustellen, von denen 200 frei verkäuflich sind und 50 als Belege an Künstler und Verlag gehen. Jedes Blatt ist vom Künstler signiert und datiert. Mit dem Prägestempel der jW-Kunstedition garantieren wir die Limitierung. Auf eine Numerierung der einzelnen Blätter wird aus den genannten Gründen verzichtet. Das Blattmaß der Edition wird mit einer handlichen Größe von 20 x 29 cm einheitlich sein. Das soll es Ihnen erleichtern, die Grafiken zu lagern und zu präsentieren.

In die Hand nehmen

Warum aber sollte man sich überhaupt Originalkunst kaufen? Um eine freie Wandfläche zu schmücken? Warum gar sollte man anfangen zu sammeln? Gefragt, was der Grund für den Kauf einer seiner Grafiken sein könnte und was für ein Publikum er sich wünsche, antwortet Marc Gröszer: »Sie sollte kein Einrichtungsgegenstand sein. Wenn ich mir ein Publikum wünschen dürfte, dann denke ich an bestimmte Jugendkulturen, wie z. B. Trash Metal und andere spezifische Metal-Richtungen, Hard Core, Punk Rock, und man stelle sich jetzt mal einen Jugendlichen vor, es gibt Stress in der Schule, es gibt Stress mit den Eltern, dass er irgendwann mal Sex haben wird in seinem Leben erscheint ihm total unwahrscheinlich, aber da sind diese 15 CDs, die er hat, oder MP3s, seine Best-of-Liste, und das knallt er sich morgens mit dem Kopfhörer auf dem Weg zur Schule, um das überhaupt auszuhalten, und das ist Ausdruck seiner Gefühlswelt, in der er sich bewegt, und das ist sehr spezifisch, deckungsgleich nicht mit einer Mehrheit, sondern nur mit einem kleinen Bevölkerungsteil, aber dafür um so härter, Hardcore-Metalfans, weil ihr Leben eventuell davon abhängt. Wenn Kunst so ein Ding ist, das jemand braucht, um den Tag zu überleben, das würde ich toll finden. Jemand erzählte mal über ein Bild, das er hat: Wenn ich morgens aufstehe, und mir geht’s gut, und ich lauf an dem vorbei, dann geht’s mir noch besser, und wenn’s mir dreckig geht, geht’s mir noch schlechter. Und da sag ich ja, das ist mit guter Kunst möglich, und es ist ein perfekter Umgang damit. Und was auch ein bisschen wieder in die Köpfe der Leute zurück sollte: Man kann eben Druckgrafik ganz wunderbar nicht für die Wand sammeln, sondern für den Schrank, also diese Dinge lagern und dann in gewissen Augenblicken einfach rausholen. Das ist ja auch was zum In-die-Hand-nehmen.«

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Der Künstler Marc Gröszer

Und wenn jetzt jemand sein Blatt in die Hand nimmt und fragt, was der Künstler denn damit sagen will? Gröszer: »Grundsätzlich sind meine Arbeiten eingebettet in einen größeren Kontext, da gibt’s gewisse Motive und Dinge, die da passieren und sich selbst entwickelt haben – und teilweise ist die Kunst schlauer als der Künstler. Natürlich kann ich irgendwelche Impulse benennen …« Trotzdem wird seine Grafik einfach »o. T.«, ohne Titel, auskommen. Die Andeutungen im Gespräch, die aber vertraulich bleiben sollen (»Omertà!«), zeigen, dass ­Gröszer tief in die europäische Geschichte zurückgreift, um immer wieder auf aktuellen Grund zu stoßen (»Kanonenbootdiplomatie«). »Epischer betrachtet ist es wahrscheinlich eine Grenzsituation, jemand der an einem Scheidepunkt ist, am Ende. Die Körperhaltung, das Gesicht halb verdeckt mit dem Arm, das gab es bei mir schon oft.«

Erwerb und Aneignung

Kunst kann man kaufen. Die Kunstwerke werden dadurch zur Ware, was einen tiefgreifenden Einfluss auf den Prozess der Kunstproduktion hat. Und dennoch kann Kunst nicht einfach konsumiert werden. Kunstwerke transportieren keine einfachen Aussagen, sie erzeugen nicht in vorbestimmter Art und Weise Gefühle oder Ansichten. Kunst schöpft aus dem inneren Reichtum und aus den inneren Konflikten des Betrachters. Sie organisiert und aktiviert ein komplexes Geflecht von Emotion und Ratio: sinnliche Erkenntnis. Dieser Aneignung von Kunst muss man Zeit geben, und so, wie sich jeder ständig entwickelt, entwickelt sich auch das Verhältnis zu einem einzelnen Kunstwerk – in unvorhersehbarer Weise. Gerade in bezug auf die Kunst – auch die von Ihrer Tageszeitung erworbene – gilt Goethes Wort: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, / Erwirb es, um es zu besitzen. / Was man nicht nützt, ist eine schwere Last, / Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.«

Zum Bestellformular jW-Kunstedition

Marc Gröszer, Jahrgang 1973, wuchs in Ostberliner Künstlerateliers auf und begann 1990 – nach dem Abgang von der Polytechnischen Oberschule als allseitig gebildete Persönlichkeit – eine Steinmetzlehre, machte das Abitur nach und studierte bis 2001 an der Kunsthochschule Weißensee Bildhauerei. Seither entwickelt er in Holz, Ton, Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Musik ein komplexes Gesamtwerk, das sich jeder kunstwissenschaftlichen Klassifizierung entzieht, besonders durch seine völlig unzeitgemäße, um nicht zu sagen gegenzeitige Bindung an die Realität.

Mehr zu Marc Gröszer und seinen Arbeiten findet sich im Heft 2/2019 der Zeitschrift Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur: Galerie und Werkstattbesuch »Im Freiflug an der Realität entlang«.

Alle Informationen zur jW-Kunstedition unter: www.jungewelt.de/kunstedition

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