Gegründet 1947 Freitag, 23. August 2019, Nr. 195
Die junge Welt wird von 2208 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Der gute Deutsche von Nanjing

Eine Viertelmillion Leben gerettet: Moderne Oper aus China ehrt John Rabe
Von Sebastian Carlens
S 10.jpg
»Das chinesische Volk gedenkt John Rabes, weil er große Liebe zum Leben hatte und nach Frieden strebte« (Xi Jinping). Bühnenbild aus der Berliner Staatsoper Unter den Linden, 3. Juli

Unter dem Zeichen der Mörder Hunderttausende retten: John Rabe, als »Oskar Schindler Chinas« bekannt geworden, wurde während des Massakers von Nanjing zum Helden. Von Dezember 1937 bis in den Januar 1938 ermordeten japanische Truppen in der damaligen chinesischen Hauptstadt über 300.000 Menschen, überwiegend Zivilisten. Die wenigen in der Stadt lebenden Ausländer ergriffen Maßnahmen, die viele Leben retten sollten. Unter ihnen befand sich der Deutsche John Rabe. Seinem Mut und dem weiterer Helfer der chinesischen Bevölkerung ist die 2017 uraufgeführte Oper »Die Tagebücher von John Rabe« des Komponisten Tang Jianping gewidmet, die am Mittwoch und Donnerstag in der Berliner Staatsoper Unter den Linden Deutschland-Premiere hatte.

Im Westen ist kaum bekannt, dass der Zweite Weltkrieg zwei Jahre früher als 1939 – und nicht in Europa – begann. Bereits 1937 überfiel das kaiserliche Japan China, es spricht einiges dafür, dies nicht als isoliertes Geschehen zu betrachten. Die Japaner hoben das Haager Abkommen willkürlich auf, ihre Kriegsverbrechen glichen vielfach dem Vorgehen der deutschen Wehrmacht gegenüber der Zivilbevölkerung in Osteuropa und der UdSSR. Tokio führte einen Vernichtungskrieg, die Auslöschung der überfallenen Völker gehörte zum Kalkül. Noch verblüffender als das Unwissen des Westens um die asiatische Seite des Weltkrieges ist allerdings, dass einer der größten Helden dieser Zeit – kein General, Politiker oder Diplomat, sondern ein Kaufmann – in Deutschland ebenfalls weitgehend unbekannt ist, obwohl er aus Hamburg stammt. Rabe, geboren 1882 und seit 1908 in China, richtete in Nanjing eine vier Quadratkilometer große »Internationale Schutzzone« ein. Er war zu dieser Zeit als Vertreter des Siemens-Konzerns in der Stadt und nutzte die Verbindung zwischen Nazideutschland und Japan: Durch eine riesige Hakenkreuzfahne, die er im Garten seiner Residenz aufspannen ließ, brachte er die japanischen Piloten dazu, das Gelände nicht anzugreifen.

In China ist Rabe hochverehrt und jedem Schulkind ein Begriff. Das Opern- und Tanztheater und das Sinfonieorchester des »Jiangsu Center for Performing Arts« hat ihm nun ein beeindruckendes Denkmal gesetzt. »Als ich gegen Ende 2016 mit der Kreation dieser Oper beauftragt wurde, zweifelte ich an ihrer rechtzeitigen Fertigstellung«, so Komponist Tang. »Das Thema ist in bedrückender Weise mit historischem Schmerz, aber auch mit kreativem Druck aufgeladen.« Am 13. Dezember 2017, 80 Jahre nach dem Beginn des Massakers, konnte die Premiere in China gefeiert werden. Das Ergebnis ist ein musikalisch herausragendes, modernes Stück mit vielen internationalen Anklängen.

Wie ein Faden des Schicksals durchzieht die Orgelkomposition »Passacaglia (und Fuge) in c-Moll« von Johann Sebastian Bach das gesamte Stück. Rabe (Tenöre: Xue Haoyin und Han Peng), der Missionar John Magee (Bass: Tian Haojiang) und Minnie Vautrin (Sopranistinnen: Xu Xiaoying und Ana Isabel Lazo), die eine Mädchenschule leitete, stehen stellvertretend für rund 20 Ausländer in Nanjing. Rabe selbst sah sich nicht als Helden. »Ich kann nicht anders«, hielt er in seinen Aufzeichnungen fest, »wer einmal, an jeder Hand ein zitterndes Chinesenkind, stundenlang bei einem Luftangriff im Unterstand gesessen hat, wird das nachfühlen können.«

Hitler-Bewunderer und NSDAP-Mitglied Rabe, der das erstarkende Naziregime allerdings wegen seines Auslandsaufenthaltes nicht erlebt hatte, musste China 1938 gegen seinen Willen verlassen. Zurück in Deutschland, wo er über die Verbrechen der Japaner aufklären wollte, verhaftete ihn die Gestapo. Sein Tagebuch wurde erst 1996 von der jungen US-Historikerin Iris Chang, die das Massaker aufarbeitete und der Öffentlichkeit bekannt machte, entdeckt. Rabe, schwer erkrankt und 1950 in Armut verstorben, wurde durch seinen Anstand und seine Menschlichkeit zum herausragenden Beispiel für die Freundschaft der Völker. Tang Jianping: »Ich wünsche mir, dass das Publikum in diesem Drama die Brillanz der Menschheit erfährt, nicht den Terror des Mordens.« Das Jiangsu Center for Performing Arts gastiert am Samstag in der Elbphilharmonie Hamburg und am 9. und 10. Juli in Wien.

Weitere Informationen in Iris Chang: »Die Vergewaltigung von Nanking. Das Massaker in der chinesischen Hauptstadt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs« (antiquarisch). Pendo-Verlag, Zürich 1999.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. ( 6. Juli 2019 um 08:49 Uhr)
    John Rabe, der deutsche lebende Buddha“ oder „der gute Deutsche von Nanjing“ ist nach Norman Bethune der wohl bekannteste Ausländer in China, der für die freundschaftliche Verbindung der Völker steht. Seine Nanjinger Wohnung ist als Museum und Gedenkstätte renoviert worden und wird regelmäßig von Touristen und Schulklassen besucht.

    In Deutschland erging es ihm wie vielen Widerstandskämpfern gegen das Dritte Reich - er wurde förmlich tot geschwiegen. Bei Siemens durfte er nach dem Krieg gerade noch als Dolmetscher arbeiten - die wirklichen Nazis machten dagegen Karriere als ob nichts gewesen wäre.

    Hoffentlich schafft es die Oper, die Freundschaft zwischen den Völkern zu vertiefen, denn persönliche Verbindungen und Freundschaften sowie offenes und aufglärtes Denken sind Gegengift der permanenten ideologischen Verseuchung der Beziehungen zwischen China und Deutschland.

Ähnliche:

  • Etappensieg. Chinesische Soldaten und Bevölkerung feiern im Okto...
    01.07.2017

    Widerstandskrieg in Fernost

    Vor 80 Jahren begann mit dem Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke der Zweite Chinesisch-Japanische Krieg
  • In Pearl Harbor auf Hawaii, 1898 annektiert und seit 1959 50. Bu...
    07.12.2016

    Falsch kalkuliert

    Mit dem Angriff auf Pearl Harbor vor 75 Jahren eskalierte Japan die Konflikte mit den Vereinigten Staaten im asiatischen Raum. Ziel der Attacke war die Ausschaltung der US-Pazifikflotte. Eine langfristige Schwächung der USA ­erreichte das Kaiserreich damit aber nicht
  • »Wohlstandssphäre« auf Japanisch: Permanente Bedrohung der Unter...
    02.09.2015

    Restauration auf Raten

    Am 2. September 1945 endete mit Japans Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde offiziell der Zweite Weltkrieg (Teil II und Schluss): Ein imperialistisches Projekt und sein Untergang

Regio:

Mehr aus: Feuilleton