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Aus: Ausgabe vom 06.07.2019, Seite 4 / Inland
»nicht mal ein Streifenwagen«

Viel Zeit gelassen

Vermisste Kenianerin tot: Polizei in Brandenburg ermittelte schleppend
Von Claudia Wangerin
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Es dauerte mehrere Wochen, bis die Polizei ernsthaft nach der vermissten Frau suchte (Symbolbild)

Angehörige und Freundinnen hatten Rita Awour Ojunge schon seit dem 7. April vermisst. Das betonten die Organisationen Women in Exile und International Women Space am Donnerstag, als es erst seit wenigen Tagen Gewissheit gab: Die Leiche der 32jährigen Kenianerin hatte zweieinhalb Monate in einem Waldstück in der Nähe ihres Wohnorts, einer Unterkunft für Asylsuchende im brandenburgischen Hohenleipisch, gelegen. Die Polizei hatte erst zweieinhalb Wochen nach ihrem Verschwinden eine Suchmeldung herausgegeben. Umfangreiche Suchmaßnahmen gab es aber offenbar erst im Juni. Die sterblichen Überreste waren laut Polizei bereits skelettiert, als sie am 20. Juni gefunden wurden, und konnten der Mutter von zwei Kindern nur durch eine DNA-Analyse zugeordnet werden.

Die genannten Organisationen geflüchteter Frauen und der Verein Opferperspektive, der Ende April von dem Vermisstenfall erfuhr und eigene Nachforschungen anstellte, kritisieren die Ermittlungsarbeit der Polizei scharf. Der vierjährige Sohn der getöteten Frau soll mehrfach seinem Vater und den Helfern erzählt haben, dass ein Mitbewohner aus der Unterkunft seine Mutter niedergeschlagen und weggeschleppt habe. »Er hat das wohl wirklich gesehen«, sagte Opferperspektive-Berater Martin Vesely am Freitag im Gespräch mit junge Welt. Der Vater des Jungen, der in Berlin arbeite, sei zeitnah nach ihrem Verschwinden nach Hohenleipisch gefahren, um sich um die Kinder zu kümmern. Er habe auch die Polizei vor Ort verständigt. Die habe den besorgten Mann, der nicht akzentfrei Deutsch spricht, aber abgewimmelt. »Da kam nicht mal ein Streifenwagen vorbei«, sagte Vesely. Schließlich habe sich der Vater an die Polizei in Berlin gewendet, die am 8. April die Kollegen vor Ort geschickt habe. Der Mitbewohner aus Nigeria, den der Vierjährige belastete, habe schon vor dem Verschwinden der Kenianerin Probleme gemacht – darüber habe ihr Lebenspartner auch die Heimleitung informiert, betonte Vesely. Am 10. Mai hatte der Verein Opferperspektive dann im Namen des Familienvaters Anzeige wegen eines Tötungsdelikts erstattet. Bis der Wald um die abgelegene Unterkunft systematisch von der Polizei abgesucht wurde, dauerte es aber noch rund einen Monat. Behördlicher Rassismus? Vesely bezweifelt jedenfalls, dass die Ermittlungen so schleppend verlaufen würden, wenn »eine deutsche Frau verschwindet und ihr Kind den Nachbarn schwer belastet«. In Untersuchungshaft kam der Mann nicht – er wurde aber nach Protesten weiterer Mitbewohner in eine andere Unterkunft verlegt.

Die zuständige Polizeidirektion Süd in Cottbus will sich zu »laufenden Ermittlungen« nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft teilte laut Bericht des Tagesspiegels vom Donnerstag mit, der Nigerianer sei befragt worden, es gebe aber widersprüchliche Hinweise und womöglich mehr als einen Tatverdächtigen. Auch sei die Darstellung des Vierjährigen nicht so eindeutig gewesen wie behauptet. Vesely erklärte dazu, von einem weiteren Verdächtigen wisse er nichts – und der Junge sei nicht von dafür geschulten Beamten vernommen worden, sondern nur von einem, der sich darauf berief, selbst Vater zu sein.

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