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Aus: Ausgabe vom 05.07.2019, Seite 15 / Feminismus
Dürre Ballerinen

Hungern als Business

Frauen sind im Ballett wichtig. Aber falsche Schönheitsideale und patriarchale Hierarchien unterdrücken weibliche Power. Eine Polemik
Von Gisela Sonnenburg
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1939 am russischen Bolschoi-Theater durften Ballerinen noch Kurven haben

Die süße Ballerina auf Zehenspitzen: ein populäres Sinnbild fürs Ballett. Ohne Frauen läuft da nichts. Von der Primaballerina bis zur Corpstänzerin ist die weibliche Anmut präsent. Vor allem im klassischen Tanz, der seit dem 19. Jahrhundert seine internationale Blüte erlebt. Die Hierarchien backstage spiegeln aber keineswegs die Bedeutung der Frauen. Die New Yorker Startänzerin Ashley Bouder versuchte vor einigen Monaten, eine Diskussion darüber anzustoßen: »Warum können Frauen im Ballett nicht gleichgestellt sein?« Bisher lief ihre Ini­tiative ins Leere: Ballettdirektorinnen sind weiterhin Ausnahmen, begabte Choreographinnen müssen auf Aufträge warten, im Gegensatz zu männlichen Nieten.

Derweil ist das Ideal von Frauen im Ballett eine Katastrophe. Manche sind zwar von Natur aus sehr zart. Aber was sich hier als Norm etabliert hat, ist verdammt nah an sanktionierter Magersucht. Das Ideal der »Skinniness«, also der Dünnheit, schwappte aus der Mode- und Werbeindustrie auf die Bühne. Während Ballerinen bis in die 1970er Jahre auch mal wohlgeformte Hintern und Busen hatten, sehen Tänzerinnen von heute oft aus wie kleine Jungs. Ihre sehnigen Körper haben kaum Brust oder Taille, geschweige denn Hüften. Mit den Pfunden schwand der Ausdruck von Frische und Weiblichkeit, auch von Stolz. Manche gleichen tanzenden Skeletten. Die Dekadenz ungebildeter Zuchtmeister bringt Essgestörte hervor.

In Wien gab es im Frühjahr einen Skandal: Demütigungen, sogar sexuelle Übergriffe, forcierte Magersucht sowie körperliche Brutalität werden der Ballettakademie der Wiener Staatsoper angelastet. Die russische Lehrmeisterin Bella Ratchinskaja schied darum bereits aus. Sie selbst wurde in Perm ausgebildet, die Ballettschule dort gilt als grausam. Und sie ist kein Einzelfall: Sadistische Ballettpädagogen sind ein weltweit tabuisiertes Problem.

Hinter dem Drill und der Willkür steht der globale Wettbewerb. Technik ist da alles. Viele Tänzerinnen erleben ihren Körper als Feind, dessen Unvollkommenheit die Karriere ruiniert. »Für mich ist mein Körper mein Verbündeter« – dieser Satz stammt nicht von einer Ballerina, sondern von der Opernsängerin Elsa Benoit. Das Unverkrampfte, das aus ihrem Statement spricht, fehlt Ballerinen. Deren Ziel, lapidar formuliert: maximale Muskelkontrolle bei minimiertem Körpergewicht.

Das war mal anders. Um 1900 und auch noch um 1970 waren Tänzerinnen manchmal recht kurvig. Es gab verschiedene Körpertypen auf der Bühne. Der Olymp des Balletts, das Moskauer Bolschoi-Theater, pflegte einen eigenen Stil: Damen mit weiblicher Silhouette. Bis dort mit der Jahrhundertballerina Swetlana Sacharowa eine Dünne die Leitfigur wurde. Heute sind die typischen »Bolschoi-Beine« selten geworden. Die im Bayerischen Staatsballett tanzende Moskowiterin Ksenia Ryzhkova hat sie noch, erotisch und edel.

Heutige Choreographen wollen dennoch künstlich abgemagerte Mädchen, mit Beinen wie überdimensionierte Zahnstocher. Die in einigen Fällen offensichtliche Unterernährung wird vornehm übersehen. Manche Tänzerinnen lassen sich zudem auf Brustverkleinerungen ein, die einer Amputation nahekommen: Die Nähe des falschen Magerkeitsideals zum pädophilen Wunschtraum ist unverkennbar.

Die Industrie hat großes Interesse an mageren Vorzeigepüppchen. Warum? Weil die frustrierten Zuschauerinnen dann dreifache Portionen essen. So einfach ist das. Gedankenlose Künstler bedienen dieses Mainstreamdiktat. »Ich will Knochen sehen!« Und: »Iss nicht weniger. Iss nichts!« So lauteten schon Direktiven des 1983 gestorbenen New Yorker Schulbegründers George Balanchine. Seither sind Ballerinen stolz auf ihr Untergewicht. Muskeln, Sehnen, Haut und Knochen – im System der Profis haben Tänzerinnen keine Wahl: Drei Pfund mehr, und sie fliegen raus.

Lohnt sich das Martyrium? Mitunter schaffen es einzelne bis ganz nach oben. So leitete Brigitte Lefèvre fast zwanzig Jahre, von 1995 bis 2014, das berühmte Ballett der Pariser Oper. Auch heute gibt es dort wieder eine Chefin: Aurélie Dupont. Am falschen Ideal änderte sich allerdings nichts. Die Faustregel: »Je dünner, desto besser.« Schönheit geht anders.

Und Machtausübung auch. In Deutschland gibt es mit Birgit Keil vom Badischen Staatsballett eine seit 2003 erfolgreiche Ballettchefin. Allerdings ging von ihr noch nie Widerstand gegen patriarchale Wünsche aus. Beim Staatsballett Berlin kommt ab September eine Frau an die Spitze: Die Choreographin Sasha Waltz wird Kointendantin. Sie kommt vom freien Tanz, wo ein paar Kilo mehr erlaubt sind. Ein neues Ballerinenideal erwartet dennoch niemand von ihr.

Unter den Ballettmeistern dominieren Männer. Dabei wurde die Bibel des Balletts von einer Frau geschrieben. Sie prägte die Systematik: die Pädagogin Agrippina Waganowa. Ihr Buch »Die Grundlagen des klassischen Tanzes« von 1948 ist das ABC des Balletts. Heutige Ausgaben sind mit busenlosen Kinderfiguren als Illustrationen geschmückt. Ein Fake! Denn die Originalzeichnungen zeigten Tänzerinnen mit Oberweite, Taille, runden Armen und drallen Waden.

Solche Schönheiten kennt man auch von historischen Ballettfotos und aus alten Filmen. Doch heute werden am Waganowa-Institut in Sankt Petersburg ausnahmslos dünne Leistungstänzerinnen ausgebildet. Sie sprengen die Vorgaben, heben ihr Bein statt um 180 Grad um 200 Grad, gleichen Schlangenmenschen. Das sieht mehr nach Turnen als nach Ballett aus, aber der Markt will es so.

Die Sucht nach Ruhm und Geld auch. Hungern als Business: »Wenn ein Vortanzen vor einem Choreographen anstand, habe ich zwei Wochen lang fast nichts gegessen«, sagt eine frühere Berliner Berufstänzerin. Mit hervorstechenden Beckenknochen bekam sie jede Rolle. Dabei ist Ballett, richtig und maßvoll angewendet, eine Art Heilgymnastik und durchaus geeignet, Körper individuell zu verbessern. Nur sind die heutigen Profis oft weit davon entfernt.

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