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Aus: Ausgabe vom 05.07.2019, Seite 5 / Inland
Finanzgeschäfte

Auch Banker brauchen Geld

Nach wochenlangen Streiks erzielen Beschäftigte Reallohnsteigerungen
Von Bernd Müller
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Angestellte der Nord-LB und weiterer Geldhäuser streiken in Hannover (14.5.2019)

Die Bankangestellten haben sich durchgesetzt. Von September an erhalten sie in zwei Schritten mehr Geld. Das teilten die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Vertreter der Kapitalseite am Donnerstag nach fünf Verhandlungsrunden übereinstimmend mit.

Die Gehälter von rund 200.000 Bankangestellten steigen zunächst um zwei Prozent, im November nächsten Jahres werden sie dann um weitere zwei Prozent angehoben. Ergänzt werde der Gehaltsabschluss durch zahlreiche Tarifregelungen zu Gesundheit und Qualifizierung, teilte Verdi weiter mit. So erhalten zum Beispiel alle Auszubildenden 60 Euro mehr im Monat und sollen bei erfolgreichem Abschluss übernommen werden.

»Nach fünf Verhandlungsrunden mit 45 Verhandlungsstunden haben wir ein umfangreiches Gesamtpaket ausgehandelt, das eine deutliche Verbesserung gegenüber dem letzten Arbeitgeberangebot darstellt«, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied und Verhandlungsführer Christoph Meister zufrieden. »Dies wäre ohne die 12.000 streikenden Bankbeschäftigten allein in den letzten drei Wochen nicht möglich gewesen.«

Nach der vierten Verhandlungsrunde hatte Verdi zu Streiks aufgerufen, weil es nach eigenen Angaben praktisch keine Annäherung gegeben hatte und die Unternehmensvertreter wieder ein völlig unzureichendes Angebot vorgelegt hatten. Diese wollten über einen Zeitraum von drei Jahren nur eine Erhöhung von »lediglich je 1,16 Prozent« gewähren. Die Gewerkschaft lehnte das Angebot ab, weil die durchschnittliche Gehaltssteigerung unterhalb der Inflationsrate von aktuell bis zu zwei Prozent liege.

Verdi war ursprünglich mit einer Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten angetreten. Der nun verhandelte Tarifvertrag erhöht die Gehälter um durchschnittlich 1,66 Prozent im Jahr, so Vertreter der Kapitalseite. »Das Verhandlungsergebnis berücksichtigt die schwierige Branchenlage und dokumentiert zugleich den Reform- und Gestaltungswillen der Tarifparteien«, sagte deren Verhandlungsführer Karl von Rohr, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Bank ist, laut Mitteilung.

Mit den Streiks begonnen hatten am 18. Juni die Beschäftigten aus Baden-Württemberg und Niedersachsen. Bis zum 21. Juni traten auch die Beschäftigten in anderen Bundesländern in den Ausstand. Dabei sei es nach Gewerkschaftsangaben zu verzögerten Arbeitsabläufen und zahlreichen Filialschließungen gekommen. Damit sei »eine für die Kreditwirtschaft ungewöhnliche neue Qualität« des Arbeitskampfs erreicht worden. Viele Beschäftigte hatten im Rahmen der Tarifauseinandersetzung schon zum dritten Mal die Arbeit niedergelegt, teilweise auch an zwei Tagen hintereinander.

Mit Unverständnis hatte Meister nach der vierten Verhandlungsrunde auf das Verhalten der Kapitalseite reagiert. »Die Arbeitgeber zielen erkennbar darauf ab, die tariflichen Vergütungen und damit die Arbeit ihrer Angestellten langfristig zu entwerten«, betonte er Ende Juni in einer Erklärung. Statt dessen erwarteten die Beschäftigten von den Bankmanagern »entschlossenes Engagement für zukunftsfähige Geschäftsmodelle statt Schwarzmalerei und demotivierender Verunsicherung«.

Das Ergebnis der Tarifverhandlungen muss noch von den Bankangestellten angenommen werden. Verdi will dazu eine Mitgliederbefragung durchführen. Die Tarifkommission hat schon die Annahme des Ergebnisses empfohlen.

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