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Aus: Ausgabe vom 04.07.2019, Seite 12 / Thema
Griechenland vor der Wahl

Eine schrecklich nette Familie

Der nächste griechische Regierungschef könnte Mitsotakis heißen – Erbe einer machtbesessenen Dynastie
Von Hansgeorg Hermann
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Der »neue Mitsotakis« bleibt der alte. Kyriakos Mitsotakis, Vorsitzender der konservativen Nea Dimokratia, steht vor einem Sieg bei den griechischen Parlamentswahlen (28.6.2019)

Die kretische Familie Mitsotakis hat ein Jahrhundert lang die Politik Griechenlands mitbestimmt. Sie hat Regierungschefs, Minister und Abgeordnete gestellt. Sie hat einen Krieg angezettelt, einer Militärjunta den Weg bereitet und ist ins Exil gegangen. Eines hat sie nie versäumt: Die jeweils nächste Generation mit der politischen und wirtschaftlichen Macht vertraut zu machen. Kyriakos Mitsotakis könnte am kommenden Sonntag Alexis Tsipras als Premier ablösen; sein Neffe Kostas Bakogiannis ist seit drei Wochen Bürgermeister der Hauptstadt Athen.

Die Hybris eines Mannes

Das archäologische Museum der kretischen Stadt Chaniá ist ein Juwel. Bestens untergebracht ist es in einer prächtigen, ehemaligen Kathedrale des katholischen Franziskanerordens. Der weitläufige, dreischiffige gotische Sakralbau entstand zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als die Venezianer die große Insel von Heraklion aus beherrschten und die osmanische Armada noch nicht Kurs Richtung Süden genommen hatte. Die Ausstellung ist wertvoll, ohne Zweifel. Sie enthält Fundstücke aus der Bronzezeit, die Wissenschaftler der sogenannten minoischen Hochkultur zugeordnet haben. Sarkophage, Idole, Kultgefäße und Schmuck.

Seit dem Jahr 2000 finden interessierte Besucher im rechten Eingangsbereich des Kirchengebäudes eine Art Krypta – eine bis dahin verschlossene Seitenkammer, eine Gruft, die auf einem bescheidenen Hinweisschild als »Sammlung Konstantinos Mitsotakis« vorgestellt wird. Wer der Mann war, und warum er die nun öffentlich gezeigten, außergewöhnlich seltenen Fundstücke ein halbes Leben lang bei sich zu Hause aufbewahrte, sie demnach »sein eigen« nannte, wird im Museum nicht weiter erklärt. Antikes Kulturgut darf in Griechenland seit dem Fall der Militärdiktatur im Jahr 1974 nicht mehr verkauft, gekauft und schon gar nicht in Besitz genommen werden. Was die Familie Mitsotakis im Jahr 2000 dem Museum in Chaniá »schenkte«, gehörte nicht ihr, sondern dem griechischen Volk, vertreten durch seine Regierungen und deren untergeordnete Kulturbehörden.

Prunkstück der offiziell so genannten Sammlung ist ein schwarzes, ursprünglich aus Ägypten stammendes Bronzegefäß mit eingeritzten Zeichen der bis heute nicht entzifferten »minoischen« Schrift »Linear A«. Fundort: Das Gipfelheiligtum des Berges Kofinas in den Astaroussia-Bergen im Süden Kretas. Wert: unschätzbar. Woher hatte der im Frühjahr 2017 im Alter von 98 Jahren verstorbene rechtskonservative Ministerpräsident der Jahre 1990 bis 1993 das Gefäß? Woher die übrigen Gegenstände, den Ritualdolch mit dem goldenen Griff aus der spätminoischen Zeit etwa? Eine energische Gegnerin des Nachfahren und Patriarchen einer typisch griechischen Politikerdynastie hatte schon 1994 die Antwort parat. Melina Mercouri, weltbekannte Ikone des griechischen Films, Sängerin und Kultusministerin ihres Landes von 1981 bis 1989 und dann noch einmal von 1993 bis 1994, war sich sicher: Er hat sie sich aus illegalen Ausgrabungen zusammengekauft.

Sechs Jahre und ein halbes Dutzend skandalöse außergerichtliche Verhandlungen später lenkte Mitsotakis ein. Er gab zurück, was ihm nie gehört hatte. Nur eine Fußnote der neueren griechischen Geschichte? Sicher. Sie beschreibt freilich die Hybris eines Mannes der großbürgerlichen Klasse, der sich nicht mit Menschen auf eine Stufe stellte, die man, wären sie bei sich zu Hause mit der ägyptisch-minoischen Bronzeschüssel erwischt worden, ins Gefängnis geworfen hätte.

Ein Klanstifter

Mitsotakis hat den Kontakt zu den Leuten gesucht, wenn er ihm nützlich schien. Das war offenbar ziemlich oft der Fall. Alte Hirten und Bauern aus den Weißen Bergen, den 2.500 Meter hohen Lefka Ori, die der Stadt Chanià ihren malerischen Hintergrund geben, erzählen von dem gläubigen orthodoxen Christen, der mehr als 1.000 Neugeborene aus der Taufe gehoben und ihnen fortan als Pate zur Seite gestanden haben soll. Als »Koumparos« der Eltern, wie die Griechen sagen, wenn sie von einem sprechen, der sich selbst, der Familie und dem Kind in einem relativ kurzen Moment geistlicher Andacht zu Einfluss und Wert verholfen hat. Denn wenn der »Gevatter« ein Politiker ist, steht in den Jahren danach der ganze Klan hinter ihm, auf Kreta können das leicht an die hundert beim Taufgebet gewonnene Wähler sein.

Der Stammbaum dieses echten, nicht nur mit reichlich Bargeld ausgestatteten Oligarchen, von denen es in Griechenland nach Ansicht des Komponisten Mikis Theodorakis nicht mehr als zehn bis 15 gibt, kann sich sehen lassen. Zu ihm gehören Parlamentsabgeordnete und Minister, die allesamt, wie im Land üblich, quasi als gewiefte Rechtsanwälte zur Welt kamen. Besonders bedeutend aber ist der bis heute bei Konservativen wie liberalen Bürgerlichen hochverehrte Eleftherios Venizelos, jener Ministerpräsident der Kriegsjahre von 1913 bis 1920, dessen »Megali Idea«, die »Große Idee« eines Großgriechenlands unter Einbeziehung Konstantinopels und der kleinasiatischen Küste, Griechen und Türken den »großen Krieg«, die »große Katastrophe«, rund 30.000 Tote und die Vertreibung von 1,75 Millionen Menschen aus ihrer Heimat bescherte. Mitsotakis war sein Großneffe und 18 Jahre alt, als der Onkel 1936 im Pariser Exil starb.

Nicht ganz 30 Jahre später: In Thessaloniki wird im Mai 1963 der Abgeordnete der Vereinigten Demokratischen Linken (EDA), Grigoris Lambrakis, von rechten Schlägern ermordet. Wie sich herausstellte, standen hinter dem präzise geplanten tödlichen Attentat Armeeoffiziere und Polizeiführer. In den darauf folgenden chaotischen, von Anschlägen auf linke Politiker und ihre Anhänger geprägten beiden Jahren kam der regierende Ministerpräsident der Zentrumsunion, Georgios Papandreou, zu der späten Einsicht, dass er die Armee und den Sicherheitsapparat des Landes selbst kontrollieren müsse. Er entließ seinen Verteidigungsminister, den Boss der Großbrauerei Fix, Petros Garoufalias, und stellte dem damals als Staatsoberhaupt dilettierenden König Konstantin II. sein neues Kabinett vor. In diesem entscheidenden Moment der Machtprobe zwischen einem ahnungs- und perspektivlosen Monarchen von erhabener Schlichtheit und seinem verhassten Regierungschef, verließ im Juli 1965 eine Parlamentariergruppe die Regierungspartei. Ihr Anführer: der junge damalige Finanzminister Konstantinos Mitsotakis. Papandreou war seine Mehrheit los und musste gehen.

In den 1960er Jahren herrschte Terror gegen die Linke: »Der König setzte (fortan) Marionettenregierungen ein und tauschte Ministerpräsidenten aus. Jenseits der machtlosen demokratischen Institutionen rangen Palast und Armee öffentlich um die Vorherrschaft im Land, letztere dirigiert und finanziert von kapitalkräftigen, greco-amerikanischen Investoren mit besten Verbindungen zur CIA und zur US-Botschaft in Athen. Siebzig Tage lang demonstrierten Lambrakis-Jugend, EDA-Anhänger und Studenten gegen König und Korruption, am Ende schlossen sich Arbeiter und Bauern den landesweiten Streiks an. Theodorakis wurde von ›Ordnungskräften‹ zusammengeschlagen, der Student und EDA-Aktivist Sotiris Petroulas starb unter den Knüppelhieben der Polizei, rechtsradikale Banden jagten in Nordgriechenland eine Versammlung der Linken in die Luft.«¹

In der Nacht zum 21. April 1967 rollten Panzer durch die Hauptstadt Athen. Die Militärs um den Brigadegeneral Stylianos Pattakos sowie die Obersten Georgios Papadopoulos und Nikolaos Makarezos übernahmen das Land, ihre Diktatur dauerte bis 1974. Mitsotakis, der den Putschisten die Tür zum Putsch aufgestoßen hatte, ging als Chef der »Juli-Verräter« in die neuere griechische Geschichte ein. Wie sein Onkel, der große Venizelos, verließ er Griechenland ins Pariser Exil. Über die Legende, die er und seine Kinder bis zu seinem Tod strickten und die ihn zum »Helden des Widerstands« gegen die uniformierten Folterer und Mörder machen sollte, können Historiker und Politikwissenschaftler des Landes nur müde lächeln. »Widerstand?« fragte vor einigen Wochen der Geograph und Ökonom Kostis Hadjimichalis. »Wo soll er den geleistet haben? Er war, wie wir wissen, nicht mehr im Land, als die Junta Menschen verfolgte und umbringen ließ.«

Seine politisch-finanzielle Karriere litt kaum unter dem »Juli-Verrat«. Als Mitsotakis 1974 zurück in die Heimat kam, machte er einfach dort weiter, wo er das aktive Politikerdasein abgebrochen hatte. In einer neuen Partei diesmal, gegründet von dem ebenfalls aus Frankreich zurückgekehrten Konservativen Konstantinos Karamanlis. Die Nea Dimokratia (ND), programmatisch der deutschen CDU vergleichbar, stellte nicht nur die erste Regierung nach der Diktatur und blieb mit ihrem Führer Karamanlis immerhin sechs Jahre an der Macht. Sie wurde auch schnell zum Sammelbecken für im Eilverfahren »demokratisierte« Kirchenfürsten und Kollaborateure des Militärregimes, dockte bei den rechtskonservativen europäischen Parteien und deren Hintermännern in der Finanzwirtschaft an. Dort hat sie bis heute ihre tatkräftigsten Unterstützer.

Die zweite Generation

Zu Beginn der 1980er Jahre hatte ein alter Bekannter der griechischen Politik – Andreas Papandreou, Sohn des 1968 verstorbenen Georgios Papandreou – mit seiner neuen Partei, der sozialdemokratisch geprägten Pasok den rechten Karamanlis abgelöst. In nur acht Jahren hatten sich Papandreous Minister und Parteiaktivisten alles einverleibt, was bis heute zum Rüstzeug einer pseudodemokratischen, im Ergebnis weitgehend korrumpierten politischen Bürgerpartei gehört. Ein schwerer Veruntreuungs- und Bereicherungsskandal spülte 1990 schließlich den ewigen Mitsotakis an die Spitze einer »Koalition der nationalen Einheit«. Drei Jahre lang schaffte es der Juli-Mann, die Leute davon zu überzeugen, dass Wirtschaft, Finanzen und Demokratie als eine Art Triptychon zu verstehen seien, ein Altar mit drei Flügeln, vor dem niederzuknien habe, wer im Kapitalismus reüssieren wolle.

Den »goldenen Neunzigern« folgten die schon etwas weniger goldenen Jahre nach der Jahrtausendwende. Der »alte Mitsotakis« hatte seine Tochter Dora in die Politik gehievt. Die besaß einen scharfen Blick für das zweite deutsche Wirtschaftswunder samt seiner Hartz-IV-Grundlage und beherrschte, in München erworben, das teutonische Idiom in bestechender Weise. Dora Bakogianni, der die sogenannte Terrorgruppe »17. November« aus bis heute im dunkeln liegenden Gründen 1989 den Ehemann gemordet hatte, schaffte es 1990 beim Vater ins Kulturministerium und 13 Jahre danach ins Rathaus der Hauptstadt Athen. Die Bürgermeisterin verbuchte den durchaus irren Erfolg, im Jahr 2004 endlich die Olympischen Spiele »heimgeholt« zu haben. Der Anfang vom Ende des griechischen Aufschwungs. Bis dahin ausschließlich mit Krediten bezahlt, flossen »Ta metrita« – das Bargeld für all die tollen Projekte – zu einem beträchtlichen Prozentsatz in die Taschen weniger Profiteure, wie einer der Architekten des Olympiadorfes, der Kreter Andreas Papadakis, später erkannte.

Die Olympiaruinen – Velodrom, Beachvolleyballplätze, Fußballstadien – wurden zu Symbolen des rasend schnellen Niedergangs, doch dem Mitsotakis-Klan schadete das alles nicht. Zwar gelang Dora nie der Sprung an die ND-Parteispitze, wie der greise Vater und seine Freunde in Deutschland es sich ausgedacht hatten, an erster Stelle der beste Spezi Helmut Kohl. Doch unter dem tumben Premier und Neffen des »alten Karamanlis«, Kostas Karamanlis, wurde sie 2006 Außenministerin und blieb es bis 2009, dem Jahr des nächsten Georgios Papandreou. Ein Politiker der anderen Dynastie, ebenso flach wie sein Vorgänger Karamanlis, der selbst für seinen politischen Tod sorgte. Auf die von den ehemaligen Besatzern des Landes, den strengen Deutschen, verlangte Vernichtung des von seinem Vater aufgebauten griechischen Sozialstaats wollte er mit einem Volksbegehren reagieren, das freilich nie stattfand. Verhindert von der deutsch dominierten EU-Kommission und der an die Ägäis entsandten »Troika«, einer kaltblütigen, dem Finanzkapitalismus vollends verpflichteten Administratorengruppe ohne parlamentarisches Mandat.

Der neue Mitsotakis

Zehn Jahre sind seither vergangen und der Klan der Kreter hat sich neu formiert. Der »Alte« ist tot, die nächste Generation lebt. Doras Bruder Kyriakos, 51 Jahre alt, hat zwar nicht unbedingt das Zeug, dafür aber die besten Möglichkeiten, dem unglücklichen, aus der europäischen Linken schwer herausgestürzten Alexis Tsipras nachzufolgen und nächster griechischer Ministerpräsident zu werden. Kyriakos hat lange gebraucht, bis er schließlich dort anlangte, wo sein Vater schon sehr viel früher angekommen war. Im Amt eines Ministers. Interessanterweise als Verantwortlicher für Verwaltungsreform und Korruptionsbekämpfung unter Ministerpräsident Antonis Samaras, den der alte Mitsotakis als »Verräter« verachtete, seit der 1993 genau das schaffte, was ihm selbst 28 Jahre zuvor den Ruf des Juli-Betrügers eingebracht hatte: die Inszenierung eines kalten Regierungssturzes zum eigenen Vorteil. Unter Samaras reifte der Sohn und Bruder zu einem zunächst quasi im geheimen aufgewachsenen Machtpolitiker, der jener Beschreibung eines zu Amt und Würden gekommenen Zynikers entspricht, die der britische Schriftsteller John Le Carré kritischen Beobachtern des »demokratischen Rechtsstaats« in seinem Roman »Das Russlandhaus« lieferte: »Irgendwann auf seiner umsichtigen kleinen Reise an die Macht hatte er sich das Lächeln beigebracht. Freundlichen Leuten gegenüber war dies eine unfaire Waffe, ähnlich wie Schweigen am Telefon. Doch er kannte keine Unfairness, da er auch das Gegenteil nicht kannte. Und Leidenschaft war für ihn eine Sache, die man benutzte, um andere Leute zu überreden.«

Es geht bei den Mitsotakis zu wie in der berühmtesten kretischen Ballade, dem »­Erotokritos«, der Liebesgeschichte, die in mehr als tausend Versen davon erzählt, wie sich die gesellschaftlichen Zyklen öffnen und schließen – »Tou kiklou ta girismata pou anevokatevenoun« – bis sich am Ende alles von alleine fügt und der Held lebt. Oder stirbt. Alles dreht sich im Kreis, und am Ende sind die Herrscher immer dieselben.

Der »neue Mitsotakis« bleibt der alte. Wie seine Mutter Dora, Kurzform des Vornamens Theodora, griechisch für »Gottesgeschenk«, hat auch der jüngste Politiker aus dem Klan vor einem Monat das Rathaus in Athen erobert. Bei den Kommunalwahlen am 26. Mai deklassierte der junge Kostas den Syriza-Kandidaten mit einem Abstand von nahezu 25 Prozent und wurde einer der jüngsten Bürgermeister aller Zeiten. Athen allein sei »kein Machtfaktor«, erklärte anschließend Kostis Hadjimichalis, emeritierter Professor für Ökonomische Geographie und Regionalplanung, »aber Symbol unschätzbar wichtiger Reputation« im Lande selbst und anderswo. Athen ist Kultur, mit seiner Akropolis, seinen Museen, die von den edleren Zeiten einer ehemaligen Weltmacht zeugen. Wer Athen hat, wird die Macht erobern, heißt es noch heute am Syntagmaplatz am Fuß des Tempelberges, wo seit ewigen Zeiten Könige, Präsidenten, Feldherren, Tyrannen, Helden und Verlierer auf den Schild gehoben oder heruntergestoßen wurden.

Das Volk indes, das der neue Mitsotakis namens Kyriakos und sein Neffe Kostas, Sohn der Schwester Dora und Enkel des Großvaters gleichen Namens, zu regieren gedenken, hat in den vergangenen zehn Jahren alles verloren, was die vor 25 Jahrhunderten ersonnene Staatsform »Demokratie« angeblich ausmachte. Solidarität vor allem, eine gewisse Art von Mitbestimmung und eine Neigung zu einer Sorte Kultur, die nicht vom Markt bewertet und geregelt wurde. Doch wie kann ein Volk im Kapitalismus überleben, das die Wasserbehälter seiner Toilettenspülung »Niagara« nennt und einen Ministerpräsidenten duldet, den – wie vom November 2011 bis zum Mai 2012 den Banker Loukas Papadimos – das Kapital geschickt hat, damit er ins Lot brächte, was erstaunlich viele Generationen von Mitsotakides, Karamanlides, Papandreous und deren steinreiche Hintermänner verbrochen hatten.

Reichtum mehren

600.000 junge Menschen haben seit der sogenannten Krise, die nur ein Resultat des galoppierenden Finanzmarktschwachsinns ist, das Land verlassen. Richtung Deutschland, England und USA, wo jene Adepten der neoliberalen Finanzwirtschaft an sogenannten Eliteuniversitäten ausgebildet und auf die Zertrümmerung der Sozialsysteme getrimmt werden. So wie Kyriakos, Kostas und Dora, die wieder dort zur Stelle sind, wo ihre Väter und Großväter Pflöcke eingeschlagen hatten, die sich bisher kein Politiker der Linken einzuschlagen traute. Auf Kyriakos warten Angela Merkel und Nachfolgerin ebenso wie der Franzose Emmanuel Macron, damit es ein Ende habe mit der Vorstellung, dass irgendeine Partei, die den Begriff »sozial« oder »sozialistisch« im Namen trägt, der Gesellschaft Gutes bringen könnte.

Knapp 30 Prozent der arbeitsfähigen Menschen in Griechenland sind gegenwärtig ohne Anstellung. Rund 40 Prozent der jungen Generation zwischen 18 und 30 Jahren haben keinen Arbeitsplatz und keine Zukunft. Die Mitsotakides und ihre nach Hunderten zählenden Mitglieder des Klans, den der Alte in fast 70 Jahren Klientelpolitik schuf und in die griechische Gesellschaft einpflanzte, kennen dieses Problem nicht. »Die Erzählung von der moralischen Verpflichtung«, schreibt Hadjimichalis in seinem bemerkenswerten Buch »Schuldenkrise und Landraub«, »diente (den Politikfürsten in Europa) als Legitimation, um seit 2010 einen neuen Machtapparat im Land zu etablieren, der auf dem Dualismus von institutioneller Regelabweichung – also dem nicht regel- und verfassungskonformen Handeln von Institutionen – einerseits und auf der brutalen Unterdrückung jeglichen Protests andererseits beruht.«

Kyriakos Mitsotakis ist angetreten, das Erbe seiner Familie, den ungeheuren Reichtum der kretischen Oligarchen, zu verteidigen und zu mehren. Das »fundamentale Anliegen institutioneller Regelabweichung«, der totale Ausverkauf volkseigenen Besitzes an das nach lukrativen Investitionsprojekten Ausschau haltende Kapital, ist Programm der nach Regierungsmacht gierenden Familie. Kyriakos’ Wahl zum Ministerpräsidenten wäre nicht nur deshalb der Beginn einer neuen politisch-sozialen Katastrophe: In seiner Partei Nea Dimokratia, deren Vorsitzender er ist, mästen sich harte Rechte wie Adonis Georgiadis und Mavroudis »Makis« Mavroudis an den Zuschüssen, die das System im Rahmen der Parteifinanzierung auch an das äußerste rechte Lager auszahlt. Kyriakos Mitsotakis will mindestens einen von ihnen, vielleicht auch alle beide, zu Ministern einer von ihm geführten Regierung machen.

Anmerkung

1 Hansgeorg Hermann: Mikis Theodorakis – Der Rhythmus der ­Freiheit, Berlin 2008

Hansgeorg Hermann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. März 2019 über die politischen Zustände in Frankreich.

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