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Aus: Ausgabe vom 04.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Kartell

Gefestigte Zusammenarbeit

OPEC, Russland und neun weitere Staaten wollen Sinken des Ölpreises verhindern
Von Knut Mellenthin
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Trumps Wunsch nicht erfüllt: Wladimir Putin (r.), Präsident Russlands, und Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien (November 2018)

Im November 2018 twitterte Donald Trump enthusiastisch: »Die Ölpreise fallen … Das sind Steuersenkungen für Amerika und die Welt! Freut euch. 54 Dollar … Danke, Saudi-Arabien.« Das war zumindest voreilig. Am 25. Februar, ein Barrel kostete inzwischen 65 Dollar, klagte der US-Präsident im Internet sein Leid: »Die Ölpreise werden zu hoch. OPEC, bitte entspannt euch und immer mit der Ruhe! Die Welt kann keinen Preisanstieg vertragen.« Am 26. April behauptete Trump gegenüber Journalisten: »Die Benzinpreise fallen. Ich habe die OPEC angerufen und gesagt: ›Ihr müsst sie runterbringen, ihr müsst sie runterbringen‹, und sie fallen.«

Aber die Saudis, die OPEC und im Bund mit ihnen auch Russland haben Trump den Gefallen nicht getan: Am Dienstag beschlossen sie in Wien, bis zum 31. März 2020 bei der gesenkten Fördermenge zu bleiben, die sie am 7. Dezember 2018 vereinbart hatten. Es war jetzt schon das sechste Treffen dieser Art, bei dem die 14 Mitglieder der OPEC und zehn andere Staaten, darunter Russland und Mexiko, vertreten waren. Erstmals hatte man in diesem Format, das inzwischen oft als »OPEC plus« bezeichnet wird, am 10. Dezember 2016 getagt. Damals einigten sich die 24 Staaten darauf, ihre Ölförderung für zunächst sechs Monate um insgesamt fast 1,8 Millionen Barrel pro Tag zu senken. Davon sollten 1,2 Millionen auf die OPEC-Staaten und 558.000 Barrel pro Tag auf die Nichtmitglieder, hauptsächlich Russland, entfallen.

Die dann im Dezember 2018 beschlossene und jetzt unverändert verlängerte Verringerung der Fördermenge entspricht mit nur noch 1,2 Millionen Barrel pro Tag, wovon 800.000 auf die OPEC entfallen, etwas mehr als 1,2 Prozent der Weltproduktion. Das reicht, sofern der Bedarf in den kommenden Monaten nicht relevant steigt, nicht aus, um den Ölpreis in die Höhe zu treiben. Die Maßnahme könnte aber vielleicht, so jedenfalls die Hoffnung der Beteiligten, dazu beitragen, den Preis auf seinem derzeitigen Niveau zwischen 62 und 63 Dollar pro Barrel zu halten.

Um dauerhaft höhere Erlöse zu erreichen oder wenigstens anzustreben, hätten die 24 Staaten von »OPEC plus« sich jetzt auf eine stärkere Reduzierung ihrer Fördermenge einigen müssen. Das war angeblich von Algerien vorgeschlagen worden, wurde aber sowohl von Saudi-Arabien als auch von Russland, die den Kurs des Verbundes immer mehr durch bilaterale Vorabsprachen bestimmen, ausdrücklich abgelehnt. Wladimir Putin hat kürzlich in einem außergewöhnlich langen Interview, das die Financial Times am 27. Juni veröffentlichte, seine Ansicht erläutert, dass im Interesse aller Beteiligten ein langfristig ausgeglichenes Preisniveau am besten sei. »Dramatische Preisanstiege oder -einbrüche tragen nicht zur Marktstabilität bei und ermutigen nicht zu Investitionen.«

Was am Dienstag von den Vertretern der »OPEC plus« beschlossen werden würde, hatte Putin schon am Wochenende in einer Pressekonferenz ausgeplaudert, nachdem er zuvor ein Gespräch mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gehabt hatte. Das wurde von der iranischen Regierung öffentlich scharf kritisiert. Ölminister Bidschan Sangene sagte am Montag in Wien, wenn man die OPEC am Leben erhalten wolle, müssten die Entscheidungen von deren Mitgliedern diskutiert und beschlossen werden. »Wir sind nicht hier, um Entscheidungen abzustempeln, die außerhalb der Organisation getroffen wurden.« Iran beabsichtige nicht, aus der OPEC auszutreten, aber die Organisation habe ihre Autorität verloren und befinde sich »am Rande des Zusammenbruchs«.

Umso erstaunlicher war, dass Sangene sich am Dienstag nach Abschluss der zweitägigen Konferenz ausgesprochen optimistisch gab: Er sei glücklich über die getroffenen Entscheidungen, es sei eine gute Zusammenkunft gewesen, und Iran habe erreicht, was es angestrebt habe. Auch die iranischen Bedenken gegen die in Wien diskutierte und beschlossene »Charta« seien ausgeräumt worden. Dieses Dokument soll helfen, die nunmehr schon über vier Jahre währende Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern der OPEC zu verstetigen und zu institutionalisieren. Formal gilt die »Charta« vorläufig nur als Entwurf, der den parlamentarischen Zustimmungsprozess in allen beteiligten Ländern durchlaufen muss.

Im Rückblick hat sich die Lage auf dem globalen Ölmarkt erheblich anders entwickelt, als im Herbst 2018 vorausgesagt worden war. Damals war angenommen worden, dass die seit Anfang November wieder praktizierten Sanktionen der USA gegen Irans Ölausfuhr eine Verknappung des Rohstoffs zur Folge haben würden, die einen starken Anstieg der Preise auslösen könnte, falls sie nicht durch erhöhte Fördermengen Saudi-Arabiens aufgefangen würde. Statt dessen ist der Ölpreis gegenwärtig mit knapp über 60 Dollar pro Barrel deutlich niedriger als im Oktober 2018, als er im Monatsdurchschnitt bei fast 77 Dollar lag und kurzzeitig sogar die 80-Dollar-Marke überschritt. Hauptursachen für die reale Entwicklung sind eine sich weltweit abschwächende Konjunktur und die anhaltend rasante Steigerung der US-amerikanischen Ölförderung, die im April erstmals über zwölf Millionen Barrel pro Tag lag.

OPEC und mehr

Die Abkürzung OPEC steht für »Organization of the Petroleum Exporting Countries«. Sie hat gegenwärtig vierzehn Mitglieder. In alphabetischer Reihenfolge nach englischer Schreibweise sind es : Algerien, Angola, Kon go, Ecuador, Äquatorialguinea, Ga bun, Iran, Irak, Kuwait, Libyen, Nigeria, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Venezuela.

Gegründet wurde die OPEC im September 1960 während einer fünftägigen Konferenz in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Beteiligt waren das Gastgeberland, der Iran, Saudi-Arabien, Venezuela und Kuwait, das damals noch kein selbständiger Staat, sondern ein britisches »Protektorat« war.

Die gemeinsame Antriebskraft der Gründer war der Wille, stärker vom Handel mit ihrem eigenen Erdöl zu profitieren, der damals ganz in der Hand großer internationaler Konzerne lag. Wenige Jahre zuvor, im August 1953, hatten Großbritannien und die USA auf die Nationalisierung der iranischen Ölvorkommen unter Premierminister Mohammed Mossadegh mit dessen Sturz reagiert.

Die OPEC entwickelte sich zu einer Interessengemeinschaft, die durch Absprachen über die Fördermengen Einfluss auf den Ölpreis zu nehmen versucht. Ihre historisch wichtigste Aktion war 1973 das Embargo gegen die USA und andere westliche Länder wegen deren militärischer Unterstützung für Israel im Oktoberkrieg. Bleibendes Ergebnis war die Steigerung des damals sehr niedrigen Ölpreises um ein Vielfaches.

Auf die OPEC-Staaten entfällt gegenwärtig mehr als ein Drittel der globalen Förderung von Erdöl. Da sie im Vergleich mit den Industriestaaten einen sehr viel geringeren eigenen Verbrauch haben, liegt ihr Anteil am Welthandel mit Öl bei vermutlich über 50 Prozent.

Seit November/Dezember 2016 findet unter der Bezeichnung »OPEC plus« eine Koordination mit zehn weiteren Staaten statt. Es sind Russland, Mexiko, Kasachstan, Aserbaidschan, Bahrain, Brunei, Malaysia, Oman, Sudan und Südsudan. (km)

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