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Aus: Ausgabe vom 03.07.2019, Seite 6 / Ausland
Polizeigewalt Frankreich

Die Schläger des Präsidenten

Pariser Polizei wendet Chemiekampfstoffe gegen friedliche Sitzdemonstranten an. Gewalt des Systems Macron
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Zerren mit XL-Tränengassprühdose in der Hand: Vorgehen der Polizei in Paris gegen Klimaprotest am Freitag

Die französische Regierung lässt die Polizei in Paris mit brutaler Härte gegen Demonstranten vorgehen. Ein vom Polizeipräfekten der Hauptstadt, Didier Lallement, angeordneter Einsatz gegen eine friedliche Umweltdemonstration auf der Seinebrücke Pont de Sully bewies am vergangenen Freitag, dass sogenannte Ordnungshüter inzwischen offenbar freie Hand bei der Auswahl ihrer Mittel und Waffen haben. Die Uniformierten besprühten auf dem Pflaster sitzende junge Menschen – zum Teil mit erhobenen Händen, zum Teil untergehakt – aus nächster Nähe mit Tränengas, sogar mitten ins Gesicht. Präsident Emmanuel Macron persönlich hatte Lallement im März von Bordeaux nach Paris abkommandiert, wo er die Proteste der »Gelbwesten« unter Kontrolle bringen sollte. Bei seinen Untergebenen gilt der Mann mit der blitzenden Stahlbrille als »erbarmungsloser und autoritärer« Gegner aller »Unruhestifter«.

Die Bilder der Polizeiaktion füllten am Wochenende und am Montag die französischen Medien und sorgten für Empörung im Land: Auf der Sully-Brücke, die eine der Inseln in der Seine mit dem Stadtzentrum verbindet, sprühte ein Polizeioffizier mit kugelsicherer Weste, ohne Kopfbedeckung, eine dunkle Sonnenbrille vor den Augen, den jungen Menschen aus nächster Nähe Tränengas ins Gesicht. Die geleerten Spraydosen tauschte er vor laufenden Fernsehkameras mehrfach gegen volle Kartuschen aus. Die rund 400 Aktivisten der Umweltgruppe »Extinction Rebellion«, am Freitag Organisatoren des Protests, erklärten später, sie hätten auch den Polizisten eindeutig erklärt, worum es ging : »Wir wollen den Leuten bewusst machen, dass unsere ökologischen Probleme ein Symptom des Systems sind«.

Den Slogan der Freitagsdemonstration auf der Brücke – »sur le pont, rébellion / on y lutte, contre l'extinction« (Rebellion auf der Brücke / wir kämpfen gegen die Auslöschung) – nahmen die Uniformierten wörtlich. Offenbar dem klaren Befehl ihres strengen Chefs folgend, »behandelten« sie die jungen Frauen und Männer zunächst mit mehreren Salven aus der Tränengasdose, bevor sie sie mit Gewalt auseinanderrissen und abtransportierten. Der Protest habe, wie Beobachter später in Radio- und Zeitungsinterviews versicherten, »nicht den Hauch« von Gewalt vermittelt. Viele Demonstranten hätten vielmehr gesungen und getanzt, während andere die Brücke und den Verkehr blockierten.

Die Pariser Tageszeitung Le Monde zitierte am Montag eine junge Aktivistin mit den Worten: »An einem Tag, an dem wir eine Botschaft bezüglich des Klimas vermitteln wollten, zudem an einem Tag mit einer bisher nicht gekannten glühenden Hitze, ist solche Gewalt nicht zu verstehen. Es war dermaßen brutal und einfach unverständlich für eine Aktion, die so friedlich war.«

Die Gewalt des Systems Macron hat sich in der Person des neuen Präfekten manifestiert. Als Lallement, dessen Name sich für französische Ohren wie »l'Allemand«, »der Deutsche« anhört, am 19. März seine Arbeit in der Hauptstadt antrat, gab ihm sein Chef Chris­tophe Castaner einen Befehl mit auf den Weg: Der Innenminister, damals wegen der Pariser »Gelbwesten«-Proteste im Kreuzfeuer der Kritik, forderte ihn öffentlich auf, bei den gegen die Demonstranten einzusetzenden Mitteln »nicht zu sparen«. Tränengas, Hartgummigeschosse, Knüppel und Wasserkanonen gehören seither zum ganz normalen Zubehör der gepanzerten Uniformierten. Castaners Imperativ für die »republikanische Ordnung«: »Wer Demonstrationen schützen will, muss zuerst den Aufruhr brechen, Straffreiheit gibt es nicht.«

Damit dürfte er bei seinem neuen »harten Hund« auf offene Ohren gestoßen sein. Wenige Tage vor seinem Amtsantritt in Paris hatte er in Bordeaux eine Versammlung der »Gelbwesten« auseinandertreiben lassen. Seine uniformierten Schläger verprügelten dabei auch den Politiker Loïc Prud'homme, einen Abgeordneten der Linkspartei »La France insoumise«. Lallements Kommentar: »Meine Leute haben ihre Arbeit korrekt beendet«.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. ( 2. Juli 2019 um 22:55 Uhr)
    Ergänzung: Hans Georg Hermann hat vergessen zu erwähnen, dass die französische Polizei Tränengasgranaten

    einsetzt, die einen 25prozentigen TNT-Anteil enthalten. Viele Gelbwesten verloren dadurch ihre Hände, ihr

    Augenlicht und erlitten schwerste Verletzungen.

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