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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Philippinen unter Präsident Duterte

300 Dollar für einen Mord

»Handbuch Philippinen« in sechster Auflage erschienen: fundierte Einblicke in Geschichte und Politik der »Perle des Ostens«
Von Rüdiger Göbel
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Protest vor dem Armeehauptquartier gegen Tötungen bäuerlicher und religiöser Führer (Quezon, 6.12.2017)

So hat sich der philippinische Präsident Rodrigo Duterte die Halbzeitbilanz seiner Amtszeit nicht vorgestellt: Angesichts der nicht abreißenden Berichte über gravierende Menschenrechtsverletzungen im Inselstaat fordern UN-Experten unabhängige Untersuchungen. Mittlerweile elf Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen rufen die UN-Menschenrechtskommission auf, Ermittlungen zu der »erschreckend hohen Zahl von rechtswidrigen Todesfällen und Morden durch die Polizei im Kontext des sogenannten Drogenkriegs als auch der Ermordung von Menschenrechtsverteidigern aufzunehmen«.

Nach offiziellen Angaben wurden im von Duterte ausgerufenen Krieg gegen Drogen mindestens 5.000 Menschen von sogenannten Sicherheitskräften getötet. Die Autoren des neu aufgelegten Standardwerks »Handbuch Philippinen« gehen indes von »bislang mindestens 20.000 Opfern« aus, »meist arme Schlucker aus Elendsquartieren«. Einer Untersuchung von Amnesty International und Recherchen von Journalisten zufolge wurden Polizisten für diese Morde bezahlt sowie auch Auftragskiller angeheuert. »Bis zu 300 US-Dollar soll es für einen Mord geben«, schreibt Jörg Schwieger in dem Sammelband. »Im Krieg gegen die Drogen ist das Töten zum Geschäft geworden.«

»Perlas ng silangan« (»Perle des Ostens«) werden die Philippinen genannt. Doch der Staat mit seinen mindestens 7.107 Inseln kommt auch drei Jahrzehnte nach dem Sturz der Marcos-Diktatur kaum voran. »Nirgends innerhalb der aus zehn Staaten bestehenden Vereinigung südostasiatischer Staaten (ASEAN) ist die Kluft zwischen Arm und Reich dermaßen groß wie in den Philippinen«, erklärt jW-Autor und Handbuch-Mitherausgeber Rainer Werning. Armut und soziale Ungerechtigkeit nehmen zu, auch und gerade unter dem 16. Präsidenten des Landes.

Die Gesellschaft ist seit Dutertes Amtsantritt im Sommer 2016 gespaltener denn je. »Für seine Anhänger/innen ist ›Rody‹ oder ›Didong‹, wie er von ihnen liebevoll genannt wird, auch nach nahezu dreijähriger Amtszeit noch immer ein ›langersehnter Messias‹. Seine Gegner/innen und Kritiker/innen sehen in ihm indes einen mit hoher krimineller Energie aufgeladenen ›Machofaschisten‹ oder einen ›Soziopathen‹«, so Werning. Für den Regierungsstil des Präsidenten hat der Philippinen-Kenner den Begriff »Dutertismo« geprägt, der sich wie folgt charakterisieren lasse: »Es ist ein Politikstil, der sich durch bizarres Mäandrieren zwischen (rechts-)populistischem, mitunter finster reaktionärem Poltern und links drapiertem Habitus auszeichnet.« Inszeniert werde diese Pendelpolitik »gemäß knallhartem Machtkalkül, oder sie geschieht in impulsivem, häufig misogynem Stakkato«. Dazu passen die Verbalinjurien, die der Präsident für seine Kritiker im In- und Ausland parat hat. Menschenrechtler diffamiert Duterte gerne mal als »dumme Idioten« und »Huren­söhne«.

Das neue »Handbuch Philippinen« liefert fundierte Einblicke in die Geschichte und gegenwärtige Politik des Landes. In 79 einzelnen Beiträgen wird darüber hinaus ein weiter Bogen gespannt, von der Landwirtschaft über Arbeitsmigration, Prostitution, soziale Sicherung, Bildungswesen, Wirtschaft, Umwelt und Zivilgesellschaft bis hin zur vielfältigen Kultur des Inselreiches. Zu sämtlichen Themen gibt es zentrale Hinweise zu weiterführender Literatur. Wer die Philippinen verstehen oder bereisen will, kommt an diesem höchst informativen, von wahren Kennern des Landes verfassten Sammelband nicht vorbei.

Rainer Werning/Jörg Schwieger (Hg.): Handbuch Philippinen. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. Sechste aktualisierte und erweiterte Auflage, Regiospectra-Verlag, Berlin 2019, 496 Seiten, 24,90 Euro

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