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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Offene Türen

Ausblick aufs Rudolstadt-Festival Anfang Juli
Von Thomas Behlert
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Bis die Sandalen glühen: Das Rudolstadt-Festival bietet alljährlich Feines aus Roots-, Folk- und Weltmusik

Wenn eine Stadt in Thüringen nichts zu bieten hat, werden Verbindungen zu Goethe oder Schiller rausgesucht, oder man lässt wie in Gotha den früheren Adel heraushängen. Im unscheinbaren Rudolstadt erinnern sich die Tourismusverantwortlichen gern an Friedrich Schiller, der hier einige Zeit zugebracht hat und die Stadt einmal als heimliche Geliebte bezeichnet haben soll. Belassen wir es dabei, widmen wir uns lieber den Höhepunkten des berühmten Stadtfestivals – prickelnd Rudolstadt-Festival genannt –, wo man sich alljährlich um Roots-Musik, Folk und Weltmusik kümmert.

Was Politiker nicht hinbekommen, läuft hier reibungslos vom 4. bis 7. Juli: Musiker aus mehr als 40 Ländern treffen auf über 100.000 Zuschauer. Man musiziert gemeinsam, feiert, bis die Sonne am Rande des Thüringer Waldes wieder aufgeht, und genießt Musik, die bisher nur wenige Eingeborene kannten, die kein formatierter Radiosender je spielen wird und welche die Sandalen beim Tanzen zum Glühen bringt. Länderschwerpunkt dieses Jahr ist Iran. Persien, so hieß das Land früher, war bekanntlich eine Region der Hochkultur, Künste und Wissenschaften, die das rückständige Europa, wo man fleißig Hexen verbrannte, die meisten Menschen dumm und krank waren, mit Wissen versorgte.

Während ein US-amerikanischer Twitter-Idiot gerade mehr oder weniger erfolgreich damit droht, Iran in einen Krieg zu verwickeln, musizieren in Rudolstadt iranische Musiker mit Musikern aus aller Welt und präsentieren ihre traditionellen Melodien. Baran Mozafari ist dabei eine der wenigen Frauen, die den sehr speziellen weiblichen Gesangstil mit dem Hamnava-Ensemble in die Welt verbreitet, dabei fröhliche Töne anstimmt und die Zuhörer in aller Regel nach wenigen Takten fasziniert. Weiterhin kommen aus Iran Ali Ghamsari, der in Teheran zu Hause ist, neue Lieder auf der Langhalslaute Tar interpretiert und zu den besten der jungen iranischen Klassik gehört. Schließlich holt das Hamid-Motebassem-Ensemble mit kaum bekannten Instrumenten die Tradition in die Gegenwart und bietet sogar neue Kompositionen an.

Ab Donnerstag werden große Konzerte im Heine-Park, ein paar auf der Heidecksburg, die meisten indes in der Innenstadt stattfinden. Die exquisite Indieband Die höchste Eisenbahn tritt auf, die Volksmusiker vom Herbert Pixner Projekt präsentieren verwunschenen Sound. Soweto Soul bringen afrikanisches Liedgut schnell und modern, und LA33 aus Kolumbien werden auf ungewöhnliche Weise Salsa, Jazz und Ska verbinden. Nicht vergessen sollte man das Thüringer Folkloretanzensemble, das wie jedes Jahr den Samstag auf der großen Bühne eröffnet, ab 11 Uhr. Außerdem dabei: Lutz Graf-Ulbrich, der als Krautrocker bereits bei Ash Ra Tempel mitwirkte, danach einige NDW-Hits kreierte und als Lüül immer mal wieder für neuen Stoff sorgt.

Den Abschluss gestalten die Kanadier Cowboy Junkies, die auch schon seit 34 Jahren melancholische Country-Folk-Songs spielen. Möge nach diesem Juliwochenende Thüringen auch weiterhin der Welt die Türen offen halten, den Nazis keine Chance geben und musikalisch interessant bleiben.

Rudolstadt-Festival: 4. bis 7. Juli

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