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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

gebodyshamt

Von Gerhard Henschel
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»Anfangs hat sie mich Schatzi genamed, / Doch dann hat sie mich gebodyshamed.« Tony Marshall zeigt Zähne

Ohne es zu ahnen, hat sich der »Amazon.de Karten­Service« um eine Erwähnung in dieser Kolumne beworben, denn seit neuestem gibt er seinen Kunden, die Bonuspunkte sammeln, eine »Dauergrinsen-Garantie«. Ein Wort, das seinesgleichen sucht und hoffentlich so schnell nicht finden wird. Menschen, die tatsächlich auf eine solche Grimasse erpicht sein sollten, wird man nur schwer begreiflich machen können, dass eine »Dauergrinsen-Garantie« eine Drohung ist und kein Versprechen. Dauergrinsenden Zeitgenossen geschähe es jedenfalls ganz recht, wenn man sie bodyshamte. So wie es, wenn auch aus anderen Gründen, dem Model Stefanie Giesinger widerfahren ist. »Ich wurde schon oft gebodyshamt«, hat sie Ende Juni 2019 gegenüber der FAZ erklärt. »Einige sagen: Du bist zu dick. Unter einem Bikini-Foto gab es zuletzt lauter Hater-Kommentare, dass meine Brüste zu klein seien. Dagegen habe ich mich gewehrt und gesagt: Wie könnt ihr so etwas sagen? Ich liebe diesen Körper, meine Seele lebt in diesem Körper, ich kämpfe in diesem Körper. Also sagt nichts Negatives dazu.«

Ein gefundenes Fressen für unsere Society-Experten. »Brüste zu klein? Stefanie Giesinger wehrt sich gegen Bodyshame-Attacken«, hat Pro sieben prompt gemeldet. Leider liegt von der Duden-Redaktion jedoch noch keine Stellungnahme dazu vor, ob das Wort »gebodyshamt« nicht irgendwie anders geschrieben werden müsste. So wie »geliked« vielleicht, mit »-ed« am Ende: »gebodyshamed«. Das würde allerdings ein Problem aufwerfen, wenn Stefanie Giesingers Leben verfilmt werden sollte. Der Titel »Das gebodyshamte Model« liest sich leichter als der Titel »Das gebodyshamede Model«.

Während Stefanie Giesinger nun also in ihrem Körper kämpft, ohne uns freilich zu verraten, gegen wen oder was sie in ihrem Körper eigentlich kämpft, wird weiter über die ganz Deutschland bewegende Frage gestritten, ob ihre Brüste zu klein seien oder nicht. Es ist anzunehmen, dass die Autoren der Hater-Kommentare unter dem kontrovers diskutierten Bikinifoto nicht auf den Service von Amazon angewiesen sind, um sich dabei ein Dauergrinsen ins Gesicht zu schrauben.

Was für ein Sommer. Fehlt bloß noch der dazugehörige Hit mit dem Refrain: »Anfangs hat sie mich Schatzi genamed, / Doch dann hat sie mich gebodyshamed. / Ich steh’ jetzt auf dem Schlauch wie noch nie / ohne Dauergrinsen-Garantie …«

Tony Marshall, übernehmen Sie! Und beweisen Sie den jungen Stimmungskanonen vom Ballermann, dass Sie es noch immer besser draufhaben als der nichtsnutzige Nachwuchs!

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