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Aus: Ausgabe vom 28.06.2019, Seite 12 / Thema
Versailler Vertrag

Der aufgezwungene Friede

Vorabdruck. Vor 100 Jahren unterzeichneten Vertreter der deutschen Reichsregierung unter Protest den Versailler Vertrag. Dessen Bestimmungen brachten dem Kriegsverlierer Gebietsverluste und sahen hohe Reparationen vor
Von Gregor Schirmer
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»Der 15. Punkt«. In dieser Karikatur des Zeichner William Allen Rogers, erschienen im New York Herald vom 25. Mai 1919, ergänzt die militärische Drohkulisse gegen Deutschland, dargestellt durch den französischen Marschall Ferdinand Foch, US-Präsident Wilsons 14-Punkte-Plan für eine Friedensordnung

In den kommenden Tagen erscheint im Berliner Verlag am Park von Gregor Schirmer der Band »Der Vertrag von Versailles und andere Friedens- und Unfriedensverträge«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor einen Auszug, in dem die Vertragsbestimmungen für das Deutsche Reich vorgestellt werden. (jW)

Vom 18. Januar 1919 bis 21. Januar 1920 fand in Paris eine Mammutkonferenz der Sieger des Ersten Weltkriegs statt. 32 Staaten waren mit ihren Staats- und Regierungschefs oder Außenministern vertreten. Dazu kamen noch rund 10.000 Mitarbeiter. Der selbst erteilte Auftrag lautete: völkerrechtlich wirksame Beendigung des Weltkrieges mit einem Friedensschluss. Frankreich als Gastgeber bestand auf den Beginn der Tagung am 18. Januar: An jenem Tag war 48 Jahre zuvor – am Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 – das deutsche Kaiserreich proklamiert worden. In eben jenem Spiegelsaal des Versailler Schlosses, in dem am 28. Juni 1919 der Vertrag mit Deutschland unterzeichnet werden sollte.

Die Hauptmacher waren der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der als Präsident der Konferenz fungierte, der Präsident der USA, Woodrow Wilson, und der Premierminister Großbritanniens, David Lloyd George, mit geringerem Einfluss der italienische Ministerpräsident Vittorio Orlando und – mehr formell als tatsächlich mitgestaltend – der japanische Premierminister Hara Takashi. Diese fünf Politiker vertraten die »kriegführenden Mächte mit allgemeinen Interessen«, welche an allen Aktivitäten und Entscheidungen der Konferenz teilnehmen konnten.

Die Verlierer des Weltkriegs – die Mittelmächte, allen voran Deutschland – waren zu den Verhandlungen nicht zugelassen. Sie durften sich zu den ultimativ übermittelten Entwürfen »ihrer« Friedensverträge nur mit diplomatischen Noten äußern. Am Ende des Palavers stand die politische und juristische Absicherung der alten imperialistischen Weltordnung mit einigen, allerdings wesentlichen Änderungen der Kräfteverhältnisse.

Kriegsschuld und Strafverfolgung

Im Zentrum des Pariser Geschehens stand der Vertrag von Versailles mit dem Deutschen Reich.¹ Auf der Siegerseite unterschrieben das Dokument die Vertreter der alliierten und assoziierten Hauptmächte. Die Unterschriften für Deutschland leisteten »unter Protest« Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) am 28. Juni 1919. Die Weimarer (verfassunggebende) Nationalversammlung hatte zuvor am 22. Juni mit 237 Jastimmen gegen 138 Neinstimmen bei fünf Stimmenthaltungen die Annahme des Zustimmungsgesetzes zum Versailler Vertrag beschlossen. 43 Abgeordnete nahmen nicht an der Abstimmung teil, 15 von ihnen begründeten ihr Fernbleiben ausdrücklich mit der Ablehnung des Vertrags. Von der SPD votierte etwa die Hälfte der Abgeordneten für Versailles. Vor dieser Entscheidung hatte es verschiedene Bemühungen gegeben, die Alliierten und Assoziierten zur Mäßigung zu bewegen. Und Philipp Scheidemann (SPD), Reichsministerpräsident seit dem 13. Februar 1919, hatte am 20. Juni demonstrativ sein Amt niedergelegt. »Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?« hatte er zuvor erklärt.

Der Vertrag war ein Monstrum von 440 Artikeln. In der Präambel hieß es, dass die alliierten und assoziierten Mächte »den Wunsch haben, an die Stelle des Krieges (…) einen festen, gerechten und dauerhaften Frieden treten zu lassen«, was gewiss eine wohlfeile Floskel war. Der geschlossene Friedensvertrag war nämlich nicht gerecht, sondern räuberisch und ungerecht wie der Krieg selbst, er war nicht fest und dauerhaft, sondern brüchig. »Das ist kein Frieden«, sagte der französische Marschall Ferdinand Foch über den Versailler Vertrag. »Es ist ein Waffenstillstand auf 20 Jahre.« Er sollte Recht damit haben.

Große Empörung herrschte in Deutschland über Artikel 231 des Versailler Vertrags. Dort hieß es: »Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.« Damit wurde die alleinige Schuld am Krieg den Mittelmächten zugeschoben. Die deutsche Regierung musste das per Unterschrift bestätigen.

Diese einseitige Schuldzuweisung wurde gebraucht, um die Reparationspflichten der Mittelmächte zu begründen. Die historische Wahrheit allerdings ist, dass das Deutsche Reich zwar der Hauptschuldige am Ersten Weltkrieg, nicht aber der einzige Schuldige war. Alle imperialistischen Hauptmächte drängten zu einer Neuaufteilung der Welt.

Der Vertrag enthielt in den Artikeln 227 bis 230 Strafbestimmungen. Zum ersten Mal in der Geschichte des modernen Völkerrechts wurde die Frage der persönlichen strafrechtlichen Verantwortlichkeit eines Staatsoberhaupts für Verbrechen im Zusammenhang mit einem Krieg und die Verfolgung und Bestrafung von Kriegsverbrechern auf völkerrechtsvertraglicher Ebene aufgeworfen. In Artikel 227 war bestimmt: »Die alliierten und assoziierten Mächte stellen Wilhelm II. von Hohenzollern, vormaligen Kaiser von Deutschland, wegen schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge unter öffentliche Anklage.«

Ein »besonderer Gerichtshof« aus fünf Richtern – je einer aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan – sollte eingesetzt werden. Der Gerichtshof sollte, wie es etwas schwülstig und unbestimmt hieß, »auf der Grundlage der erhabensten Grundsätze der internationalen Politik« urteilen und nach der »Richtschnur« arbeiten, »den feierlichen Verpflichtungen und internationalen Verbindlichkeiten ebenso wie dem internationalen Sittengesetze Achtung zu verschaffen. Es steht ihm zu, die Strafe zu bestimmen, deren Verhängung er für angemessen erachtet.« Das las sich konsequent und unerbittlich. Daraus wurde aber nichts. Wilhelm II. war nach seiner Absetzung und Abdankung in die Niederlande geflohen und hatte dort Asyl erhalten. Die Regierung in Den Haag lehnte seine Auslieferung ab. Er konnte im niederländischen Doorn einen beschaulichen, von jeglicher juristischen Verantwortung für seine Kriegsverbrechen unbehelligten Lebensabend verbringen.

In Artikel 228 räumte die deutsche Regierung den alliierten und assoziierten Mächten »die Befugnis ein, die wegen eines Verstoßes gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges angeklagten Personen vor ihre Militärgerichte zu ziehen«. Die deutsche Regierung wurde verpflichtet, die Beschuldigten an die Siegermächte auszuliefern. Auch dazu kam es nicht. Die europäischen Siegermächte hatten im Februar 1920 eine Liste mit 854 Namen von auszuliefernden Beschuldigten vorgelegt. Darunter befanden sich Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff. Die Alliierten verzichteten auf alle Auslieferungen, nachdem die deutsche Nationalversammlung schon ein halbes Jahr nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Dezember 1919 ein »Gesetz zur Verfolgung von Kriegsverbrechen und Kriegsvergehen« mit der apodiktischen Feststellung erlassen hatte, dass in solchen Sachen »das Reichsgericht für die Untersuchung und Entscheidung in erster und letzter Instanz ausschließlich zuständig« war.

Im Reichsgericht verlief die Verfolgung der Straftaten im Sand. In den 861 Fällen, die zwischen 1921 uns 1927 vor dem Reichsgericht verhandelt wurden, gab es nur 13 Verurteilungen. Belgien und Frankreich waren so verärgert, dass sie ab 1922 Hunderte von Deutschen in Abwesenheit vor ihren nationalen Gerichten anklagten und verurteilten, da man die Spruchpraxis des Reichsgerichts als Farce empfand. Das Berliner Reichsjustizministerium erteilte der Reichsanwaltschaft die Weisung, dass alle in Frankreich und Belgien begonnenen Verfahren in Deutschland mit Einstellungen enden sollten. Auf diese Weise wurden bis 1927 etwa 1.700 Fälle durch das Leipziger Reichsgericht ausgesetzt.

Der vornehme Umgang der bundesdeutschen Justiz mit faschistischen Kriegsverbrechern hatte demnach ein Vorbild. Logisch und verständlich, dass nach diesen Erfahrungen die Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg die Aburteilung von Kriegsverbrechen der Deutschen zunächst selbst übernahmen und nicht deutschen Gerichten überließen.

Reparationen

Es war zu erwarten, dass dem Verlierer und Hauptschuldigen am Ersten Weltkrieg die Niederlage im Wortsinne teuer zu stehen kommen würde. Außer Sowjetrussland war kein Staat bereit, auf die Zahlung von Reparationen zu verzichten. Berlin vereinbarte mit Moskau im italienischen Rapallo am 16. April 1922 den gegenseitigen Verzicht auf den Ersatz der Kriegskosten. Im Versailler Vertrag war die Höhe der Reparationen nicht beziffert. Artikel 235 legte nur als eine Art »Vorauszahlung« fest, dass Deutschland 20 Milliarden Goldmark bis April 1921 zu berappen habe, damit die Siegerstaaten die ihnen zugefügten Kriegsschäden beheben konnten. Das weitere wurde einem alliierten Wiedergutmachungsausschuss übertragen, in dem Vertreter der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens, Belgiens und des späteren Jugoslawien saßen. Vertreter Deutschlands durften anfangs nicht teilnehmen. Besonders weh tat der deutschen Wirtschaft, dass Handelsschiffe im Wert von 700 Millionen Goldmark – das waren etwa 90 Prozent der Handelsflotte – an die Alliierten abgeliefert werden mussten.

Die Reparationsforderungen waren derart gewaltig, dass sie Deutschland ökonomisch zu erdrosseln drohten. Nach einer Serie von Konferenzen wurden im Juni 1920 von Deutschland 269 Milliarden Goldmark in 42 Jahresraten verlangt. Es folgten Aufschreie, Proteste der Regierung, ein ablehnender Beschluss des Reichstags und die Einsicht der Alliierten, dass dieser Betrag die deutsche Wirtschaft überforderte und die Rückzahlung von Krediten gefährdete. Daraufhin einigten sich die Alliierten im Mai 1921 auf die Herabsetzung des Betrags auf 132 Milliarden Goldmark.

Diese immense Summe sollte verteilt werden an Frankreich, das am meisten unter Krieg und Besatzung gelitten hatte (52 Prozent), an Großbritannien (22), Italien (10) und Belgien (8 Prozent). Das war, gemessen an den Kriegsverlusten, eine relativ gerechte Verteilung der Reparationen, soweit es unter kapitalistischen Staaten überhaupt Gerechtigkeit geben kann.

Die Begleichung der Reparationsschulden gegenüber den Alliierten und Assoziierten des Ersten Weltkriegs durch die Bundesrepublik, der Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs, zog sich noch bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hin. Nach bundesdeutschen Angaben sollen 67,7 Milliarden Goldmark gezahlt worden sein, nach Angaben der Alliierten waren es lediglich 21,8 Milliarden. Die Bundesrepublik soll die letzte Schuldenrate, die 2010 in Höhe von 56 Millionen D-Mark fällig war, fristgemäß getilgt haben. Die DDR lehnte es ab, für Schulden des Deutschen Reichs aus dem Versailler Vertrag aufzukommen.

Abrüstungsverpflichtungen

Der Teil V (Art. 159–213) mit den »Bestimmungen über Landheer, Seemacht und Luftfahrt« beginnt mit einem schönen Vorspruch. Die genaue Einhaltung der Abrüstungsverpflichtungen Deutschlands sei notwendig, um »die Einleitung einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Nationen zu ermöglichen«. Aber es kam weder in Deutschland noch allgemein zur Abrüstung. Allerdings wurden dem Deutschen Reich sehr konkrete und einschneidende Pflichten auferlegt. Das deutsche Heer durfte nicht mehr als sieben Divisionen mit 100.000 Soldaten, davon höchstens 4.000 Offiziere, umfassen. Der Generalstab sei aufzulösen, das zivile Personal auf ein Zehntel des Standes von 1913 zu reduzieren, die Wehrpflicht abzuschaffen. Die Zahl an Geschützen, Maschinengewehren, Minenwerfern und Gewehren sowie die der Munitionsvorräte wurden streng reglementiert. »Die Einfuhr von Waffen, Munition, Kriegsgerät jeder Art nach Deutschland ist ausdrücklich verboten. Dasselbe gilt für Anfertigung und Ausfuhr von Waffen, Munition und Kriegsgerät jeder Art für fremde Völker.«

Der Versailler Vertrag enthält einen absoluten Verzicht auf Auslandseinsätze deutscher Truppen. In Artikel 179 heißt es dazu: »Deutschland verpflichtet sich, [...] in keinem fremden Lande irgendeine Mission des Landheeres, der Seemacht oder der Luftstreitkräfte zu beglaubigen, keine solche Mission dorthin zu senden oder abreisen zu lassen [...] oder in einem fremden Lande beim Unterricht im Heer-, Marine- oder Luftwesen mitzuwirken.«

Die Seestreitkräfte durften höchstens aus sechs Schlachtschiffen, sechs kleinen Kreuzern, zwölf Zerstörern und zwölf Torpedobooten sowie 15.000 Mann, darunter 1.500 Offiziere, bestehen. »Der Bau und der Erwerb aller Unterwasserfahrzeuge, selbst zu Handelszwecken, ist Deutschland untersagt.« (Art. 191); außerdem hieß es: »Deutschland darf Luftstreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines Heerwesens unterhalten.« (Art. 198)

Die kontrollierte Durchführung der Abrüstung nach Treu und Glauben hätte dazu geführt, dass Deutschland ein weitgehend nichtmilitaristisches, angriffsunfähiges und dann auch angriffsunwilliges Land geworden wäre. Es kam bekanntlich anders.

Der Vertrag enthält zwar die Verpflichtung Deutschlands, seine Gesetzgebung in Einklang mit Teil V des Versailler Vertrags zu bringen und »jede Untersuchung zu dulden, die der Rat des Völkerbunds mit Mehrheitsbeschluss für notwendig erachtet«. Konkrete Maßnahmen findet man jedoch nicht. Der Völkerbund unternahm keine ernsthaften Schritte, die vertragsgemäße Abrüstung zu erzwingen, was die Nichteinhaltung und Umgehung der im Versailler Vertrag festgelegten Verbote und Höchstgrenzen erleichterte. Eine Schwarze Reichswehr und andere illegale Wehrverbände trieben ungestört ihr Unwesen.

»Verzicht« auf Kolonien

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs hatte es das Kaiserreich mit Gewalt, Geld und Diplomatie zu einer veritablen Kolonialmacht mit Besitzungen in Afrika, Ostasien und Ozeanien gebracht. Deutschland stand nach der Größe der okkupierten Territorien hinter Großbritannien und Frankreich an dritter Stelle. Das war zwar noch nicht der »Platz an der Sonne«, den Bernhard von Bülow – von 1900 bis 1909 Reichskanzler – schon 1892 gefordert hatte, gleichwohl ein beachtliches Gebiet mit wertvollen Rohstoffen und billigsten Arbeitskräften. Es gab also etwas unter den imperialistischen Siegermächten zu verteilen.

So kam der Teil IV des Versailler Vertrags »Deutsche Rechte und Interessen außerhalb Deutschlands« zustande. Dort wurde zunächst bestimmt, dass Deutschland »auf sämtliche Rechte, Ansprüche und Vorrechte« verzichten musste, die dem Reich bisher in halbsouveränen, formal unabhängigen Ländern »zustanden«, die nicht den Status von Kolonien besaßen und die Interessen der alliierten und assoziierten Mächte in solchen Ländern anerkennen mussten. Das betraf vor allem China. Deutschland hatte »zugunsten Chinas auf alle Vorrechte und Vorteile, die ihm auf Grund der Bestimmungen des Pekinger Schlussprotokolls vom 7. September 1901 nebst sämtlichen Anlagen, Noten und Ergänzungen zustehen«, verzichtet. »Es verzichtet gleichfalls zugunsten Chinas auf jeden Entschädigungsanspruch aufgrund des bezeichneten Protokolls für die Zeit nach dem 14. März 1917.« Es handelt sich um das für China demütigende und kostspielige »Boxerprotokoll« vom September 1901, mit dem die blutige Niederschlagung der Bewegung gegen Ausländer und chinesische Christen besiegelt worden war. An diesem Krieg hatte sich das Deutsche Reich entsprechend der Direktive Kaiser Wilhelms beteiligt. Andere »unabhängige« Regelungsobjekte waren Siam (heute Thailand), Liberia (das an den norddeutschen Bund durch den Freundschafts-, Handels- und Schiffahrtsvertrag vom 31. Oktober 1867 gebunden war), Marokko, Türkei und Bulgarien sowie Schantung, eine chinesische Provinz unter deutscher Vorherrschaft.

Zu den deutschen Kolonien hieß es im Artikel 119: »Deutschland verzichtet zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte auf alle seine Rechte und Ansprüche bezüglich seiner überseeischen Besitzungen.« Das war eindeutig: Die »Hauptmächte« USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan erhielten die deutschen »Besitzungen« als eigene Kolonien. Doch wollten sie den Eindruck vermeiden, neue Kolonialherren zu sein. So wurde unter der Fuchtel von Präsident Wilson, dem Südafrikaner Jan Smuts und dem Briten Robert Cecil Artikel 22 der Völkerbundsatzung formuliert, der besagte, dass die Kolonien in Mandatsgebiete des Völkerbunds umbenannt und »an die fortgeschrittenen Nationen« als Mandatare vergeben wurden, die die Vormundschaft über die ehemaligen Kolonien und die dortigen »Eingeborenen« wahrzunehmen hatten. Bei ihnen handele es sich um Völker, die »noch nicht imstande sind, sich unter den besonders schwierigen Bedingungen der heutigen Welt selbst zu leiten«. Denen sollte unter den neuen Herren nur das Beste zukommen: »Das Wohlergehen und die Entwicklung dieser Völker bilden eine heilige Aufgabe der Zivilisation«.

Die Mandatsvölker bzw. -gebiete wurden in drei Typen eingeteilt: A) in »Gemeinwesen«, denen man die Fähigkeit zu baldiger Unabhängigkeit zutraute. Das waren die ehemaligen Vasallen des türkischen Sultans; B) in Völker, deren Verwaltung der Mandatar übernimmt. »Doch ist dies an Bedingungen geknüpft. Außer der Abstellung von Missbräuchen, wie Sklaven-, Waffen- und Alkoholhandel, muss Gewissens- und Religionsfreiheit lediglich mit den Einschränkungen gewährleistet sein, die die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der guten Sitten erfordert.« Das traf nach Meinung der Verfasser dieses Abschnitts des Vertrags insbesondere für die mittelafrikanischen Völker zu; C) in »Gebiete wie Südwestafrika und gewisse Inseln des australischen Stillen Ozeans, die [...] wohl besser verwaltet werden können als nach den Gesetzen des Mandatars und als integrierender Bestandteil seines Gebiets«. Die Einstufung unter B) und C) galten für die früheren deutschen Kolonien, die unter dem Mandatsregime des Völkerbunds das blieben, was sie unter deutscher Herrschaft waren: ausgepowerte und gequälte Kolonien, nunmehr unter anderen Kolonialherren.

Die Mandatare hatten jährlich an einen ständigen Ausschuss des Völkerbunds einen Bericht über die Erfüllung ihrer Verpflichtungen abzuliefern, »handelten ansonsten aber nach eigenem Gutdünken«. Der Völkerbundrat hatte über alle Fragen der Ausführung der Mandate sein Gutachten abzugeben. Es kann nicht die Rede davon sein, dass sich durch dieses Regime viel zum Besseren in den ehemals deutschen Kolonien gewendet hätte.

Wilson, Clemenceau, Lloyd George und Orlando verteilten die deutschen Kolonien wie folgt: Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) gingen an die Mandatare Großbritannien und Belgien. Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) wurde der Südafrikanischen Union zugewiesen, Kamerun und Togo Großbritannien und Frankreich, Deutsch-Neuguinea (heute zu Papua-Neuguinea gehörend) Australien.

Gebietsverluste

Die Gebietsverluste waren wohl die spürbarsten Kriegsfolgen für das Deutsche Reich. Zu Grenz- und Territorialfragen gab es im Versailler Vertrag den Teil II »Deutschlands Grenzen« mit den Artikeln 27 bis 30. Es folgten im Teil III »Politische Bestimmungen über Europa« mit den Artikeln 31 bis 117. Mehr als die Hälfte des Versailler Vertrags war Grenzverschiebungen gewidmet. Die benachbarten Siegerstaaten waren vor allem an Gebieten mit Bodenschätzen, an Industrieanlagen, landwirtschaftlichen Nutzflächen und Infrastruktur interessiert. Und natürlich an deutschen Arbeitskräften. Das Deutsche Reich umfasste vor dem Weltkrieg eine Fläche von 540.000 Quadratkilometern, – danach waren es noch 474.000. Aufgrund der territorialen Abtretungen ging die Einwohnerzahl in Deutschland von 64,3 auf 60,9 Millionen zurück. Teil II, Artikel 27, Ziffer 1 bis 7, enthielt die Festlegung der Nachkriegsgrenzen zu Belgien, Luxemburg, Frankreich, der Schweiz, Österreich, der Tschechoslowakei, Polen und schließlich Dänemark. In Artikel 28 wurde das Territorium des damals noch zu Deutschland gehörigen Ostpreußen bestimmt. Polen bekam Teile Ostpreußens und Ostschlesiens zugesprochen sowie einen Zugang zur Ostsee in Gdingen/Gdynia.

Frankreich erreichte infolge der deutschen Niederlage eines seiner Hauptkriegsziele – die Wiedergewinnung Elsass-Lothringens. Die Region war 1871, nach dem Deutsch-Französischen Krieg, zu einem deutschen Verwaltungsgebiet erklärt und als »Reichsland« unmittelbar dem Kaiser unterstellt worden. Die Annexion wurde rückgängig gemacht, auch wenn im Versailler Vertrag nichts dergleichen geregelt war; der Anspruch Frankreichs blieb unbestritten.

In einer Reihe von Fällen war im Versailler Vertrag eine Volksabstimmung vorgesehen, ob ein deutsches Gebiet bei einem Nachbarstaat verbleiben sollte oder erneut Teil des Reichs werden sollte. Der spektakulärste Fall betraf das Saarbecken. Dieses Gebiet wurde nach Artikel 49 des Versailler Vertrages formell einer Kommission des Völkerbunds unterstellt, praktisch geriet es unter französischen Einfluss. Festgelegt wurde allerdings, dass nach 15 Jahren ein Referendum stattfinden müsse, bei dem sich jeder abstimmungsberechtigte Teilnehmer »für diejenige Staatshoheit zu entscheiden hat, unter welche er zu treten wünscht«. Dieses Votum fand am 13. Januar 1935 statt. Das Ergebnis war für die Hitlergegner niederschmetternd: 90,8 Prozent der Teilnehmer wollten ins faschistische Deutsche Reich. Lediglich 8,8 Prozent votierten für den Verbleib bei Frankreich und 0,4 Prozent wollten unter der Regierung des Völkerbundes bleiben.

Nordschleswig ging 1920 per Volksabstimmung an Dänemark, nur 25,1 Prozent der Teilnehmer wollten in Deutschland bleiben. Im März 1921 votierten 59,6 Prozent der abstimmungsberechtigten Oberschlesier für den Verbleib bei Deutschland, immerhin 40,4 Prozent wollten jedoch, dass ihr Gebiet polnisch würde. Im Juli 1920 fanden in West- und in Ostpreußen territoriale Abstimmungen statt. Im Gebiet Marienwerder (heute Kwidzyn) entschieden sich 92,8 Prozent für Deutschland. Im Gebiet Allenstein (Olsztyn) und in Teilen Ermlands waren es 97,9 Prozent. Die Provinz Posen (Poznan) hingegen wurde polnisch.

Die Tendenz unter den Deutschen war unverkennbar: Wenn eine Entscheidung möglich war, wollte man lieber in Deutschland leben, egal, wie die politischen Verhältnisse dort waren.

Anmerkung

1 Vertragstext im folgenden zitiert nach: Versailler Vertrag, Friedensvertrag zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten, Reichsgesetzblatt Jahrgang 1919, S.
687 bis 1349; Wortlaut auf: http://www.documentarchiv.de/wr/vv.html

Gregor Schirmer: Der Vertrag von Versailles und andere Friedens- und Unfriedensverträge, Verlag am Park, Berlin 2019, 122 Seiten, 12 Euro

Gregor Schirmer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. November 2018 zum »Charakter der realexistierenden EU«.

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