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Aus: Ausgabe vom 25.06.2019, Seite 12 / Thema
Vergessene Künstler

Von erstaunlichem Talent

Vor zehn Jahren starb der Schriftsteller Jochen Berg
Von Stefan Amzoll
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Jochen Berg als bildender Künstler: Ohne Titel, Öl auf Presspappe, 80 x 100 (vermutlich Mitte der 1970er Jahre). Der dargestellten Unbilden und Düsternisse der Zeiten wegen schlägt der Autor Stefan Amzoll den Titel »Apokalypse« vor

»Der Versuch der Barbarei

zu entkommen ist gescheitert.

Die nächsten Partituren benötigen kein Papier.«

Jochen Berg

Jochen Berg? Wer ist das? War das nicht einer, der die alten Griechen und Römer verehrte und die heillosen, unauflösbaren Kollisionen der Aischylos, Sophokles und Euripides höher schätzte als alles, was die nachfolgende Dramenhistorie hervorbrachte? Der seine Gedanken enthüllen wollte, statt sie zu verbergen, und zeitlebens nur geringe Räume dafür fand? Der von den Früchten seines Geistes kosten lassen wollte, obwohl sie manchen nicht schmeckten, und dessen Ranküne wider die gewöhnlichen Regeln und den Common sense in der Kunst erst dann ins Leere liefen, als die Leere zur allgemeinen Räson geworden war?

Bleicherode, Alte Kanzlei, 25. Mai 2019. Ausstellung »Jochen Berg (1948–2009) – Theaterdichter, Querdenker, Zeichner aus Bleicherode – Einblicke in Leben und Werk«. Sie zielt auf Leben und Werk eines in der Region noch Unbekannten. Dessen Eltern und Großeltern, Tanten und Onkel sind längst gestorben. Die Bergs in der Stadt existieren nicht mehr. Dass Jochen früh weggegangen ist und selbst längst gestorben, genau heute vor zehn Jahren, wer ahnte das schon unter den Bewohnern? Es soll endlich Wissen einkehren über ihn in die Trübsal, die im Ort herrscht, daran dachte wohl der Kurator Manfred Machlitt, verantwortlich für Konzeption, Texte und Ausführung der Schau, bevor er die Arbeit begann. Er wollte ein Exempel statuieren. Und das gelang.

Die Stadt Bleichrode weiß nun, auf welchen ihrer einstigen Bürger sie sich besten Gewissens berufen kann: nämlich auf einen integren, in Berliner Kreisen hoch geschätzten, zu DDR-Zeiten oft genug als verdächtig geschmähten Künstler.

Der Gang durch die drei Räume öffnet den Blick auf ein wechselvolles Leben und Schaffen. Anzuschauen sind Bilder, Zeichnungen, Plakate, eine ausführliche Zeittafel, diverse Fotos, daneben Stückentwürfe, Stasiunterlagen in Kopie, hingeworfene Notizen – nach Zeit, Ort und Geschehen geordnet. Ein betagter CD-Player ermöglicht das Nachhören von Tonbeispielen. Jochen Berg schuf in besten Tagen neben antikisierenden Dramen auch Radiofeatures, Kollektivproduktionen zum Beispiel über die Beatles und die Stones. Nicht unwichtig: In allem auch schön anzusehen ist, was die Ausstellung an Farbe und Form strukturiert. Schönheit als Wesenskategorie der Kunst bezweifelte Berg keineswegs. Bilder von ihm sind oft dunkel getönt, sie wirken gleichwohl schön und in nicht geringer Zahl zugleich abgründig. Bildkunstwerke, von denen noch die Rede sein wird, sind der große Trumpf der Ausstellung. Auf produktiver Wechselwirkung beruhte die Freundschaft mit dem Schriftsteller und Grafiker Frank Töppe (1947–1997). Dieser war zusammen mit dem Dichter in Bleicherode groß geworden.

Kurator Manfred Machlitt, über viele Jahre enger Freund und Vertrauter des Dichters, teilt die Schau in vier Abschnitte: 1. Jugend und Kindheit in Bleicherode. 2. Die Berliner Jahre vor der Wende – Der Stückeschreiber ohne Aufführungen. 3. Der autodidaktische Maler und Zeichner. Theatererfolge an westdeutschen Bühnen. 4. Schwere Zeiten nach der Wende, Berg als Aphoristiker. Erstaunlich die Mannigfaltigkeit des Ganzen auf engem Terrain. Zur Ansicht stehen neben dem schon Genannten Manuskripte seiner Theaterstücke, Erzählungen, Filmskripte, Gedichte, sodann persönliche Lebenszeugnisse, Fotos der Kindheit, Jugend, des reifen Alters, Aufnahmen von Mitgliedern des Freundeskreises und von Frauen, denen der Dichter nahe war. Auf Tischen und in Vitrinen Veröffentlichungen seiner Texte. Sehr augenfällig die Theaterplakate von Aufführungen am Staatstheater Stuttgart, Kunstbücher des Malers Strawalde nach Berg-Texten, Heike Stephan und Kerstin Heller zu Gedichten Bergs, die Ausgabe der Kurzoper »Die Engel« des Steidl-Verlags mit Siebdrucken des Malers A. R. Penck, Bühnenbildfotos des Malers und Fluxuskünstlers Wolf Vostell zu Bergs »Phönizierinnen«. Hohe Farbigkeit und Produktivität enthüllt all das.

Die Stadt könnte nun teilhaben etwa an Fragen, was Jochen Berg veranlasste, Bleicherode zu verlassen und nach Berlin zu gehen, was ihn bewog, ein Dichter zu werden, der die Welt mit ureigenem Blick anschaute und sich von niemandem etwas vormachen ließ. Optimal, würde daraus eine Ahnung erwachsen, welch erstaunliches Talent der Mann besaß, dramatische Konflikte sprachlich geschliffen zu bauen, philosophisch untersetzte Konflikte, die weit in die Gegenwart weisen. Es lohnte, die Dramenabdrucke einmal aufzuschlagen, um sich selbst ein Bild zu machen.

Kulturvoll gibt sich der Ort. Im Seitenflügel der Alten Kanzlei steht am Eröffnungstag gleichzeitig eine Schau mit Werken von Ernst Barlach zur Ansicht, kurioserweise alles Kopien. Man will mithalten. Thüringen gilt als »Kulturlandschaft«, allerdings mit weißen Flecken: Jochen Berg. Nachmittags wird im Hof zum Fest gerufen. Vertreter der Stadt, junge wie ältere Bewohner versammeln sich. Thüringer Bratwurst wird gereicht, Bier, Wein. Musiker des traditionsreichen Loh-Orchesters unter seinem Chefdirigenten Daniel Klajner, einem Schweizer, spielen Märsche, arrangierte Songs der populären US-Musik und Böhmische Polkas. Dazwischen Ansprachen. Bürgermeister Frank Rostek (CDU), um die fünfzig, keineswegs verlegen, kommunale Probleme anzusprechen, gibt sich volksverbunden. Er weiß freilich, wieviel noch zu tun ist, die Stadt aus der Talsohle herauszuführen. Was Rostek nicht sagt, weil es alle wissen: Kalibergbau, Lebensgrundlage der Stadt, war einmal, vor 30 Jahren überrannt von der Industrie West. Hoch ragen die nackten Abraumberge. Wie vielerorts im Osten wirtschaftlicher Notstand, auch in Bleicherode, hohe Arbeitslosigkeit, ungebrochener Bevölkerungsschwund, Pendler en masse, die AfD verbucht um die 20 Prozent (Europawahl). Sehr augenfällig das Elend im Stadtzentrum: neben alten, edelsanierten Gebäuden kaputte Läden und verfallene Wohnhäuser. Bald jedes zweite Haus steht leer. Kein Mann (Frau), auf gute Geschäfte aus, verirrte sich darin.

Welch Glück, die Ausstellung, mit angeregt und organisatorisch begleitet von Günter Leukefeld, dem Leiter der Bibliothek, wird angenommen. Honoratioren der Stadt, darunter die Sparkassen-Chefin, staunen nicht schlecht über das hohe Niveau und die Substantialität des Gebotenen. Bürgermeister Rostek verspricht generös, einige Arbeiten von Berg in die städtische Bibliothek stellen zu lassen.

Der Kurator und sein Gegenstand

Hält sich der tote Sohn versteckt in dunklen Hinterhöfen? Seine Entdeckung erfolgte, als hätte sich der Kurator selbst auf neue Weise wiederentdeckt. Beider Lebenswege ähneln sich nämlich, sie führen über Klippen, überkreuzen sich, verlaufen abschüssig und niemals geradlinig. Beide litten lange Zeit unter der Stickluft von Institutionen, die ihnen Gehälter zahlten. Leute dort bezichtigten sie als Unbelehrbare und waren doch selber unbelehrbar. Berg als Hausautor im Theaterbetrieb, Machlitt als Mitarbeiter in Einrichtungen der Musik. Die Zeitenwende bedeutete für beide einen Bruch. Bergs künstlerische Bemühungen verloren sich im Nichts, dem Kurator eröffnete sich hingegen ein neues Betätigungsfeld.

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Jochen Berg, geboren am 25. März 1948 in Bleicherode, Thüringen, gestorben am 25. Juni 2009 in Berlin, bei einer öffentlichen Lesung Mitte der 1970er Jahre

Manfred Machlitt stammt aus Nordhausen, studierte Musikwissenschaft an der Humboldt-Uni in Berlin, arbeitete einige Jahre als Redakteur im Musikrat der DDR, danach als Heizer an der Volksbühne Berlin. Eberhard Fensch, seit den 70er Jahren Stellvertretender Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda beim ZK der SED (verantwortlich für Fernsehen und Rundfunk), holte ihn heraus aus dem Keller hinein ins DDR-Fernsehen (Redaktion Musik). Jahre zuvor hatte derselbe Mann Jochen Berg, seinem Schwiegersohn, den Fortbestand seiner Stelle als Hausautor am Deutschen Theater Berlin gesichert. Manfred war dann an der Akademie der Künste der DDR als Producer für Konzerte und elektronische Musik beschäftigt, eine für ihn sehr zufriedenstellende Tätigkeit. Eigentlich eine Lebensstellung, aber er wollte frei und unabhängig arbeiten, kündigte die Stelle, gründete ein Tonstudio in Berlin und musizierte im In- und Ausland als Geiger, Synthesizer-Spieler und Elektroniker in einer Gruppe aus Computermusikern. Er ist heute siebzig Jahre alt und lebt seit 2013 im Thüringischen Liebenrode. Bis zu dessen Tod am 25. Juni 2009 blieb er Jochen Berg aufs engste verbunden.

Wohl wissend, wieviel Wertvolles noch schlummert, kümmerte er sich um den Nachlass des toten Freundes. Vollkommen ungeordnetes Material fand er in dessen Wohnung in Prenzlauer Berg vor. Jochen Bergs Erbe ist umfangreich und nicht nur auf das Inventar seiner letzten Wohnung beschränkt. Freundinnen und Freunde von ihm besitzen wichtige, abrufbare Zeugnisse. Das Gros an Stücken, Hörspielen, Gedichten, Prosaarbeiten, Essays, Pamphleten, Briefen, auch Kassetten und Tonbändern liegt im Jochen-Berg-Archiv der Akademie der Künste Berlin. Der Rest aus Bergs privatem Besitz befindet sich in Obhut des bevollmächtigten Nachlassverwalters und zugleich Kurators der Bleicheröder Ausstellung. Machlitt glaubt, die Zeit sei reif, mindestens die hochentwickelten Dramen des Dichters nach antiken Stoffen, namentlich »Die Phönizierinnen des Euripides« (Drei-Masken-Verlag 1981) und die »Tetralogie« (Edition Vogelmann im Erb-Verlag 1985), wiederzuentdecken. Modelle hierfür ließen sich beim Wuppertaler und Stuttgarter Schauspiel abrufen. Beide staatlichen Bühnen führten in den 80er Jahren die dramatischen Dichtungen von »Niobe« bis »Im Taurerland« erfolgreich auf. Die Ausstellung gibt darüber beredt Auskunft.

»Apokalypse« – der Maler Berg

Zum Fundus zählen auch jene mehr als 200 Acryl- und Ölbilder, daneben Hunderte Bleistiftskizzen, Federzeichnungen, Arbeiten in Mischtechnik, auch übermalte Polaroid-Fotografien. Einen Teil davon bewahrt Bergs Sohn Johannes in Bertikow/Uckermark auf. Fast durchweg unbekanntes, unveröffentlichtes Material, durchaus geeignet für repräsentative Ausstellungen in Berlin oder Dresden. Als Maler war Berg nicht schlechter als sein um vier Jahre älterer, aus Sangerhausen stammender Kollege Einar Schleef (1944–2001), dessen bildnerische Arbeit breit bekannt wurde. An die dreißig Arbeiten, inklusive Zeichnungen in Mischtechnik sind in der Bleicheröder Ausstellung zu sehen. Sie markieren den biographisch höchst spannenden Zeitraum der 60er, 70er Jahre. Berg findet in der Spanne Anschluss an Ostberliner Theaterkreise und schärft sein künstlerisches Handwerk.

Biographische Entwicklungen sind dank der umfangreichen Recherchen Manfred Machlitts allemal erkennbar. Auch viele interessante Details hat der Ausstellungsmacher ans Licht gebracht. »Malen bis zum Schluss« steht auf einem der Zettel aus letzter Zeit. Machlitt: »Jochen Berg zeichnete und malte seit der Kindheit. Eine Kunstakademie hat er nie besucht, lernte aber mit etwa 13 Jahren im Zeichenzirkel Bleicherode die verschiedensten Techniken – von Tusch- und Federzeichnung bis zu Acryl- und Ölmalerei. Außerdem hatte er viele malende Freunde und Freundinnen, von denen er sich Anregungen holen konnte – Frank Töppe, Ulrich Reimkasten, Jürgen Böttcher (Strawalde), Gerd Sonntag, Kerstin Heller, Heike Stephan.«

In Berliner Clubs, darunter im Künstlerclub »Die Möwe« stellt er eigene Ölbilder und Zeichnungen aus. Seine Grafikproduktion knüpft an die Sprachblätter von Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg an und bleibt bis zuletzt »ein wichtiges Mittel des Selbstausdrucks« (Machlitt). Anders die Gemäldeproduktion, sie reicht bis Mitte der 70er Jahre. Monet, Picasso, Chagall, Matisse, Surrealisten wie Max Ernst, Dali, Miro schauen aus ihr, verdrängen aber keineswegs die Eigenmomente. Besonders eindringlich das obenstehende Bild ohne Titel und Jahr. Es könnte nach Hieronymus Boschs »Musikantenhölle« »Apokalypse« heißen. Jenes »Way one« und die vielen ziellos kreisenden Pfeile aus dem Nirgendwo weisen in die Unwetter und Düsternisse der Zeiten.

»der schmeichler vom Schlachthof«

Geboren am 25. März 1948 – Fotos der frühen Kindheitsjahre zeigen die Not der Zeit, auf einfachste Lebensverhältnisse war die Familie geworfen –, suchte er schon im frühen Jugendalter nach individuellem Ausdruck, schrieb Verse und Kurzgeschichten, Glossen, Einakter, Hörspiele und Spielfilmszenarien. Was ist das, Welt? Alpdruck, Nacht, Traum? Der scharf denkende, seine Freundeskreise bezwingende Jochen Berg begnügte sich nie mit Einzelerscheinungen, er wanderte wie die hellsichtigen Dichter auf Horizonten. Es gehe darum, »wie die Welt geartet ist«. Eine Filmidee nannte er »der schmeichler vom Schlachthof« (1975). Die lustige Geschichte sei etwas näher beschrieben: Der zwar zart gebaute, aber zähe junge Schlachthofarbeiter, von Frauen ob seines Berufs gemieden, träumt darin von einer großen Erfindung. Die offenbart sich dem Schlafenden als ein Gerät, das den Tieren, bevor sie tot hängen, das Blut absaugt. Also kein Strahl Blut mehr vor den Augen. Er führt das Ding erfolgreich vor und gilt fortan im Kollektiv als Begründer des Schlachthumanismus. Hofiert und hochgeehrt, entsteht aus der Idee ein neues Schlachthaus. »Eine einzigartige Komposition«. Der Schlachthof wird zum Stilleben, und die Schlächter wirken wie Künstler, Bildhauer. Die Arbeitsproduktivität steigt rasant. Der Erfinder wird noch höher geehrt, und sein Frauenproblem ist beseitigt. Er heiratet, soll von der Partei eine Neubauwohnung verpasst bekommen. Aber er weigert sich. Man wolle ihn in ein Klischee pressen, wo er nicht hingehöre. Mit einem Freund nimmt er Reißaus. Aber der Schlachthof erhält Nachricht davon, und um nicht in Misskredit zu geraten, deklariert die Leitung die Reise als Dienstreise. Plötzlich werden die beiden überall mit Girlanden und Blasmusik willkommen geheißen. Um nicht erkannt zu werden, maskieren und verkleiden sie sich. In der Dorfkneipe schließlich erkennt ihn ein begieriges Mädchen: »Komm herunter zu meinen Brüsten.« In dem Moment sieht er verschwommen, wie einer vom Schlachthof ein totes Schwein sticht und ein Blutstrahl direkt auf ihn zukommt. Seine Kollegen um ihn herum stoßen schließlich ein langes, schallendes Lachen auf den Blutüberströmten aus. Ende. Reichlich ein Dutzend solch phantastischer, extreme Lebenslagen nicht aussparende Filmideen bot er der Defa an. Die wies sie mit fadenscheinigen Begründungen zurück. Der hoffnungsvolle Dichter, so benannt in Literatenkreisen um Volker Braun und Armin Stolper (beide bürgten für ihn zur Aufnahme als Kandidat in den Schriftstellerverband), fiel als Person (»schräger Vogel«) und Künstler aus dem Filmbetrieb heraus.

Das Verhältnis zur DDR

Solches Ignorantentum verstärkte den Pessimismus des Autors. Er wollte an sich in Ruhe seiner Arbeit nachgehen und heiter in die Welt blicken, konkret, sie wie alle Dichter der Zeiten für sich entdecken, nicht nur die gestattete Seite der Welt, und wenigstens einen Teil original wahrnehmen: das Frankreich der Toulouse Lautrec, Valery, Sartre, Spaniens Reichtum von Lope de Vega über Goya bis Lorca, das Italien des Pirandello, Fellini und D’Annunzio, die schreibende angelsächsische Jugend um Jack Kerouac und Dylan Thomas, US-Barden wie Truman Capote, E. E. Cummings und Jerome D. Salinger. Weltkunst, an der er seine libertäre Gesittung trainiert haben dürfte. Die russisch-sowjetische Literatur, unerwähnt in den bis dato vorliegenden Papieren, blieb ihm offensichtlich fremd. An DDR-Literatur schätzte er allenfalls Heiner Müller, Lothar Trolle, Irina Liebmann. Mit letzteren und weiteren Mitstreitern wollte er 1976 eine autonome Bühne gründen, ein Theater der Autoren ohne jegliche staatliche Einflussnahme. Das Kulturministerium lehnte ab. Ein erweiterter Kreis suchte im September 1989 die Idee neu zu beleben, in Gestalt eines eigenen Theaterverlags, und gründete in Ostberlin das »Autoren-Kollegium«. Nach wenigen Jahren produktiver Arbeit musste es aus Geldnot schließen. 1988/89 hatte Jochen noch Dramaturgie-Seminare des Peter Hacks besucht, dessen Erörterungen in dem Buch »Maßgaben der Kunst« ihm sympathisch erschienen.

Jochen Berg wollte nie in den Westen ziehen, allein, die DDR schien ihm schlicht zu eng. Er wollte wie Hundertausende andere einfach reisen können, wohin er wollte. Seine Vorstellung sei die des »reisenden Weltbürgers im Dienste der DDR«, verriet er dem DDR-Kulturministerium. Herrlich der Satz: Da er jetzt dreißig Jahre lang die DDR kenne, brauche er nunmehr »Welterfahrung, um Weltanschauung zu gewinnen«. Mit einem Dauervisum, erstanden mit Hilfe seines Schwiegervaters, konnte er seit den 80er Jahren in den Westen fahren. Unsinn, ihn als Staatsfeind einzustufen, wie das die Stasi zeitweilig tat. Wie es scharfblickenden Dichtern und Denkern zusteht, löckte er wider den Stachel, was in seinem Fall völlig legitim war, den Stachel hatte man ja auch gegen ihn gekehrt. Seine Stasiunterlagen hat der Dichter belächelt. Das Amt beschnüffelte ihn, weil er gelegentlich auf Besuch etwa in der Ständigen Vertretung unter Günter Gaus und Hans-Otto Bräutigam reüssierte und Oppositionelle zu Hause in der Bergstraße in Berlin-Mitte empfing.

Der bald zornige, ungerechte, bald superfreundliche Jochen machte auch Vorschläge. In der Fabelskizze »Arkadien«, einer Komödie, legt er Apollon in den Mund: »Es muss ein Gesellschaftsvertrag her«, der die Probleme löst.

»Fremde in der Nacht«

Arge Enttäuschung für ihn die wenigen Inszenierungsversuche am Deutschen Theater, etwa von »dave«, offenbar besetzt mit den falschen Regisseuren (Werner Buhss, Ekkehard Dennewitz). Deren Naturalismus, sagt Manfred Machlitt, hätte auf keine seiner abstrakt-konkreten Sprachformen gepasst, was dann zwangsläufig zu Streitereien und Abbruch geführt hat. Einfache Logik: Je weniger das Deutsche Theater seinen Pflichten der Förderung nachkam – letztlich war sie gleich Null – und Bergs Stücke missverstand und ignorierte, desto freudiger griffen sie Westbühnen auf und trugen sie in die Öffentlichkeit. Endlich fand der Dichter Bestätigung. Die Westrezeption ist ein wesentlicher Punkt der Ausstellung.

Nur kurze Zeit glaubte Jochen Berg, nach der Zeitenwende würde es ihm als Autor grundsätzlich besser ergehen. Heiner Müller bot ihm 1990 an, den Brechtschen »Glücksgott«-Stoff, an dem Müller selbst und Paul Dessau sich schon die Zähne ausgebissen hatten (eine Oper sollte daraus werden), neu zu fassen, was nicht ging. Immerhin kam davon eine Art Improvisation/Performance mit Uli Gumpert und Heike Stephan zu den Brechttagen 1992 auf die Probebühne des Berliner Ensembles. Titel: »Glücksgott Geschehen«. Im Kino Babylon gelangte gleichen Jahres sein Schauspiel »Fremde in der Nacht«, wohinein er seine ganze Kraft gelegt hatte, zur Uraufführung, sein erstes und einziges Stück nach der Wende. Frank Castorf inszenierte es widersinnig, schlampig, desaströs, mit Einblendungen von Denunziationsmaterial oberster Priorität (NVA-Regimenter marschieren, Honecker und Genossen winkend auf der 1.-Mai-Tribüne und dergleichen), inzwischen seit nunmehr 30 Jahren bis zum Erbrechen über die Bildschirme gejagt, so als hätten die Ostler immer noch nicht kapiert, was für Idioten sie waren.

Der Missgriff legte den Schreibantrieb des Autors fast lahm. Dem eigenen Dasein neuen Sinn zu geben, entschloss sich Jochen Berg, an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle als Lehrbeauftragter für Ästhetik Studierende zu unterrichten (1995 bis 2000). Danach ging es abwärts. Er trank, der Körper schmerzte, Krankheiten drohten ihn zu zerstören. Und sie taten es. Seine dichterische Produktion erschöpfte sich bis zuletzt in kleinteiligen Formen und resignierenden Reflexen auf eine wankende, ungestaltete Welt. 1996 notierte er: »Uns interessierte kaum das Fliegen und Autofahren, die lieben Sterne und die Mondfahrt kaum, die totale Vernichtung der Erde (im Ziel hat der Sieger seine Aufgabe erfüllt).« Und schließt mit den Worten: »Wenn das Leben nicht wär, wär vieles getan.«

Zum Abschluss der Jochen-Berg-Ausstellung in der Alten Kanzlei Bleicherode findet am 25. Juni, um 18.30 Uhr, eine Lesung von Werken des 1948 im Ort geborenen Dichters und Zeichners im Lesecafe der Stadtbibliothek Bleicherode statt.

Stefan Amzoll ist Musikwissenschaftler, Autor und Publizist.

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