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Aus: Ausgabe vom 24.06.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Erinnerungen an HIV-Epidemie

Dunkle Zeit unvergessen

Vom Trauma einer ganzen Generation schwuler Männer: Martin Reichelt skizziert einfühlsam die Geschichte von HIV und AIDS in der BRD
Von Markus Bernhardt
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»Ich habe HIV«: Offizielle Kampagne gegen Diskriminierung von Infizierten (Stralsund, 27.11.2013)

In der Bundesrepublik war neben der staatlichen Verfolgung nach Paragraph 175 StGB eines der Grundübel, unter denen vor allem schwule und bisexuelle Männer zu leiden hatten, die Immunschwächekrankheit AIDS. Seit Anfang der 1980er Jahre infizierten sich vor allem Männer, die Sex mit Männern haben, mit dem HI-Virus, in dessen Folge AIDS ausbrach. Schätzungen des »Gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen für HIV/AIDS« (UNAIDS) verstarben bisher insgesamt mehr als 39 Millionen Menschen an der Krankheit.

Damals endete eine Infektion mit dem HI-Virus auch hierzulande stets tödlich. Mittlerweile hat sie sich zu einer gut behandelbaren chronischen Krankheit entwickelt – sofern sie früh genug erkannt wird. Darin liegt auch ein Grund, warum eine Ansteckung heutzutage vor allem unter Jüngeren ihren Schrecken verloren hat. Die Älteren hingegen erinnern sich noch heute in ihrer übergroßen Mehrheit an die Sorgen und Ängste, die sie infolge von sexuellen Kontakten umtrieben: Die Infektion war ein Todesurteil.

Bis zum Tod mussten die Betroffenen nicht nur mit Begleiterscheinungen der Krankheit wie Fieberattacken, Lungenentzündungen und Gewichtsabnahme kämpfen. Das Kaposi-Sarkom, eine vor allem im Zusammenhang mit AIDS auftretenden Krebserkrankung, brandmarkte Betroffene aufgrund der schwarzen Hautverfärbungen.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch der 1973 geborene Journalist und Autor Martin Reichert in seinem Buch »Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik«. Eindrücklich beschreibt er darin, wie sich die Krankheit auf die Lebens- und Alltagsrealität schwuler und bisexueller Männer auswirkte, die in den 1980er und 90er Jahren mit großem Abstand zu den Hauptbetroffenen gehörten. Hinzu kamen gesellschaftliche Anfeindungen, Hasskampagnen und nicht selten auch die von etablierten Politikern erhobene Forderung, HIV-Infizierte in gesonderten Lagern zu internieren. Es war immerhin der heutzutage amtierende Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der damals forderte, an AIDS Erkrankte »in speziellen Heimen« zu »konzentrieren«. Assoziationen zu den »Konzentrationslagern« der Nazis liegen nahe.

Für mindestens eine Generation von schwulen Männern war die damalige Zeit eine, die schwere Traumatisierungen hinterlassen habe, schlussfolgert auch Reichert. »Ihre Erlebnisse haben die meisten von ihnen jedoch fest in einer Kapsel verschlossen, die sie mit sich herumtragen, samt all den Erinnerungen an jene dunkle Zeit«, konstatiert er.

Dem Redakteur der Tageszeitung (Taz) ist es zu verdanken, dass die Erinnerungen an die dunkle Zeit wachgehalten werden. Reichert hat dabei kein banales Sachbuch vorgelegt, sondern lässt verschiedene Persönlichkeiten zu Wort kommen, die ihre Erinnerungen, Sorgen und Ängste, all die Scham sowie die menschlichen Verluste schildern, welche ihr jeweiliges schwules Leben geprägt haben. So der renommierte Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, der Journalist Jan Feddersen oder Wieland Speck, von 1992 bis 2017 Programmleiter der Sektion Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Auch die CDU-Politikerin Rita Süssmuth berichtet, die als Bundesgesundheitsministerin (1985 bis 1988) gegen den Willen ihrer Partei die Propagierung der Kondomnutzung durchsetzte und in jener bleiernen Zeit den Kontakt zu den Ausgegrenzten suchte – nämlich Schwulen, Prostituierten und Drogengebrauchern.

Zugleich zeichnet Reichert die Entstehung der Deutschen AIDS-Hilfe und damit der größten Selbsthilfeorganisation nach. Er beschreibt politische Auseinandersetzungen und Aktionen. Der Autor nennt die wenigen Menschen, die sich – wie etwa Schauspielerin Inge Meysel – mit HIV-Infizierten und an AIDS Erkrankten solidarisierten. Er beschreibt den Alten St.-Matthäus-Kirchhof, der in der Szene als »Schwulenfriedhof« gilt. Dort liegt seit 2011 nach seiner Umbettung der Sänger Rio Reiser ebenso begraben wie der Bruder von RAF-Mitgründerin Gudrun Ensslin, Gottfried Ensslin.

Reichelt hat ein sehr bewegendes Buch vorgelegt. Wem die Angst vor HIV und AIDS jemals real im Nacken saß oder wer Dutzende Freunde verlor – die zu Beginn der Epidemie einen elenden Tod starben –, kann vielleicht überhaupt nur den Wert dieses Buches erkennen. Der Autor hat den Verstummten, den Schweigenden und Traumatisierten ihre Stimme zurückgegeben. Und das kann nicht genügend wertgeschätzt werden.

Martin Reichert: Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 271 Seiten, 25 Euro

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