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Aus: Ausgabe vom 24.06.2019, Seite 8 / Ansichten

Wunde Punkte

Kriegserklärung im Cyberraum
Von Jörg Kronauer
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Friedensaktivisten vor dem Weißen Haus in Washington D. C. (20.6.2019)

Der nächste Krieg hat schon begonnen. Wieder ist es keiner, der die Standardwaffen militärischer Operationen nutzt – Bomben, Raketen, Artilleriemunition. Einen solchen Angriff auf Iran hat der US-Präsident am Donnerstag bekanntlich in letzter Minute abgeblasen. Neben dem Wirtschaftskrieg, der das Land mit beinharten Sanktionen in den Kollaps treiben soll, hat die Trump-Administration jetzt den Cyberkrieg gestartet: Glaubt man Berichten mehrerer US-Medien, dann hat das U. S. Cyber Command das iranische Computersystem lahmgelegt, mit dem der Abschuss von Raketen gesteuert wird. Vieles bleibt unklar – zum Beispiel, ob der Angriff den US-Kampfjets freie Bahn verschaffen sollte, die sich am Donnerstag ja bereits auf dem Weg zur Bombardierung iranischer Stellungen befanden, oder auch, ob die Cyberattacke ihr Ziel erreicht hat, und falls ja, wie lange die iranischen Raketen außer Gefecht bleiben. Klar ist allerdings: Die USA haben den Angriff nicht dementiert. Damit haben sie Iran de facto offiziell den Cyberkrieg erklärt.

Und jetzt? Legt man westliche Standards an, dann wäre ein iranischer Gegenschlag zu erwarten. Die Bundesregierung hat 2018 bestätigt, Cyberattacken könnten als ein »bewaffneter Angriff« im Sinne der UN-Charta gewertet werden; darauf dürfe man »mit allen zulässigen militärischen Mitteln reagieren«. Die NATO hat schon im Jahr 2016 Cyberattacken zu einem möglichen Auslöser für den sogenannten Bündnisfall erklärt. Das heißt natürlich nicht, dass Teheran jetzt seinerseits den Cyberkrieg eskalieren müsste. An transatlantischen Maßstäben gemessen, wäre freilich damit zu rechnen. US-Stellen warnen schon, man registriere zunehmend »bösartige« iranische Cyberaktivitäten, die sich nicht nur gegen die US-Regierung, sondern auch gegen Unternehmen richteten. Denkbar seien nicht zuletzt Hackings, die den globalen Erdölmarkt träfen – also den wunden Punkt auch der westlichen Welt.

Welches Eskalationspotenzial ein Cyberkrieg beinhaltet, darüber hat erst vor wenigen Tagen die New York Times berichtet. Demnach ist das U. S. Cyber Command nicht nur in der Lage, Computersysteme feindlicher Streitkräfte lahmzulegen. Es kann darüber hinaus etwa die Stromversorgung gegnerischer Staaten komplett abschalten. Spätestens dann wäre die Zivilbevölkerung schwer getroffen. Mit Todesopfern wäre beispielsweise in Krankenhäusern zu rechnen, deren Gerät nur eingeschränkt in Gang gehalten werden könnte. Die Mär vom »sauberen« Cyberkrieg, der nur das feindliche Militär außer Gefecht setze, ist ebenso eine Lüge wie die Legende von den »Präzisionsschlägen«, die lediglich militärische Ziele träfen. Das teilt er übrigens mit dem Wirtschaftskrieg, der gleichfalls viele Menschenleben kostet, da er die Versorgung blockiert – etwa in Syrien, in Venezuela und inzwischen auch wieder in Iran.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Erfolgloser Cyberangriff DDie USA unternahmen eine geheime Cyberattacke gegen den Iran. Cyberangriff bezeichnet die hochtechnisierten Formen eines Krieges im Informationszeitalter, die auf einer weitgehenden Digitalisierung u...

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