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Aus: Ausgabe vom 24.06.2019, Seite 2 / Inland
Streik bei »Zara« in Frankfurt/Main

»Es soll keine Einzelkämpfer mehr geben«

»Prekärlab«-Gruppe in Frankfurt am Main organisierte erfolgreich spontanen Streik in »Zara«-Filiale. Ein Gespräch mit Harald Rein
Interview: Gitta Düperthal
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Streikaktion der Gewerkschaft Verdi im Einzelhandel (München, 21.6.2019)

Mitte des Monats haben die Beschäftigten einer Filiale der Modekette »Zara« in Frankfurt am Main auf besondere Weise gestreikt. Wie wurde vorgegangen?

Es war ein überraschender, nicht angemeldeter Streik. Die Geschäftsführung bei Zara hatte nicht damit gerechnet. Samstag mittag – zu einer Zeit, wo es weh tut – hat Verdi die Schicht zum Streik aufgerufen. Wir anderen sind in den Laden rein und haben mit Improvisationstheater die Lage im Einzelhandel nachgestellt, etwa wie an der Kasse oder im Lager gearbeitet wird. Wir haben Konsumenten darüber in Gespräche verwickelt und im ersten Stock der Filiale gesungen. Verdi hat die Beschäftigten aufgefordert, die Kassen dichtzumachen, und Streikwesten an Mitarbeiterinnen verteilt. Vor dem Laden auf der Frankfurter Zeil gab es eine Kundgebung.

Wir haben uns in den Eingang gestellt und versucht, Leute davon zu überzeugen, dass es unsolidarisch ist, während des Streiks dort einzukaufen. Teilweise gelang das auch. Versammelt waren Aktive aus Erwerbslosengruppen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Beschäftigte aus dem Pflegebereich, von Amazon etc. Leute von TIE, der Transnational Information Exchange (Transnationale Informationsbörse, jW), haben über die Arbeit in Zulieferbetrieben in Pakistan und Indien aufgeklärt. Zwei Drittel der an den Kassen eingesetzten sogenannten Zaraistas haben gestreikt, insgesamt etwa 25 Mitarbeiterinnen.

Was ist anders bei einer Streikaktion, wenn Prekäre, Geflüchtete und Erwerbslose dabei sind?

So ein Zusammenwirken schweißt gut zusammen. Die Stimmung war klasse. Oft wirken die Gruppen vereinzelt vor sich hin. Wir wollen sie zusammenbringen, damit sie ein Bild davon bekommen, wie die Ausbeutung der Arbeitskraft und das Erwerbslosendasein ineinander greifen.

Wer war an der Organisation beteiligt?

Rund 40 Personen. Wir hatten den Kreis extra klein gehalten, weil es sich um einen spontanen Streik handelte. Unser »Prekärlab« ist schon seit einigen Jahren in Frankfurt aktiv, um Menschen in prekären Verhältnissen zum Protest zusammenführen. Es soll keine Einzelkämpfer mehr geben, die dann auch einzeln geschlagen werden können. Wir sind ein Arbeitskreis von zu geringem Lohn Arbeitenden und anderen Prekären. Mit dabei sind Aktive von TIE, die sich engagieren, um Gewerkschaften im globalen Süden zu stärken. Ziel ist es, bessere Arbeitsbedingungen und Gehaltsforderungen gegenüber Zara hierzulande durchzusetzen sowie international Solidarität zu üben mit Näherinnen aus Bangladesch, die in Zulieferfabriken produzieren.

Weshalb bezeichnet sich Ihre Gruppe als »Labor«?

Unser Name lehnt sich an die in Italien entstandenen »Laboratories for a Social Strike« (Laboratorien für einen sozialen Streik, jW) an. Wir besprechen und organisieren solche Streiks gemeinsam und schöpfen aus den Erfahrungen, die wir alle im Lauf unseres Lebens mit Ausbeutungsverhältnissen gemacht haben. Wir unterstützen Verdi bei den Tarifauseinandersetzungen im Einzelhandel, laufen aber nicht hinterher oder tragen deren Transparente. Wir machen eigene Aktionen.

Wie hat die Geschäftsleitung der Zara-Filiale reagiert?

In der Regel ist es so, dass die in solchen Fällen ganz aufgeregt wird. Chefs übernehmen die Kassen, damit der Betrieb weitergeht. Im Zweifelsfall kommt es zu einem Transfer von Streikbrechern aus anderen Filialen. Bei Zara haben nach Streikausbruch die Chefs nicht nur Kassen übernommen, sondern auch die Polizei gerufen, weil wir die Türen blockiert haben. Die Beamten gingen aber wieder, weil wir an den Türen diskutiert haben. Wir sind nicht mit Gewalt, sondern mit Überzeugungskraft vorgegangen.

Hat einer der Chefs versucht mit Ihnen zu sprechen?

Nein. Die Zara-Zentrale ist dafür bekannt, dass die Mitarbeiter dort gut organisiert sind. Die Chefs wissen genau, dass sie da erst gar nicht reden müssen, weil die Auffassungen dazu, was geschieht, weit auseinander gehen. Sie haben es erst gar nicht versucht. An so einer solidarischen Front würde sowieso alles abprallen. Die Aktion war erfolgreich und soll in anderen Geschäften von H&M, Esprit und anderen weitergeführt werden.

Harald Rein ist Mitarbeiter des Frankfurter Arbeits­losenzentrums und Aktivist von »Prekärlab«

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