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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kalbsragout mit sechs Aromen

Von Ina Bösecke

»Gemeinsam wohnt man besser« (Frankreich 2016) von François Desagnat zeigt, wie man in Zeiten von rasant steigenden Mieten klarkommt. »Es gibt Studenten, die müssen sich prostituieren, und andere verkaufen ihre Organe, um ihre Zimmer bezahlen zu können«, sagt Manuela (Bérengère Krief) zu Hubert (André Dussollier). Hubert ist ein alter Witwer, der eigentlich eine Putzfrau engagieren wollte und nun eine muntere Studentin vor sich hat, die bei ihm einziehen will. Offensichtlich hat er den falschen Zettel vom schwarzen Brett genommen. Man kann sich vorstellen, was folgt: Manuela darf bei Hubert einziehen, sie wird das Herz des alten Kauzes erweichen; er wird seine Vorhänge aufziehen, Luft und Licht in die Wohnstube und in seine Seele lassen. Aus dem einsamen alten Herren wird ein mopsfideler Zeitgenosse, der auch mal sein gelbes Jackett anzieht und mit Manuela bis Mitternacht um die Häuser zieht.

Es passiert dann doch noch ein bisschen mehr im Film. Was ihn nicht unbedingt besser macht. Manuela überredet Hubert, zwei weitere Mitbewohner aufzunehmen. Warum das nun nicht die armen Studenten sind, die ihre Organe verkaufen müssen, um in Paris zu überleben, ist unklar. Statt dessen darf ein neurotischer Anwalt einziehen, dessen Frau sich gerade von ihm getrennt hat, und eine schüchterne Krankenschwester, die bestimmt auch nicht schlecht verdient. Die neue Konstellation bringt noch mehr Leben in die Bude, Hubert schafft es selten, am Morgen als erster auf dem Klo zu sein, und das Einschlafen vor dem Fernseher auf dem gemeinsamen Sofa fällt nun auch flach. Was passiert sonst noch so? Der Anwalt und die Krankenschwester verlieben sich, und Manuela fönt sich die Haare mit einem viel zu alten Fön. Der Film bringt trotzdem (etwas) Spaß, weil der tolle André Dussollier mitspielt, und etwas Anspruchsvolles kann man bei der Hitze ja eh nicht verarbeiten.

Das Aufblühen des einsamen Witwers zum geselligen Mitbewohner soll wohl auch die Wandlung seiner Ernährungsgewohnheiten unterstreichen. Als einsamer alter Mann isst er Fisch aus der Dose. Als geselliger Mensch lädt er seine Mitbewohner zum Kalbsragout ein, das er selber zubereitet. »Das kann er richtig gut«, meint Manuela anerkennend, die sonst eigentlich nur sich selber lobt.

Kalbsragout mit sechs Aromen: 800 g Kalbsschulter (entbeint und in Würfel geschnitten) mit Salz und Pfeffer würzen und mit einer Knoblauchzehe, einem Stengel frisch gehackter glatter Petersilie und einem Zweig frisch gehacktes Basilikum in eine Schüssel geben. Saft von einer Zitrone und einer Orange, abgeriebene Schale von einer Limette und einen EL Kreuzkümmelsamen zufügen und alles gut mischen. Das Kalbfleisch zwei Stunden marinieren, dabei gelegentlich rühren. Drei EL Olivenöl und 40 g Butter in einem Topf erhitzen. Das Fleisch abtropfen lassen, die Marinade aufbewahren. Das Fleisch in den Topf geben und unter ständigem Rühren fünf Minuten anbraten. Anschließend die Marinade zum Fleisch passieren, den Topf abdecken und alles 45 Minuten köcheln lassen, wenn nötig, etwas warmes Wasser zufügen.

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