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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Wahre Verantwortung

Zu jW vom 15./16.6.: »Schwarzer Kanal: Deutsche Helden nach Taiwan«

Mich erinnert John Vinocur vor allem an einen deutschen Beamten, den Bundespräsidenten und Pastor Joachim Gauck. Der missbrauchte den Verantwortungsbegriff ebenso wie Vinocur. Gerade als evangelischer Theologe muss er im Studium gelernt haben, Wörter auf die Goldwaage zu legen – und auch, dass Dr. Martin Luther die individuelle Frage, »ob Kriegsleute in seligem Stande sein können«, und die damit verbundene gesellschaftliche, ob es einen »gerechten Krieg« wohl geben könne, an sehr enge Voraussetzungen knüpfte. Da wir im 21. Jahrhundert leben, sollten wir Militär und dergleichen als kindisch und vorsintflutlich ansehen. Um neben Gaucks evangelischer auch die katholische Konfession zu würdigen, sei an die Organisation Pax Christi erinnert, die 1983 klar erkannte, dass Rüstung »auch im Frieden« tötet: höchst aktuell, da die Bundesregierung das absurde Bedürfnis des Herrn Jens Stoltenberg nach zwei Prozent des BIP für Destruktives devot erfüllen will – was dann für Entwicklungshilfe ebenso ausfällt wie für Ökologie, Infrastruktur und Soziales. Ja, natürlich unterhalten wir eine »nicht kämpfende« Armee: Das ist zumindest verantwortungsvoller als eine kämpfende! Und gewiss sind wir ein »unverbindlicher« Verbündeter: Das ist verantwortungsvoller, als irgendwelchen US-Größen oder französischen Postkolonialisten brav blökend hinterherzutrotten! Besser wäre es, sich von solchen militaristischen »Verbündeten« zu lösen: Mögen die im 20. Jahrhundert wiederholt auf der »richtigeren« Seite gestanden haben, so braucht das nicht immer so zu sein.

Bernhard May, Solingen

Klare Aufgabe

Zu jW vom 17.6.: »Tarnfarbe Grün«

Fassungslos blickte ich auf das Titelfoto. Lobbyverliebt, wie Cem Özdemir nun mal ist, war es keine wirkliche Überraschung, ihn irgendwann im aktiven Kriegstreiberdienst zu sehen. Spätestens seit dem Krieg in Jugoslawien wissen wir, dass die Grünen kein Friedensprojekt sind. Aber das scheint vielen Wählern der neuen hippen Grünen weniger bewusst zu sein. Ebenso wie ihre landespolitischen Entscheidungen in Baden-Württemberg, Hessen oder Rheinland-Pfalz. Dort, wo sie mitregieren, verlieren sie in Windeseile ihren rebellischen und ökologischen Charme und zeigen wie alle anderen Parteien, dass ihnen Geld, Macht und die Sicherung der »Tröge« wichtiger sind (…). Nun bereitet man sich also auf »Schwarz-Grün« vor, man möchte Stärke zeigen. Während Robert Habeck und Annalena Baerbock zwischen jungen, urbanen Menschen posieren und sich trotz ihrer aktiven Verweigerung beim Klimaschutz auf Länderebene als Helden für die »Fridays for Future«-Bewegung feiern lassen, fahren Özdemir und Tobias Lindner im Panzer durch den Schlamm und bewerben die »Helden« der »Heimat«. Allein bei der Sprache muss es Linke doch schon gruseln, oder?

Aber was macht meine Partei nach dem traumatisierenden Ergebnis bei den EU-Wahlen? Wir suchen den Fehler nicht bei uns, wir debattieren ernsthaft darüber, wie wir noch mehr von den Grünen lernen können. (…) Natürlich müssen wir Umweltschutz und Klima dringend in den Blick nehmen, es ist kurz vor zwölf! Es ist absolut richtig, die »Fridays for Future«-Bewegung zu unterstützen (…). Aber in Zeiten, in denen weltweit nach der Kündigung des INF-Vertrages wieder Atomwaffen modernisiert werden, in Zeiten mit massiven Truppenübungen auf dem europäischen Kontinent, in solchen Zeiten muss die einzige im Bundestag vertretene Friedenspartei ihr Profil schärfen und ihre Haltung zur immer schneller in Richtung Krieg drehenden Außenpolitik in den Mittelpunkt stellen. (…) Nun sind in Umfragen die Grünen auf dem Sprung, den kommenden Kanzler zu stellen, und ich sehe in die Zeitung und entdecke führende Köpfe dieser Partei, in Olivgrün gekleidet. Die Mainstream-Zeitungen erfreuen sich dieses Anblicks und nennen sie realpolitisch angekommen … Als sie das letzte Mal so sangen, sprachen sie vom »feldgrauen Ehrenkleid« und setzten Europa in Brand. Es dürfte klar sein, welche Aufgabe sich der Partei Die Linke als parlamentarischem Arm der Friedensbewegung stellt! Nie wieder Krieg!

David Schwarzendahl, per E-Mail

Braune Soße

Zu jW vom 18.6.: »Warnung vor neuem NSU«

Mit dem Ende des hessischen NSU-Untersuchungsausschusses (…) hatte die Landesregierung um Ministerpräsident Volker Bouffier das Thema Rechtsextremismus offiziell für beendet erklärt – sie wurde und wird nun durch den Mordfall Walter Lübcke eines Besseren belehrt. Allein die 38 Ermittlungsverfahren seit Dezember 2018 gegen hessische Polizeibeamte wegen rechter bzw. extrem rechter Umtriebe lassen aufhorchen. Die »braune Soße« schert sich nicht um die Deckelung des hessischen Rechtsextremismus und die 120 Jahre Sperrfrist für die NSU-Akten. Die Konsequenz: Die Akten müssen geöffnet werden, alles hierzu muss ungeschwärzt komplett auf den Tisch und neu bewertet werden!

Thomas Brunst, Zierenberg-Oberelsungen

Erinnerung an Allende

Zu jW vom 19.6.: »Guaidó unter Verdacht«

Vielen Dank für die kontinuierliche Berichterstattung über Venezuela! Wenn man sich den größten Teil der Medien ansieht, wird in Berichten über dieses Land der Eindruck vermittelt, dort herrsche die schlimmste Terror­regierung der Welt. Sicher gibt es Probleme, und nicht alle Reaktionen der Regierung mögen angemessen sein, manche sind vielleicht auch grob falsch. Aber ich kann mir nicht helfen: Ich muss, wenn ich an dieses Land denke, sehr oft auch an Chile unter Salvador Allende denken – da wurde ebenfalls vom Westen der Putsch herbeigeschrieben. Die Folgen sind bekannt. Ich bin kein Kommunist, sondern, sagen wir mal, »linker Christ«. Aber dass der Kapitalismus – ein Kabarettist hat mal mit Recht vom »Kaputtalismus« gesprochen – die Welt verwüstet, lässt sich nicht mehr übersehen.

Ulrich Tietze, per E-Mail

Die Konsequenz aus dem Mordfall Lübcke: Die NSU-Akten müssen geöffnet werden, alles hierzu muss ungeschwärzt komplett auf den Tisch und neu bewertet werden!