Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Dichtung

»Ungeheuer gibt es nicht«

Gerd Adloffs Gedichtband »Möblier dein Herz mit Zuversicht«
Von Peter Wawerzinek
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Brot & Spiele 105: »Nach uns die Zukunft«

In einem Gedicht aus dem neuen Lyrikband »Möblier dein Herz mit Zuversicht« von Gerd Adloff heißt es: »Wir zogen für eine Woche / in ein Haus zwischen Steinen / heizten den Kamin mit Torf / tranken abends viel Whiskey / und stritten uns. / Es ging hoch her. / Ob etwas kaputt ging? / Kein Teller, keine Tasse, kein Glas.« Ich erinnere mich gut an die Tage, und etwas Trauer schwingt bei meinen Worten durchaus mit, denn wir waren damals zu viert und alle noch so gute Freunde. Dieses Streiten, liebe Freunde, war unser gemeinsamer Kit.

So verloren wie wir damals schienen, gleich nach dem Mauerfall. Berlin war angesagt, die Leute spielten verrückt und benahmen sich, als wäre der Krieg vorbei. Wir sagten uns, der Krieg ist nie vorbei. Nur deswegen erkundigten wir doch einige Jahre lang zusammen Irland. Vier Freunde wollten wir bleiben, und Connemara wurde so etwas wie eine zweite Heimat für uns. Bis dreizehn Uhr ließen wir die Finger vom Alkohol. Dann aber schlugen wir zu, alle wie wir waren. Und ich behaupte freudig-stolz, jeder von uns vieren hätte das Gedicht genauso geschrieben, nur hatten wir es nicht so mit dem Dichten. Das musste Gerd Adloff errichten, und er macht seine Sache immer noch sehr gut, derweil wir Irren längst schon mit den Rücken zueinander stehen.

Das alles ist lange her, kann man als Begründung sagen, oder scheiß darauf, nachts sind viele Kater blau. Es ist, wie es ist. Wir reisen nicht mehr gemeinsam, und ich will auch gar nicht wissen, wer von uns sich noch die alten Fotografien anschaut, und wie er darüber denkt. Wir haben es einfach nicht drauf gehabt und die Freundschaft verschlissen. That’s life, denke ich, und dass wir ruhig weiter irren sollen, derweil wir weiter altern, nun eben jeder für sich. Wir haben es verbockt, und nun ergeht es uns, wie es uns ergehen musste. Wir sind in die Brüche oder Knie gegangen wie andere Menschen auch. Selbst Bürgerrechtler haben über die Jahre nicht recht behalten und sich längst untereinander miteinander überworfen.

»Möblier dein Herz mit Zuversicht« heißt es also bei Adloff vollkommen zu Recht, der in seinen Träumen lieber weit abdriftet und Jörg Fauser als einzigen Freund in der fremden Stadt sieht. Ich könnte auch von einem Resümee sprechen und behaupten, der Dichter Adloff verabschiedet sich, macht winke, winke und klappt das scharfzüngige Messer zu. Nur hört ein deutscher Dichter nicht auf damit, die Gesellschaft bescheiden zu sezieren. Und da sind ja in dem Buch auch die Bildmontagen von Gregor Kunz. Zwölf an der Zahl, wie es Monate in einem Jahr gibt. Zwölf, das ist auch die Anzahl von guten Feen, bevor dann die dreizehnte dazwischenfährt und jeden Frieden, jede Freude brutal abfackelt.

Ich bin beim Lesen des Bandes zum Schluss hin so lyrisch gestimmt worden, dass ich die zwölf Titel der Kunz-Montagen hintereinander selbst als großes Gedicht gelesen habe. Ob nun gewollt oder zufällig entstanden, haben sich die Titel zu einem Ganzen gefügt, weswegen ich das »Poem« an dieser Stelle explizit zur Welturaufführung bringe: »Was nun, Partisan? / Fremde feixen, Feinde, miteinander / Die Phantome in den Spiegelgalerien. / Nach uns die Zukunft. / Zeugen will gelernt sein, dann angewandt / und nicht vergessen werden. / Übel sei es, Nichtiges zu reden, leider. / In der Sonntagstür das Gold / der Tage leuchtet. Runzlig ist / die Kunst, das Kind sei heiter. / Einst am Wege. Ein guter Mann / erzählt Geschichten, nicht: es war / und muss so sein. Ornament der / Ohnmacht, mein bewaffnetes Organ. / Nein, Kind, Ungeheuer gibt es nicht. / Zu Zielen, unbekannten, auf geht’s.«

Die Montage mit der Nummer 115 aus der Serie »Brot & Spiele«, die dem Buch zu seinem farbigen Umschlag verhilft, findet sich im Band auf Seite 38 als schwarzweiße Grafik wieder und trägt den Titel »Übel sei es, Nichtiges zu reden, leider.« Daneben steht auf Seite 39 Adloffs Gedicht Kassandra. »Das dreifache Leiden / keiner erhört sie / sie weiß das / und schreit doch / sie hofft sich zu irren / diesmal / obwohl«.

Ich mag die letzten Worte sehr, denn wer »irren« sagt, sagt auch »obwohl«. Ja, wir irren uns und irren uns ständig und werden irre davon. Nur ist es auch irre schön, sich zu irren, am besten so sehr, wie es nur die Irrsten von uns zustande bringen! Irren wir uns alle also, bis die Augen einem weh tun davon. Dieser Augenschmerz sei schließlich »nichts weniger als warum ich noch hoffe & leben will«, sagt uns der Dichter, und zeigt zeitgleich »Auf der Gegenspur / die Geisterfahrer / entbieten beim Entgegenkommen / höflich ihren Gruß«. Mehr an Weltweisheit und Kommentar zum Dilemma der Gegenwart kann man von einem kindsnaiv-erwachsenen Lyriker nicht erwarten, und also rufe ich all meinen verlorenen gegangenen, enttäuschten, verschlissenen, abtrünnigen ehemaligen Freunden zu: Das Ende der Lebenstage ist in Sicht; Adloff, mein Guter, du aber ende mit deiner Dichtung nicht.

Gerd Adloff: Möblier dein Herz mit Zuversicht. Gedichte 1977 bis 2017. Auswahl von Ralf Friel. Mit Montagen von Gregor Kunz. Moloko-Print, Schönebeck 2019, 102 Seiten, 15 Euro

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