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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 4 / Inland
Mordfall Lübcke

»Combat 18« im Blick

Mutmaßlicher Lübcke-Mörder könnte Mitglied von militantem Neonazinetzwerk ­gewesen sein. Verfassungsschutz will Akte freigeben
Von Claudia Wangerin
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Demo gegen Neonaziterror am 18. Juni, nach Bekanntwerden der Festnahme des mutmaßlichen Lübcke-Mörders

Während sich Hinweise auf eine Mitgliedschaft des Hauptverdächtigen in einem Neonazinetzwerk verdichten, hat sich im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) der hessische Verfassungsschutz bereit erklärt, mit den Strafverfolgungsbehörden zu kooperieren. Der Geheimdienst habe seine Informationen über Stephan Ernst dem Generalbundesanwalt angeboten, berichtete am Freitag nachmittag die Deutsche Presseagentur. Falls Bedarf bestehe, könne die Akte angefordert werden, zitierte die dpa einen Sprecher des Innenministeriums.

Die DNA von Stephan Ernst war an der Kleidung des Anfang Juni erschossenen Lübcke gefunden worden, was am Samstag vor einer Woche zu seiner Verhaftung führte. Nach einem Bericht des ARD-Magazins »Monitor«, der in Zusammenarbeit mit der Rechercheplattform Exif entstand, soll Ernst noch am 23. März 2019 an einem konspirativ von »Combat 18« organisierten Konzert im sächsischen Mücka teilgenommen haben. Der Veranstaltungsort: ein Klubhaus der bundesweit aktiven neonazistischen Rockergruppierung »Brigade 8«.

Der Name »Combat 18« steht für »Kampf« und »Adolf Hitler« – der Nummerncode meint die Anfangsbuchstaben gemäß der Reihenfolge im Alphabet. Gruppen, die sich so nennen, verstehen sich als bewaffneter Arm des in Deutschland im Jahr 2000 verbotenen Netzwerks »Blood and Honour« (»Blut und Ehre«). »Combat 18« ist aber bisher nicht explizit als dessen Teilorganisation verboten.

Das soll sich jetzt ändern, fordern die Sprecher für antifaschistische Politik der Linksfraktionen in Bund und Ländern. »Eine mögliche Mitgliedschaft von Stephan E., aber auch eine mögliche Verwicklung der Gruppe in den Mord an Walter Lübcke müssen jetzt in den Mittelpunkt der Ermittlungen rücken«, hieß es am Freitag in einer gemeinsamen Mitteilung. Unterschrieben haben die Linke-Politiker Anne Helm (Berlin), Andrea Johlige (Brandenburg), Kerstin Köditz (Sachsen), Katharina König-Preuss (Thüringen), Henriette Quade (Sachsen-Anhalt), Peter Ritter (Mecklenburg-Vorpommern), Hermann Schaus (Hessen) und Christiane Schneider (Hamburg) sowie die Bundestagsabgeordnete Martina Renner.

Unterdessen ermittelt die Polizei in Kassel nach einem Brand im Wohnhaus eines alten »Kameraden« von Stephan Ernst, der am Mittwoch abend gelöscht worden war. Mike Sawallich galt als Führungsfigur der Kasseler Neonaziszene, hatte laut Exif zumindest in der Vergangenheit engen Kontakt zu Ernst und soll auf seiner Facebook-Seite eine Solidaritätsbotschaft für ihn veröffentlicht haben – am Freitag war diese dort für Außenstehende aber nicht mehr zu sehen. In einem Posting sprach Sawallich von einem weiteren »NSU-Märchen«. Im Münchner Prozess um die Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) waren »Combat 18« und die Kasseler Neonaziszene mehrfach Thema gewesen. Sein letzter Facebook-Eintrag lautete: »Leider muss ich wohl Ausziehen!!! Suche was günstiges zum Behausen oder ein Garten« (Fehler im Original).

Die Staatsanwaltschaft Kassel hat Ermittlungen wegen des anfänglichen Verdachts der Brandstiftung aufgenommen, erklärte aber am Freitag nachmittag auf Anfrage von junge Welt, die Brandursachenermittlung dauere noch an, »so dass zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben gemacht werden können, ob die Brandentstehung Vorsatz oder bloß fahrlässigem Fehlverhalten geschuldet war«. Nach Auskunft des Polizeipräsidiums Nordhessen ist bislang nicht der polizeiliche Staatsschutz mit dem Fall befasst, sondern nur das allgemein für Brandursachenermittlungen zuständige Kommissariat 11 der Kasseler Kripo.

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