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Aus: Ausgabe vom 19.06.2019, Seite 15 / Antifa
Antisexismus

Hohe Dunkelziffer von Angriffen auf LSTBQ

Studie: Gewalt gegen »sexuelle Minderheiten« gehört in Sachsen zum Alltag
Von Markus Bernhardt
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»Genug ist genug«: Teilnehmer des »Christopher Street Day« rufen dazu auf, gegen Homophobie die Stimme zu erheben (Dresden, 28.5.2016)

Eine aktuelle Studie der »Landesarbeitsgemeinschaft Queeres Netzwerk Sachsen« (LAG) und der Hochschule Mittweida macht deutlich, welches Ausmaß die Gewalt gegen Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle sowie queere Menschen (LSTBQ) in Sachsen annimmt. Die Ergebnisse der Befragung sind wissenschaftlich nicht repräsentativ. Sie vermitteln aber immerhin einen ersten Eindruck über Alltagserfahrungen der Betroffenen. So gaben nahezu alle 267 Befragten an, seit 2014 mehrmals beleidigt und vielfach bedroht worden zu sein. 58 Studienteilnehmer berichteten von ihnen zugefügten schweren Körperverletzungen. 140 erlitten bei gewaltsamen Angriffen leichtere Blessuren. Jedoch wurden nur 4,3 Prozent der Delikte überhaupt bei der Polizei zur Anzeige gebracht.

Das hat auch damit zu tun, dass Homosexuelle aufgrund der langjährigen Diskriminierung und Verfolgung durch staatliche Stellen oftmals noch immer ein distanzierteres Verhältnis zur Polizei haben. Hinzu kommt jedoch auch, dass es vielen Beamten an Akzeptanz von Lesben und Schwulen mangelt oder gar Übergriffe nicht selten bagatellisiert werden. So ist die Berliner Polizei die einzige bundesdeutsche Polizeibehörde, die Gewalt gegen »sexuelle Minderheiten« explizit erfasst und auch öffentlich macht.

Sächsische Behörden registrierten für den Zeitraum von 2001 bis 2017 lediglich 55 Fälle, wie aus einer parlamentarischen Anfrage der sächsischen Linksfraktion hervorgeht. Während die Landesregierung in Dresden aus CDU und SPD in der Vergangenheit kein ernsthaftes Interesse daran zeigte, Lesben und Schwule vor Diskriminierung und Übergriffen zu schützen, haben die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer klare Vorstellungen: »Curricular verankerte Sensibilisierung« von Polizistinnen und Polizisten zu Lebenslagen der Betroffenen, sachsenweite Anlaufstellen bei der Polizei, verstärkte Zusammenarbeit der Behörden mit queeren Vereinen – diese und weitere Aspekte sind wiederholt durch die Teilnehmenden der Studie genannt worden.

Damit seien die »Stellschrauben ganz klar aufgeführt«, an denen »wir alle« drehen müssten, sagte Martin Wunderlich, Koautor der Studie und Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der LAG, bei der Vorstellung der Studie in der vergangenen Woche. Ziel sei es, »Vertrauensbarrieren abzubauen«, die Bereitschaft zur Strafanzeige »und letztlich die Lebensqualität« von LSTBQ in Sachsen zu erhöhen.

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