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Aus: Ausgabe vom 19.06.2019, Seite 6 / Ausland
Korruption in Kolumbien

Guaidó unter Verdacht

Korruptionsskandal um Hilfsgelder für Venezuela. Engstes Umfeld des Putschistenführers darin verwickelt
Von André Scheer
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Bei einer Pressekonferenz versuchte Juan Guaidó am Montag in Caracas, den Verdacht gegen sich zu zerstreuen

Jorge Rodríguez war in seinem Element. Per Fernsehansprache legte Venezuelas Informationsminister am Montag (Ortszeit) detaillierte Informationen vor, die einen Korruptionsskandal um den selbsternannten »Übergangspräsidenten« Juan Guaidó und dessen Partei Voluntad Popular (VP, Volkswille) belegen sollen. Zuvor hatte schon Panam Post am vergangenen Freitag darüber informiert, wie zwei VP-Mitglieder in Cúcuta ein luxuriöses Leben führten. Das Internetportal veröffentlichte zahlreiche Belege, aus denen hervorgeht, wie Mittel, die als »humanitäre Hilfe« für notleidende Menschen in Venezuela gedacht waren, für die privaten Ausgaben von Rossana Barrera und Kevin Rojas ausgegeben wurden. Beide waren von Guaidó Ende Februar bei der kolumbianischen Regierung akkreditiert worden und sollten sich um Venezolaner kümmern, die in Kolumbien »Schutz und Hilfe« suchten. Bei diesen »Flüchtlingen« handelte es sich Panam Post zufolge nur zu einem geringen Teil um Militärs, die aus den Reihen der venezolanischen Armee desertiert waren, um sich Guaidó anzuschließen. Die meisten seien Personen gewesen, die schon seit langem in Peru und Ecuador gelebt hätten und von der den Deserteuren versprochenen finanziellen Unterstützung angelockt worden seien. Während die Regierung Kolumbiens nur 354 desertierte Militärs aus Venezuela zählte, kamen Guaidós Abgesandte so auf fast 1.500. Doch für diese gab es ein böses Erwachen, denn die zugesagten Gelder flossen nicht. Im Mai wurden die Deserteure sogar aus ihren Zimmern in den Hotels Ácora und Vasconia in Cúcuta geworfen, weil die »Regierung« von Guaidó die Rechnungen nicht bezahlt hatte. Die Schulden beliefen sich auf umgerechnet 20.000 Dollar.

Rodríguez erinnerte in seiner Ansprache daran, dass man bereits im März öffentlich gemacht habe, wie Guaidó persönlich in die Veruntreuung von Hilfsgeldern verwickelt sei. Damals sei dies vom »internationalen Medienapparat« verschwiegen worden. Am Montag legte der Informationsminister Dokumente vor, die auf dem Mobiltelefon von Guaidós am 21. März verhaftetem Stabschef Roberto Marrero gefunden worden seien. Unter anderem zeigte er den Chatverlauf einer Unterhaltung zwischen Marrero und Barrera, in der es darum ging, auf welches Konto bestimmte Gelder überwiesen werden sollten. Und wohl nicht zufällig habe Guaidó mit Sergio Vergara einen Schwager von Barrera zu seinem neuen Stabschef gemacht.

Genüsslich verwies Rodríguez auf die tiefe Spaltung unter den venezolanischen Regierungsgegnern. Parteien wie Acción Democrática, Un Nuevo Tiempo oder Primero Justicia nähmen der VP übel, dass diese »alles für sich allein stehlen« wolle. »Wo ist das Geld der humanitären Hilfe?« fragte der Minister und gab selbst die Antwort: »Juan Guaidó hat es direkt eingesteckt.« So sollen die Organisatoren des Konzerts am 22. Februar in Cúcuta, das Gelder für »humanitäre Hilfe« einbringen sollte, drei Millionen Dollar direkt an Guaidó ausgezahlt haben.

In einem Statement reagierte die als Organisatorin des Konzerts auftretende »Venezuela Aid Live Foundation« am Dienstag auf die Vorwürfe. Man habe keine Mittel an eine Regierung oder politische Organisation ausgezahlt, hieß es in dem über Twitter verbreiteten Statement. Vielmehr sei entschieden worden, die Hälfte der gesammelten Mittel – nach eigenen Angaben etwas mehr als 2,3 Millionen Dollar – in Venezuela zu investieren, die andere Hälfte aber für die in Kolumbien lebenden Migranten auszugeben. Offenbar ist weder das eine noch das andere bislang geschehen. »Die erste Organisation, die wir unterstützen werden«, heißt es in der Zukunftsform in der Stellungnahme, »konzentriert sich auf die Versorgung von Kindern in Villa del Rosario, Norte de Santander (in Kolumbien; jW), mit Lebensmitteln und Trinkwasser.« Weder der Name wird genannt noch die Partner, mit denen man in Venezuela zusammenarbeiten wolle.

Wie die Washington Post am 5. Juni berichtete, hat sich US-Außenminister Michael Pompeo hinter verschlossenen Türen frustriert über die Zersplitterung der venezolanischen Opposition gezeigt. Es habe sich als »teuflisch schwer« herausgestellt, die Regierungsgegner zusammenzuhalten, erklärte Pompeo demnach in New York bei einer Besprechung mit Mitarbeitern. »In dem Augenblick, wenn Maduro abtritt, werden alle ihre Hand heben: ›Ich bin der nächste Präsident Venezuelas.‹ Es gibt mehr als 40 Leute, die glauben, dass sie die Richtigen sind, um Maduro zu beerben.« In den vergangenen Monaten habe er darüber nicht öffentlich sprechen können, aber die Schwierigkeit, Venezuelas Opposition zu einigen, habe »seit dem Tag, als ich CIA-Direktor wurde« im Mittelpunkt seiner Arbeit gestanden – das war der 23. Januar 2017, exakt zwei Jahre vor der Selbsternennung Guaidós.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ulrich Tietze: Erinnerung an Allende Vielen Dank für die kontinuierliche Berichterstattung über Venezuela! Wenn man sich den größten Teil der Medien ansieht, wird bei den Berichten über dieses Land der Eindruck vermittelt, dort herrsche ...

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