Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 19.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Klimaschutz

Heiße Zeiten

Temperaturen erreichen in vielen Teilen der Welt Höchstwerte. Proteste gegen umweltschädliche Förderung von Braunkohle in NRW
Von Wolfgang Pomrehn
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Ein Arbeiter im indischen Prayagraj erfrischt sich bei 48 Grad im Schatten (13.6.2019)

Am heutigen Mittwoch öffnet in Viersen im rheinischen Braunkohlerevier das Protestcamp der Kampagne »Ende Gelände« seine Tore. Seit Sonntag wurde es aufgebaut. Bis zum kommenden Montag soll mit Demonstrationen und Aktionen des zivilen Ungehorsams ein Zeichen »für den sofortigen Kohleausstieg und einen grundlegenden Systemwandel« gesetzt werden, wie es bei den Organisatoren heißt. Mehrere tausend Teilnehmer werden erwartet.

In der Region zwischen Aachen und Köln betreibt der Energiekonzern RWE Deutschlands größte Tagebaue. Mit der dort geförderten Braunkohle werden einige der dreckigsten Kraftwerke der EU befeuert. Allein auf das Konto der im Revier gelegenen Kraftwerke Weisweiler, Neurath und Niederaußem gehen deutlich mehr als zehn Prozent der deutschen CO2-Emissionen. CO2 (Kohlendioxid) ist das mit Abstand wichtigste Treibhausgas. Würde dieser rheinische CO2-Ausstoß sofort eingestellt, hätte Deutschland mehr Zeit für weitere Klimaschutzmaßnahmen. Davon abgesehen emittieren die Kraftwerke auch große Mengen Quecksilber, Blei, Cadmium, Arsen, Schwefeldioxid, Feinstäube und Stickoxide.

Begleitet werden die Aktionen von »Ende Gelände« zum einen am Freitag von einer großen internationalen Schülerdemo in Aachen (siehe Interview). Zum anderen wird es am Samstag im Umfeld des Tagebaus Garzweiler einen Aktionstag unter dem Motto »Kohle stoppen! Klima und Dörfer retten« geben. Aufgerufen wird von dem Bündnis »Alle Dörfer bleiben«, dem BUND, Campact, Greenpeace, den Naturfreunden und den Schülerinnen und Schülern von »Fridays for Future«. In »Alle Dörfer Bleiben« haben sich Betroffene aus Ortschaften organisiert, die in verschiedenen Revieren für den Abbau der Braunkohle zerstört werden sollen oder davon bedroht sind. Im Rheinland sind dies nach Angaben auf der Internetseite des Bündnisses Berverath, Keyenberg, Kuckum, Lützerath, Oberwestrich, Unterwestrich, Manheim und Morschenich. Hinzu kommen noch drei Dörfer im Leipziger Land sowie zwei in der Lausitz.

»Alle Dörfer bleiben« ruft für den Samstag zu einer symbolischen Sitzblockade zwischen dem Dorf Keyenburg und dem Tagebau Garzweiler auf. »Bei unserer Aktion werden wir uns schützend vor die bedrohten Dörfer setzen, denn für uns ist klar: Wir bleiben hier. RWE wird es nicht schaffen, uns zu vertreiben«, so David Dresen aus Kuckum.

Am Samstag vormittag wird es ab 11 Uhr eine Demonstration von »Fridays for Future« vom Bahnhof Hochneukirch entlang der Tagebaukante nach Keyenberg geben. Zur selben Zeit startet mit selbem Ziel eine Fahrraddemo vom Bahnhof Erkelenz. Die Schüler wollen auf dem Weg an der Tagebaukante unter dem Motto »RWE gehört in den Geschichtsunterricht« eine Schulstunde organisieren. Verschiedene Klimawissenschaftler werden Vorträge halten.

Pünktlich zu den Protesten hat ein internationales Wissenschaftlerteam nach akribischer Prüfung zwei der höchsten je registrierten Temperaturwerte bestätigt. Demnach wurden am 21. Juli 2016 in Mitribah, Kuwait, 53,9 Grad Celsius und am 28. Mai 2017 im pakistanischen Turbat 53,7 Grad Celsius gemessen. Das waren die dritt- und vierthöchsten Werte, die unter kontrollierten Bedingungen je von einer Wetterstation registriert wurden. Für Asien ist das ein Rekord, seit 76 Jahren ist es nirgends auf der Erde so heiß gewesen.

Die EU hat derweil Deutschland bestätigt, dass es weit davon entfernt ist, seinen Beitrag zu den – völlig unzureichenden – Klimaschutzzielen der Union zu leisten. Strafzahlungen in Milliardenhöhe drohen. Lorenz Gösta Beutin, Klima- und Energiepolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, forderte als Antwort darauf »Sofortmaßnahmen wie das sofortige und entschädigungsfreie Abschalten der 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke mit sozialer Absicherung«.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Bernd Ender: Erneuerbare Energie Als jahrzehntelanger Leser schätze ich Ihren soliden Journalismus und die Arbeit wider den Mainstream. Nur beim Thema Energie scheinen Sie von allen guten Geistern verlassen zu sein. In einem Artikel ...
  • Ulrich Becker, Alfter: Auf den letzten Plätzen So langsam erahnen die Menschen, was auf sie zukommt. Und rückgängig machen lässt es sich nicht mehr. Die Klimaziele von Paris sind obsolet. Andernfalls müsste unsere gesamte Wirtschafts- und Denkweis...
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