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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kulturdebatte

Linke Hochkultur

Das war die Künstlerkonferenz der Zeitschrift Melodie & Rhythmus am vergangenen Sonnabend in Berlin
Von Stefan Huth
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Suggestiv und ergreifend: Rolf Becker als Charon, Fährmann der Toten, in einer Adaption von »Das Floß der Medusa«

Debatte, Vortrag, Lesung, Kabarett, Konzert: Die Künstlerkonferenz der Zeitschrift Melodie & Rhythmus am 8. Juni war alles andere als das, was landläufig unter Kulturevent rangiert. An diesem ereignisreichen Sonnabend im »Heimathafen« in Berlin-Neukölln ging es um das Gegenteil von Kommerz und um weit mehr als Unterhaltung – auch wenn letztere, insbesondere bei der Kulturgala am Abend, keineswegs zu kurz kam. Anstoß für die Veranstaltung gab das »Manifest für Gegenkultur«, in M&R (Heft 1/2019) als Entwurf vorgestellt, das auf der Konferenz diskutiert und mit Leben erfüllt wurde. Es ist ein Programm für eine fortschrittliche, widerständige Kunst in Zeiten von Faschisierung und wachsender Kriegsgefahr.

Was da alles während dieser fast dreizehn Stunden auf vier Podien besprochen und künstlerisch dargeboten wurde, sprengte Rahmen: Die Grenzen zwischen Genres und Gattungen, zwischen Bühne und Publikum, Pause und Programm schienen sich aufzulösen, die mehr als 400 Gäste wurden gleichsam Teil eines politisch-ästhetischen Gesamtkunstwerks. Debatten gab es über die Rolle der Unterhaltungsindustrie, rettende Kritik und linke Gedenkkultur, Abstraktion und Realismus, Subversion und Affirmation, über Kunst zwischen Autonomie und Engagement sowie, natürlich, die Kraft der Utopie. Auch wenn vieles nur gestreift werden konnte, es wurden die relevanten Fragen gestellt und auf hohem Niveau verhandelt.

Eingestimmt auf die Kulturgala wurde das Publikum bereits am Nachmittag durch eine satirische Intervention des Rapduos Alles.Scheizse, das unter anderem die Israel-Liebe der AfD aufspießte, und einen Liedvortrag von Konstantin Wecker im Duo mit dem afghanischen Sänger Shekib Mosadeq. Klug und charmant führte Gina Pietsch dann durch den Abend, den die vierköpfige Garagenrock-Band Black Heino aus Hamburg mit Songs über »Heldentum und Idiotie« etwa auf dem Arbeitsamt eröffnete. Shekib Mosadeq begleitete sich selbst am Klavier und spielte, eingeleitet in deutscher Übersetzung, Lieder auf Farsi, in denen es um Bedrohung, Flucht und die Unmöglichkeit von Liebe in Zeiten des Krieges geht. Es folgte der Schriftsteller Erich Hackl aus Wien. Er las »Harrys Angst« vor, ein Prosastück in Erinnerung an Harry Spiegel – einen Wiener Spanienkämpfer, mit dem Hackl befreundet war – und dessen ungeschriebenes Buch »Es lohnt sich doch, Widerstand zu leisten«. Darum ging es auch in den elektrisierenden, komplex arrangierten Liedern des chilenischen Gitarrenvirtuosen Nicolás Rodrigo Miquea. Chris Jarrett, Komponist und Pianist von Weltrang, präsentierte am Flügel Improvisationen zwischen Jazz und Avantgarde, darunter ein Stück mit dem Titel »The Darkening« (Die Verdunkelung), einem düsteren Statement zur aktuellen Weltlage. Jarrett wandte sich mit einigen Sätzen ans Publikum und verwies darauf, dass sich die politische Botschaft von Musik auch ohne Worte vermitteln könne.

Höhepunkt des Abends war zweifellos die von Rolf Becker rezitierte und von Hannes Zerbe nebst drei Jazzmusikern einfühlsam und pointiert begleitete Präsentation der Schlussszene des Oratoriums »Das Floß der Medusa«. Sie basiert auf einem Requiem für Che Guevara von Hans Werner Henze und Ernst Schnabel, dessen Uraufführung im Dezember 1968 verhindert worden war. Dargeboten wurde das Stück von Becker, der in der Rolle des Charon förmlich über sich hinauswuchs, als Kommentar zur aktuellen Katastrophe der Flüchtlinge im Mittelmeer. Und in einer Qualität, die, wie alles an diesem glanzvollen Abend, in Sachen linke Hochkultur Maßstäbe setzte.

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    Konstantin Wecker (2. v. l.) im Gespräch mit Autorin Gisela Steineckert (l.), Schauspieler Rolf Becker, Regisseur Volker Lösch und Moderator Arnold Schölzel (v. r. n. l.)
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    Gegen Manipulation und Meinungsmache: Medienpodium mit Julieta Daza, Ekkehard Sieker, Dietmar Koschmieder und Ekinsu Devrim Danis (v. r. n. l.)
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    Komponist Wieland Hobann, Autor Mesut Bayraktar und Liedermacher Konstantin Wecker im Gespräch mit Stefan Huth (v. r. n. l.) über revolutionäre Kunst und Kultur heute
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    Esther Bejarano (Hamburg), Musikerin und Überlebende der Schoah, mit dem Soziologen und Historiker Moshe Zuckermann (Tel Aviv)
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    Antideutsche das Fürchten lehren: Satirische Intervention des Rapduos Alles.Scheizse
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    Auch das Wetter spielte mit: Begeistertes Publikum in der Pause
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    Manifestation auf der Bühne: Vereint »gegen rechten Zeitgeist, Faschismus und Krieg«
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    Gina Pietsch, Sängerin und Schauspielerin, führte durch den Abend
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    Zwischen Klassik und Jazz: Chris Jarrett am Konzertflügel
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    Kampf gegen ein »Niemandsland« zwischen den Generationen: Der Schriftsteller Erich Hackl
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    Hintersinnig gegen die Idiotien des Alltags: Black Heino aus Hamburg eröffneten die Gala mit Schmackes
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    Gitarrenvirtuose und Poet: Nicolás Rodrigo Miquea aus Chile
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    Kongenial: Hannes Zerbe, bei der Aufführung unterstützt von versierten Jazzmusikern, vertonte das Libretto von »Floß der Medusa« neu
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    Standing ovations und leuchtende Augen: Das Publikum war begeistert
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    Großer Dank an alle Künstler, Unterstützer und Gäste: Susann Witt-Stahl (Chefredakteurin Melodie & Rhythmus) und Dietmar Koschmieder (Verlag 8. Mai)

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