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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Deutsche Helden nach Taiwan

Von Arnold Schölzel
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Die Parole Größenwahn lautete 1896: »Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer.« (Wilhelm II.) 2019 heißt sie: »Deutschlands Zukunft liegt vor Taiwan.« Jedenfalls schrieb der US-Journalist John Vinocur, einstiger Chefredakteur der International Herald Tribune, am Dienstag in Die Welt: »Hochrangige Beamte in Berlin stellen Überlegungen an, ein Kriegsschiff durch die 180 Kilometer breite Meerenge zwischen Taiwan und dem chinesischen Festland zu schicken. Damit würde sich Deutschland den Vereinigten Staaten und Frankreich anschließen, um die Ansprüche Pekings auf das anzufechten, was der Westen als internationale Wasserstraße betrachtet.« Laut Vinocur bestätigte ihm ein zweiter deutscher Beamter eine entsprechende Diskussion im Verteidigungsministerium. Eine Entscheidung werde frühestens Ende des Sommers fallen.

Die VR China betrachtet die Meerenge zwischen dem Festland und der Insel Taiwan als ihr Territorium. Als eine französische Fregatte sie im April durchquert habe, so Vinocur, sei sie vom chinesischen Militär begleitet und aufgefordert worden, die Zone zu verlassen. Beijing habe mitgeteilt, dass es Paris »strenge Vorhaltungen« wegen der »illegalen« Durchfahrt des Schiffs gemacht habe. Vinocur weiter: »Später im April schickten die Vereinigten Staaten zwei Zerstörer in die Meerenge, ›die das Engagement der USA für einen freien und offenen Indopazifik demonstrierten‹, so ein amerikanischer Sprecher.«

Über die Motive der Deutschen, eine solche Passage auch nur in Erwägung zu ziehen, stellt Vinocur Vermutungen an. Er behauptet, »einige Personen in Merkels Regierung« sähen darin »eine doppelte Chance«: »Es würde sicher nicht schaden, die USA zu einem Zeitpunkt zu unterstützen, da Washington die Drohung mit Zöllen auf deutsche Autos für sechs Monate ausgesetzt hat.« Die Marinemission wäre zudem eine Gelegenheit, »Frankreich auf Augenhöhe zu begegnen, das sich gerne als die einzige funktionierende Militärmacht der EU darstellt«. Französische Generäle hätten Berlin vorgeworfen, eine »nicht kämpfende« Armee zu unterhalten. Die Frage sei nun, ob die schwächer werdende deutsche Regierung diese Wahrnehmung in Frage stellen »und ihre internationale Machtpolitik tatsächlich ändern« werde.

Vinocur ist pessimistisch, weil die Bundesrepublik »politisch am Rande der Instabilität« stehe. Und »schlimmer noch«: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer scheitere bei ihren Vorbereitungen auf das Kanzleramt. Zu ihren Ideen gehöre ein »symbolisches Projekt«, nämlich der Bau eines gemeinsamen Flugzeugträgers mit Frankreich. Merkel, habe – dazu gedrängt – erklärt: »Das ist richtig und gut.« Vinocur lässt dem den Satz folgen: »In diesem Zusammenhang wäre die Einleitung einer Marineoperation vor der Küste Taiwans ein geradezu bahnbrechender, bisher ungesehener Akt des Heldenmuts.« Und weiter: »Bewundernswerterweise gibt es deutsche Beamte, die dem Eindruck entgegentreten wollen, Deutschland sei ein verantwortungsloser und unverbindlicher Verbündeter. Man gebe ihnen mehr Macht!« Die »internationalen Gewässer der Taiwanstraße« seien der Ort, das zu tun.

Die famose Idee, Bündniszuverlässigkeit durch ein Kanonenboot vor China zu beweisen, ist so schlicht, dass sie vom großen Schiffeversenker Wilhelm II. stammen könnte. Ziemlich ausgeschlossen ist, dass sich so etwas Beamte ausdenken. Die haben Köder auszulegen, bei denen ein Vinocur anbeißt. Die Entscheidung Berlins, sich nach der Unterordnung unter die Anti-Russland-Politik Washingtons auch dessen Anti-China-Politik zu unterwerfen, mag noch offen sein. Fest steht: Sollte an Vinocurs Gerüchtekolportage etwas dran sein, steht die Bundesrepublik demnächst vor einer Situation, die mit der Gefahr vergleichbar ist, die von der US-Raketenstationierung 1983 ausging.

Sollte an Vinocurs Gerüchtekolportage etwas dran sein, steht die Bundesrepublik demnächst vor einer Situation, die mit der Gefahr vergleichbar ist, die von der US-Raketenstationierung 1983 ausging.

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