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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 4 / Inland
Patenschaft mit der Truppe

Turnlehrer in Uniform

Grundschule Letzlingen veranstaltet Sportfest auf Truppenübungsplatz, Soldaten helfen aus
Von Susan Bonath
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Nachwuchsgewinnung: Hüpfburg der Kriegsflotte in der Julius-Leber-Kaserne (Berlin, 30.6.2018)

Es ist »nicht erlaubt, Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne unerwünschter Meinungen zu überrumpeln«. So heißt es im »Beutelsbacher Konsens«, der politische Indoktrination von Kindern verbietet und seit 1976 als Standard für den politisch-historischen Unterricht an Schulen gilt. Besser gesagt: gelten sollte. Denn in der Grundschule Letzlingen in Sachsen-Anhalt kümmert das offenbar niemanden. Bereits zum fünften Mal hatte Schulleiterin Silvia Lehmann das Sportfest der Sechs- bis Zehnjährigen in das nahe gelegene Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark verlegt und die Bundeswehr eingebunden. Das ist nur eins von vielen regelmäßigen gemeinsamen Events von Truppe und Grundschule. Im Bildungsministerium des Landes hält man das für völlig harmlos.

Hintergrund ist eine »Patengemeinschaft«, die der GÜZ-Anrainerort mit rund 1.500 Einwohnern vor vielen Jahren mit der 2. Kompanie des Heeres besiegelt hatte. Auch die Grundschule nutzt eifrig die Angebote des Militärs. Die Bundeswehr beteilige sich nicht nur aktiv mit verschiedenen Stationen am Sportfest und stelle den Kindern dafür ihren Trainingsplatz zur Verfügung, erklärte Oberstleutnant Philipp Graneis gegenüber der Lokalzeitung Volksstimme. Die Soldaten lüden die Schüler auch zum Weihnachtsmarkt ein, machten beim »Projekt Waldschule« und beim Vorlesewettbewerb mit. Nach jW-Informationen initiierte sie in der Vergangenheit auch regelmäßig Biwak-Sommercamps für die Kleinen.

Im Gegensatz zu den Freizeitevents fällt die Teilnahme am Sportfest im GÜZ unter die Schulpflicht. Das stellte Ministeriumssprecher Michael Schulz am Freitag gegenüber junge Welt klar. Es finde auch nur deshalb auf dem Militärgelände statt, weil »der Schulsportplatz wegen seiner geringen Größe keine auskömmlichen Voraussetzungen bietet«. Das aktive Mitmischen der uniformierten Soldaten hält er für unbedenklich. Es gehe »nur um die Nutzung des optimalen Geländes«. Jeder Verdacht der politischen Indoktrination sei »völlig abwegig«. Denn die Bundeswehr werbe hier nicht um Nachwuchs, und auch Beschwerden von Eltern gebe es nicht, wie Schulz versicherte. Damit halte sich die Schule auch an einen Erlass des Ministeriums von 2015. Danach darf die Bundeswehr im Unterricht nicht aktiv um Nachwuchs werben. Schulen müssten zudem eine Gegenmeinung etwa von Friedensinitiativen präsentieren.

Auf das Papier wies auch Eva Gerth, Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), im Gespräch mit jW hin. »Ich sehe es sehr kritisch, wenn so junge Kinder einseitig mit der Bundeswehr in Kontakt gebracht werden«, rügte sie. Das Militär sei »eben kein Arbeitgeber wie jeder andere«. Es sei »unglaublich«, dass sich das Ministerium »auf die Strukturschwäche der Gegend beruft«. Gerth sieht auch die Schule in der Verantwortung. Doch diese sowie ihr Träger, die Stadt Gardelegen, reagierten auf eine Anfrage vom Mittwoch bis Freitag nachmittag nicht.

Malte Fröhlich von der Bürgerinitiative »Offene Heide«, die sich seit 25 Jahren für eine zivile Nutzung des 232 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatzes einsetzt, spricht von »Schleichwerbung«. Die Bundeswehr erwecke den Eindruck, dass sie »in einer Mangelsituation uneigennützig aushilft«, mahnte er gegenüber jW. Man müsse sich fragen, warum 140 Millionen Euro oder mehr in die Kriegsübungsstadt Schnöggersburg auf dem GÜZ-Gelände fließen, aber die Schule keinen ausreichenden Sportplatz erhält. »Entweder ist das Ausdruck miserabler Politik, oder man organisiert bewusst Mangel, um dem Militär ›positives Handeln‹ in den Alltag hinein zu ermöglichen«, kritisierte Fröhlich. Besonders »perfide« sei es, dass Kinder durch die Schulpflicht zu solchen Aktionen mit Soldaten gezwungen würden. Er appellierte an die Eltern, kritischer mit der Bundeswehr umzugehen.

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