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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 7 / Ausland
Mali

Der koloniale Blick

In Mali gab es zuletzt verstärkt bewaffnete Überfälle mit vielen Toten. »Ethnie« wird zum Erklärmuster
Von Ina Sembdner
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Schutzlos ausgeliefert: Das Dorf Sobame in Zentralmali am Montag nach dem bewaffneten Überfall

Bei Konflikten in Afrika soll es sich oft um »ethnische Spannungen« oder »ethnische Konflikte« handeln. So auch vergangenen Sonntag, als ein Dorf in Zentralmali von Bewaffneten überfallen wurde. Nur beiläufig werden knappe Ressourcen in extrem prekären Landstrichen erwähnt. Laut Friedensforschungsinstitut SIPRI verfügt fast jeder vierte der rund 18 Millionen Einwohner Malis nicht über ausreichend Nahrung. Sogenannte ethnische Konflikte bieten vor allem westlichen Regierungen eine Interpretation, der eine Naturalisierung des Zustands innewohnt und mit der jede Verantwortung für die Entwicklung negiert werden kann, die zu ihm geführt hat.

In der Nacht auf Montag hatten bewaffnete Kämpfer das mehrheitlich von der Bevölkerungsgruppe der Dogon bewohnte Dorf Sobame angegriffen. Nach verschiedenen Angaben soll es 35 bis mehr als 100 Getötete gegeben haben. Malische Regierung und lokale Politiker widersprechen einander in ihrer Einschätzung, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch meldete. Die Angreifer sollen Vertreter der Fulbe gewesen sein, die Rache nahmen für einen mutmaßlich von der Dogon-Bewegung »Dana Ambassagou« geführten Angriff auf ein Dorf im März, bei dem rund 160 Fulbe getötet worden waren. »Dana Ambassagou« ist eine von mehreren nichtdschihadistischen politisch-militärischen Gruppen in Mali und hatte sich 2017 gegründet, um ihre Region selbst zu verteidigen – auch gegen willkürliche Übergriffe der Regierungsarmee.

Sobame befindet sich in der vom Zentralstaat und von den internationalen Truppen vernachlässigten Region Mopti. In diesem Vakuum haben sich in den vergangenen Jahren dschihadistische Gruppen ausgebreitet, unter anderem die »Katibat Macina« um ihren Anführer Amadou Koufa. Diese hat einen Großteil Zentralmalis unter ihre Kontrolle gebracht. In einem UN-Bericht vom 12. Februar heißt es, dass in der Region Mopti »viele Dörfer unter einem Embargo der Dschihadisten stehen«, das verhindere, dass Menschen ihren alltäglichen Geschäften und der Landwirtschaft nachgehen könnten, was wiederum die Nahrungssicherheit gefährde und Hunger und Armut erzeuge. Gerade in den nördlichen und zentralen Regionen wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Schulen geschlossen, die Jugendarbeitslosigkeit ist dort besonders hoch. Gute Voraussetzungen, um junge Männer zu rekrutieren. Die Dschihadisten haben auch schnell erkannt, dass sich latent vorhandene Spannungen zwischen den Dogon, die als Bauern leben, und den Fulbe, die halbnomadische Viehzüchter sind, für ihre Zwecke missbrauchen lassen. Sie haben beispielsweise das tradierte Justizsystem abgeschafft, das zuvor auch Konflikte um Ressourcen zwischen verschiedenen Gemeinschaften schlichten half.

Um den 2013 in Mali ausgebrochenen Konflikt beizulegen, wurden mehrere »Friedens-« und »Antiterroroperationen« gestartet. Neben zwei EU-Aufbau- und Trainingsmissionen gibt es die französische »Opération Barkhane«, die AU-Mission »Misahel«, den regionalen Zusammenschluss »G5 Sahel« und die »Minusma« der UNO, den weltweit größten UN-»Blauhelm«-Einsatz, dessen Haushalt pro Jahr rund eine Milliarde US-Dollar beträgt. Allein »Minusma« stellt 10.000 Militär- und 1.100 Polizeikräfte in dem Land. Primäres Ziel all dieser Unternehmungen sollte eigentlich die Unterstützung der malischen Regierung beim Schutz der Zivilbevölkerung sein. Kommt es zu terroristischen Übergriffen, fühlen sich UNO und Frankreich jedoch nicht verantwortlich. Für sie sind dann die malischen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte nicht in der Lage, die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten. Das Problem besteht aber darin, dass sich alle Missionen bisher auf den Norden und urbane Räume konzentriert und die ländlichen Regionen weitgehend sich selbst überlassen haben. Sollte dies so bleiben, werden sowohl dschihadistische wie auch nichtdschihadistische Gruppen weiterkämpfen.

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