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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Ich bin eher Epikureer«

Einmal auf der Frühlingsstraße: Über den Surrealisten Roberto Yáñez
Von Jürgen Roth
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»Ich jedenfalls male, um zu genießen.« – Roberto Yáñez Betancourt

Roberto Yáñez’ 2013 bei Insel erschienen Gedichtband »Frühlingsregen« eröffnet nach einer kurzen Vorrede ein Bild, in dessen Zentrum auf dämmerungsblauem Hintergrund ein mittelhellrotes, sechsbeiniges beziehungsweise -armiges, teils zerhacktes Fabelwesen mit dem Hals und dem Kopf eines Reihers zu sehen ist. Umringt wird es im oberen Drittel von verschieden großen gelben Gestirnen, vermutlich Sonnen, und einem einer Nervenzelle ähnelnden, ebenfalls gelben Gebilde, in den anderen beiden Dritteln von grünen, gräulichen, hellblauen, roten und gelben, kubistisch in sich verkeilten geometrischen Figuren, und rechts unten in der dunklen Ecke scheint eine mit vier Extremitäten ausgestattete orange und amorphe Gestalt zu torkeln – oder zu tanzen?

Wäre zu dieser Komposition etwas zu sagen, das über ihre Beschreibung hinausginge? Ließe sich eine kohärente, die Immanenz überschreitende Deutung denken? Oder sollten wir uns mit dem exemplarischen Verdikt des großen Kunsthistorikers Ernst Gombrich zu René Magritte begnügen, dass dessen Œuvre »unerklärbar« sei?

Nicht suchen, finden

Auf der beglückend üppig bestückten Website robertoyanez.de macht der Künstler, der seit 1997 Mitglied der chilenischen Surrealistengruppe »Derrame« ist, keinen Hehl daraus, dass er sich in der Tradition der Moderne verortet. (So gut wie jede Form künstlerischer Arbeit, nebenbei bemerkt, speist sich nolens volens seit jeher aus der Auseinandersetzung mit Vorgängigem, Neulanderschließungen sind geschichtliche Seltenheiten.) Und so betitelt Roberto Yáñez etwelche Bilder zum Beispiel »Comte de Lautréamont« (ein Zwiegespräch zwischen bizarren, aus entstellten tierisch-figuralen Elementen zusammengesetzten, von Himmelsaugen observierten Figuren), »Gelernt von Kandinsky« (ein scheinrationales, mystisch-gegenstandsloses, den Alp evozierendes Tableau), »André Breton beobachtet das Phänomen« (ein wildes, kindlich verspieltes Arrangement vorgeschichtlicher und futuristischer Entitäten, das eben keine eidetische Reduktion zulässt), »Antonin Artaud« (eine fiebrige, höllengleiche, sich selbst auffressende Vision dessen, was wir uns unter Grauen, Grausamkeit und Wahnsinn vorzustellen versuchen – Gombrich spricht bei dergleichen von »›barbarischen‹ Harmonien«) oder »Interview mit Picasso« (eine erdfarbene und zugleich lunarische Reverenz an eine hispanische Welt der Stiere, Vögel und Berge, emblematisch ergänzt um ein geringfügig verfremdetes Unendlichzeichen).

Vermutlich habe ich mich mit meinen kurzen Annotationen schon zu weit aus dem Fenster gelehnt. Denn im Grunde muss sich jeder kultur- oder wissenschaftsbetriebliche Interpret vor jedem surrealistischen Kunstwerk lächerlich machen. Die Allegorese und hermeneutische Verfahren laufen in der Regel ins Leere. Bedeutung oder Sinn erheischen zu wollen – jenseits der beflissenen Auflistung kanonisierter Topoi wie Schrecken, Angst, Grauen, Unbewusstes, Phantastisches, Ich-Auflösung – gleicht gewissermaßen dem heute kurrenten Unterfangen, das Leben in all seinen Formen und Ausdrucksgestalten physikalisch-mechanistisch erklären zu wollen – statt es vielleicht hie und da vorläufig zu verstehen.

Nun, bevor ich mich in eine mustergültige Contradictio in adiecto (Widerspruch innerhalb eines Begriffs, jW) hineinmanövriere, zitiere ich lieber Ernst Gombrich: »Picasso selbst sagte, dass er nicht experimentiert. Er sagte: ›Ich suche nicht, ich finde.‹ Er machte sich gern über Leute lustig, die seine Kunst ›verstehen‹ wollten. ›Alle wollen sie Kunst verstehen, warum versucht niemand, den Gesang der Vögel zu verstehen?‹ Natürlich hatte er recht. Es gibt kein Bild, das sich ganz mit Worten ›erklären‹ lässt. Aber Worte sind doch oft ganz nützliche Wegweiser, sie können uns manchmal vor dem Verirren schützen, sie verhüten Missverständnisse und geben uns wenigstens eine ungefähre Vorstellung von der Situation, in der sich der Künstler befand.«

Dieses Wort klingt schön

Roberto Yáñez, 1974 in Berlin geboren und im März 1990 mit seiner Familie nach Chile ausgereist, gibt in der behutsamen, gemeinsam mit Thomas Grimm verfassten Biographie »Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers« (2018) Auskunft über seinen Werdegang – etwa über den unermesslichen Schmerz des Verlustes des ureigenen Erlebensraums. »Mein Leben war erst in Gefahr, als ich die Kultur gewechselt hatte«, heißt es. »Einmal auf der Frühlingsstraße / Stiehlt der Maulwurf unsere Seele.«

Roberto Yáñez erzählt von seiner Erziehung, in der der Antifaschismus eine bis heute prägende Rolle spielte, er spricht vom sanftmütigen Großvater Erich (in einem Brief an ihn notiert Roberto: »Großvater – dieses Wort klingt schön«) und von der sendungsbewussten, bevormundenden, klassenkämpferischen Großmutter Margot, die ihn zum SED-Funktionär zu formen trachtete. Er, der einst »fröhliche Till Eulenspiegel«, wie ihn sein Freund Jan Schabowski nannte, berichtet von der Hatz auf seine geliebten Großeltern nach der sogenannten Wende, von den entwürdigenden medialen Inszenierungen: »Die Paranoia der Verfolgung erfasste meinen Körper. Jeder Zeitungsartikel, jede Radio- und Fernsehnachricht über die Großeltern waren Messerstiche gegen die Familie, und bei mir waren sie besonders tief und blutig. Heute glaube ich, dass die Bilder von Opas Festnahme [am 29. Januar 1990 in der Berliner Charité] der entscheidende Impuls für meine einsetzende psychische Krankheit waren. In Chile ging es ja weiter mit diesen Panikanfällen. Der Psychiater bezeichnete es als ›exogene Psychose‹. Depressionen, die von einer äußeren Einwirkung herrühren. Meine Familie hat diesen Befund nie richtig verstanden. Auch wollte sie nicht akzeptieren, dass das etwas mit der Verfolgung, also der eigenen Familiengeschichte, zu tun hat. Da wir nie offen darüber sprachen, vollzog sich der Riss in der Familie immer weiter. In einer Gedichtzeile habe ich geschrieben: ›Das Gespenst wollte mein Arzt sein.‹«

»Psychische Entropien«, auch drogeninduzierte, peinigten Roberto Yáñez seitdem. In seinem Buch »Frühlingsregen«, entstanden »in den Jahren, in denen ich wieder an die Oberfläche kam«, formuliert er Sentenzen, die man als surrealistische Axiome lesen darf: nämlich »dass manchmal die Ursache nach der Wirkung kommt« und »dass neben den Gesetzen der Geschichte auch Gesetze des Traums unser Bewusstsein bestimmen«. »Dieses Buch«, fährt er fort, »räumt den Gespenstern eine gewisse Rolle ein, denn sie sind es, die uns das Leben schwermachen können.«

In einer ZDF-Dokumentation über seine Großmutter erzählt Roberto Yáñez, sie habe ihm stets eindringlich ans Herz gelegt, das »Manifest der Kommunistischen Partei« zu studieren. Er habe indes lediglich die ersten drei Zeilen gelesen, und die seien die schönsten. Und er zitiert: »Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.«

Weiter in die Malerei

Walter Benjamin betont in seinem Essay »Der Sürrealismus« aus dem Jahr 1929, durch die nämliche Kunstrichtung »wurde der Bereich der Dichtung von innen gesprengt«. Jene Avantgarde, die vom Futurismus, Dadaismus und Surrealismus schließlich bis zu Karl Valentin und Samuel Beckett reicht, gründe in einer manifesten Vorstellung: »Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart glücklich ineinandergriffen, dass für den Groschen ›Sinn‹ kein Spalt mehr übrigblieb. Bild und Sprache haben den Vortritt.« Die Sprache, so Benjamin weiter, habe »den Vortritt. Nicht nur vor dem Sinn. Auch vor dem Ich. Im Weltgefüge lockert der Traum die Individualität wie einen hohlen Zahn. Diese Lockerung des Ich durch den Rausch ist eben zugleich die fruchtbare, lebendige Erfahrung, die diese Menschen aus dem Bannkreis des Rausches heraustreten ließ.«

Ich weiß nicht, ob ich mich vergaloppiere. Doch in Roberto Yáñez’ Biographie ist auffällig oft von Wassertieren, von Träumen, die »weiter in die Malerei« wandern, von »Erschlagenen« und »Toten« die Rede, von einer sich in eine wogende Fauna verwandelnden Menschenwelt, von einer Synthese alles Organischen, von prägenden Bilderfahrungen, von der Seele der Tiere, die an seinen Gedichten und Gemälden mitwebt, von Seen und vom »dampfenden Waldboden«, und »alles um mich herum lebte, redete mit mir, winkte mir zu«, wie in der literarischen Romantik, die Kunst als »Un- und Widervernunft« (Gombrich) verstand, als Konstellation von unglaublichen Formen und kräftigen Farben, als unreglementierten Weltzugang, als Wirklichkeitserschaffung und nicht -erschließung, als Verschmelzung von »Kindlichkeit und Wildheit« (Gombrich), von Unerwartetem und Enigmatischem, von vorzeitlich Primitivem und Noch-nicht-Gedachtem, von »unerdenklichen Analogien und Verschränkungen von Geschehnissen« (Benjamin).

Roberto Yáñez’ Kunst – die Bildräume, in die er sich, der Gesetze seiner Produktivität vielleicht nicht gewiss, versenkt – mag auch der Ich-Errettung, der Genesung dienen. »Dann regt sich unter dem Bann schwerer Träume etwas wie die Sehnsucht nach Einheit und Erneuerung: ›Jetzt ist die Welt wieder zusammengewachsen‹«, schreibt er über seine »magischen Landschaften aus Pyramiden und Würfeln, übernatürlich leuchtenden Bergseen«.

Walter Benjamin hat dafür den Begriff der profanen Erleuchtung geprägt: »Die wahre, schöpferische Überwindung« des Alten liege »nun wahrhaft nicht bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer profanen Erleuchtung, einer materialistischen, anthropologischen Inspiration.« Und Benjamin weitete diese Auslegung des Surrealismus ins Politische: »Seit Bakunin hat es in Europa keinen radikalen Begriff von Freiheit mehr gegeben. Die Sürrealisten haben ihn. […] Die Kräfte des Rausches für die Revolution zu gewinnen, darum kreist der Sürrealismus in allen Büchern und Unternehmen. Das darf er seine eigenste Aufgabe nennen.«

Es mag der Kern der surrealistischen Auffassung der Welt sein, das Nützlichkeitsdenken zu zerschmettern und dem ewigen Verhängnis des Pragmatismus eine Ansicht entgegenzustellen, in der die Dinge und Gedanken sich nicht fügen, sondern in erstaunlichen Korrelationen zusammenfinden. Davon künden allein die überraschenden Bildtitel bei de Chirico und Magritte – und bei Roberto Yáñez: »Sieben Bäume, die sich bemühen«. »Das Sperma der Doppelschleuse«. »Die lachenden Quallen«. »Ein schwebender Ernst«.

Das Erwachen

Doch ich habe mich zu weit nach vorne gewagt. »Er hat sich in der Wirklichkeit geirrt«, sagt Roberto Yáñez in Thomas Grimms Film »Honeckers Enkel Roberto. Eine Rückkehr nach Deutschland« (MDR 2013) über seinen Großvater. Und in Yáñez’ Gedicht »Das Erwachen«, in dem sich das lyrische Ich nach und nach entpuppt, steht: »Er denkt eher an die Schönheit als an die Wissenschaft«.

Und deshalb geben wir abschließend dem Kunstwissenschaftler Ernst Gombrich das Wort: »So wie Picasso suchten auch andere Künstler nach etwas weniger Artifiziellem, weniger Beliebigem. Aber wenn dieses weniger im Inhalt lag (wie einst) noch in der Form (wie noch vor kurzem), was sollte der Sinn ihres Schaffens sein? Die Antwort auf diese Frage lässt sich leichter fühlen als formulieren, denn wenn man solche Dinge erklären will, landet man nur allzuleicht bei verschwommenem Tiefsinn oder schlichtem Blödsinn.«

Oder eben dem anwesenden Künstler. Er begreift »die Malerei als ästhetischen Genuss. Ich jedenfalls male, um zu genießen. Es mag ja Künstler geben, die sich selbst quälen und das für Kunst halten. Ich bin eher Epikureer.«

Und Epikureer zu sein – es wäre das Schlechteste nicht für diese Welt.

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die Laudatio, die Jürgen Roth am 12. April 2019 auf der Vernissage der Ausstellung »Roberto Yáñez. Die surrealistische Situation des Gegenstandes« im Kunstraum Schwalbe 54 in Frankfurt am Main gehalten hat. (jW)

Roberto Yáñez Betancourt, Jahrgang 1974, ist Maler und Dichter. Er ist der Enkel von Margot und Erich Honecker und verarbeitete seine schwierige Jugend nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und der Flucht nach Chile in dem zusammen mit Thomas Grimm verfassten Buch »Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers« (2018). Yáñez lebt und arbeitet in Valparaíso, Chile.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er lebt in Frankfurt am Main. An dieser Stelle erschien zuletzt in der Ausgabe vom 11./12. Mai »Vom Sehen (und Hören). Eine Senkrechte in der Zeit: Der Kiebitz und das Glück«

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